Suchen

Meilenstein Temperiertechnik

Vom Rosenhut zur Peltiertemperierung

Seite: 2/3

Firmen zum Thema

Sternstunde für die Analytik: Umwälzthermostat von Haake

Der Chemiker Fritz Höppler war für die nächsten Meilensteine verantwortlich. Er arbeitete damals bei der Firma Gebrüder Haake in Medingen bei Dresden und optimierte im Jahr 1932 die Temperierung eines Viskosimeters, indem er es mit einem temperierten Flüssigkeitsmantel umgab. Dieser wurde von einem Thermostaten mit der Temperierflüssigkeit versorgt, der 1934 in Serie ging. 1938 schließlich erfand Höppler den ersten Ultra-Umwälzthermostaten, noch heute eines der wichtigsten Instrumente zur exakten Temperierung von Mess- und Analysegeräten. Sein wichtigster Mitarbeiter: der Physiker Dr. Rudolf Wobser.

1956, mit der Gründung seines Familienunternehmens, beginnt dieser, die Geschichte der Thermostatierung mitzuschreiben. 1955 erlebt Dr. Wobser als Technischer Leiter der inzwischen umbenannten Firma VEB Prüfgeräte-Werk Medingen (vormals Gebrüder Haake) aus Ostdeutschland die Achema, schon damals die weltweit bedeutendste Messe für chemischen Apparatebau und Labortechnik. Die Aufbruchstimmung und der Geist der Freiheit im Westen bewegen ihn dazu, mit seiner Familie den nicht ungefährlichen Schritt in den Westen zu gehen. Die „Republikflucht“ führt bereits im August 1955 zunächst nach West-Berlin. Nach einigen Zwischenstationen und einer Phase der Suche nach einem vielversprechenden Standort für sein Unternehmen, findet er in Lauda bei Würzburg optimale Bedingungen [5].

Bildergalerie

Bildergalerie mit 5 Bildern

Thermostatisierungs-Pionier Dr. Wobser: Startup in Lauda

Der jungen Firma gehört bereits Werner Trepte, ein Weggefährte aus Medingen, sowie der 20-jährige Sohn Karlheinz Wobser an. Bald darauf kommt der Tauberbischofsheimer Mechanikermeister Julius Strang dazu. Gemeinsam arbeiten sie an der Entwicklung von Ultra-Thermostaten, -Kryostaten und Strömungsmessern.

Ein erstes technisches Highlight gelingt den Pionieren Anfang 1958: ein Thermometer-Prüfgerät für die Anwendung in der Luftfahrt. Ende Mai 1958 kann das Unternehmen dann auf der Achema zum ersten Mal reüssieren: mit Ultra-Thermostaten und -Kryostaten, verschiedenen Arten von Strömungsmessern und einem Schmelzpunkt-Schnellbestimmer. Die „Kälte-Erfahrung“ bringt insbesondere Sohn Karlheinz ein, der dazu einen mehrmonatigen Spezialkurs bei Linde absolviert hatte. Die Achema-Exponate überzeugen; die Auftragsbücher füllen sich.

Innovation braucht aber manchmal auch Freiräume. Die nutzt Gerhard Wobser, der jüngere Sohn des Unternehmensgründers. Aus dem eigenen Entwicklungslabor steuert er das so genannte Quantenrelais bei, das für eine stetige Heizleistung in Form von gepulsten Heizstößen sorgt. 1967 zeigt Lauda eine völlig neue Generation von Ultra-Thermostaten – mit einer Regelelektronik, die es erlaubt, die Heizleistung stufenlos präzise einzustellen. Ergänzt wird das Angebot zudem um eine besonders kompakte Baureihe, die unter anderem den Kryostaten K2R umfasst. Die darin verwendete lagerfreie Umwälzpumpe und korrosionsbeständiger Edelstahl prägen die Modelle.

Anfang der 1970er übernehmen die Söhne Karlheinz Wobser (als technischer Leiter) und Dr. Gerhard Wobser (als Leiter F&E) Führungsverantwortung. Der frische Wind in F&E mit damals 17 Mitarbeitern sorgt für schnelle Erfolge: etwa in Form des Viscotimers, des weltweit ersten Kapillar-Viskositätsmesssystems. Auch die Entwicklung von kleinen Wärmethermostaten wird forciert. Pünktlich zur nächsten Achema 1973 sind drei neue Thermostate fertig. Ihr Bauprinzip mit Kontrollköpfen, die alle Funktionseinheiten außer das Temperierbad enthalten, wird wegweisend.

Hypothermiegeräte für die Operation am offenen Herzen

1977, nach dem frühen Tod des Firmengründers, treten die Sohne die Nachfolge als Gesellschafter an. Technisch sind die Jahre geprägt durch einen neuen Bedarf nach Kühlgeräten in der Medizintechnik. Für das Herabsetzen der Körpertemperatur von Patienten, die am offenen Herzen operiert werden, entwickelt Lauda ein spezielles Hypothermiegerät WKV 450 S für die Firma Stöckert (heute Livanova), Anbieter von Herz-Lungen-Maschinen. Das OEM-Gerät temperiert sowohl eine Kühlmatte, auf der der Patient liegt, als auch seinen Blutkreislauf. Inzwischen ist es in der dritten Auflage weltweit verbreitet.

Einen weiteren Meilenstein in der Thermostatisierung eröffnet die Digitaltechnik. 1976 werden die ersten, überaus genauen Digitalthermometer als Zusatzgeräte zu den Lauda-Thermostaten verkauft. Eine neue Generation von Thermostaten mit digitaler Anzeige von Soll- und Istwert präsentiert das Unternehmen 1982. Als Sensation jedoch dürfte der zeitgleich vorgestellte weltweit erste Mikroprozessor-Thermostat bewertet worden sein, dessen komplette Signalverarbeitung digital erfolgt. Neben einer bislang unerreichten Temperaturkonstanz ermöglicht das eine hochauflösende Anzeige bis zu einem Tausendstel Grad. Zudem verfügen die Lauda-Geräte nun über digitale und analoge Schnittstellen. Die ersten menügeführten Anwenderprogramme kommen hinzu. Dass zugleich noch immer die Kältetechnik an sich für Überraschungen gut ist, beweist Lauda mit der neuen Proportionalkühlung. Bisher erzielte man die gewünschte Temperatur weithin im Markt, indem man maximal kühlte und dann bis zur gewünschten Temperatur aufheizte. Die neue Technik kühlt dagegen genau so stark wie nötig und spart Energie.

In den frühen 1990ern löst das Unternehmen die alte Linien mit einer neuen Generation an Compact-Thermostaten mit fortschrittlicher Regelungstechnik ab, unter anderem einem Modell mit LC-Display und Folientastatur. Wettbewerber Haake jedoch hat hier einmal die Nase vorn. Er stattet auch die Einsteigergeräte mit Mikroprozessortechnologie aus. Erst 1997 zieht Lauda mit der Ecoline gleich. Das sonnengelbe Laborgerät fällt nicht nur ob der Farbe auf; auch das Bedienkonzept ist dem des Wettbewerbs voraus.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 44899333)