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Abwasser als Virenbibliothek Wenn die Kanalisation viral geht – Erregerdynamik im Abwasser untersuchen

Quelle: Pressemitteilung Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin 3 min Lesedauer

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Über 17 Monate analysierten Forscher Abwasserproben aus Berlin auf Krankheitserreger. Mit umfassenden Metagenom-Sequenzierungen zeigten sie, wie sich Abwasser-Monitoring zur Vorhersage von Infektionsausbrüchen eignet – und entdeckten zudem Tausende neuer Viren.

Abwasserprobe vor der Sequenzierung(Bild:  Felix Petermann, Max Delbrück Center)
Abwasserprobe vor der Sequenzierung
(Bild: Felix Petermann, Max Delbrück Center)

Schon länger überwachen Gesundheitsbehörden das städtische Abwasser, um bestimmte Mikroben wie Polioviren oder SARS-CoV-2 aufzuspüren. Eine umfassende Surveillance, die zusätzlich auf bislang unentdeckte und somit unbekannte Viren abzielt, ist dagegen in den meisten Orten der Welt nicht die Norm.

Das könnte sich in der Zukunft ändern. Denn Abwasser ist eine wahre Fundgrube für Daten zu Viren in unserer unmittelbaren Umgebung, zeigt eine Studie der Arbeitsgruppe „RNA-Biologie und posttranskriptionale Regulation“ von Professor Markus Landthaler am Max Delbrück Center (MCD). Die Wissenschaftler analysierten Proben aus einer Berliner Kläranlage mithilfe der Shotgun-Metagenom-Sequenzierung. Dank dieser Technologie konnten sie alle Viren im Wasser umfassend untersuchen: von der Bestimmung von Virusvarianten bis hin zur Nachverfolgung einzelner Buchstabenänderungen im Erbgut.

Der virale Fingerabdruck im Abwasser

Die Wissenschaftler fanden mit ihrer Methode zuverlässig alltägliche Viren wie RSV oder Grippe und konnten die saisonale Ausbreitung der Virusvarianten nachvollziehen. Je nach Jahreszeit wiesen sie außerdem typische Besucher im Abwasser nach: Viren, die Spargel infizieren, tauchten im Frühjahr auf, Weintrauben-Viren im Herbst und solche, die es auf Wassermelonen oder die Berliner Mücken abgesehen haben, im Sommer.

Die weit verbreiteten Astroviren, die beim Menschen den Magen-Darm-Trakt befallen, schauten sich die Wissenschaftler genauer an. Sie verglichen, welche Mutationen im viralen Genom im Berliner Abwasser vorkamen und welche anderswo gefunden worden waren. So konnten sie die weltweite Ausbreitung einzelner Stämme nachverfolgen. In angereicherten Proben detektierten und sequenzierten sie außerdem etwa 70 menschliche Pathogene, die seltener zu finden sind. Sie entdeckten Tausende neuer Viren und erweiterten so das Wissen um die virale Artenvielfalt.

Die Wissenschaftler filtrierten die bräunliche Brühe, reicherten die Viruspartikel an, die sie dabei fanden, isolierten und sequenzierten das Erbgut der Viren.(Bild:  Felix Petermann, Max Delbrück Center)
Die Wissenschaftler filtrierten die bräunliche Brühe, reicherten die Viruspartikel an, die sie dabei fanden, isolierten und sequenzierten das Erbgut der Viren.
(Bild: Felix Petermann, Max Delbrück Center)

Doch ihre Analyse machte nicht bei den Viren halt. Die Daten brachten ebenfalls Hunderte Enzyme namens TnpB-Endonukleasen ans Licht, die potenziell in der Biotechnologie nützlich sein können. „Die Überwachung des Abwassers hat meines Erachtens ungeheures Potenzial. Denn Sequenzierungen werden billiger“, sagt Studienleiter Landthaler. „Und mit den Maschinen werden sich auch die Bioinformatik-Werkzeuge verbessern, die wir für die Analyse dieser Daten brauchen.“

Ein Datenschatz wird gehoben

Die Forschung an den Abwasserproben hatte während der Coronapandemie begonnen. Dank einer Kooperation mit den Berliner Wasserbetrieben hatte Landthalers Arbeitsgruppe Proben aus einer Berliner Kläranlage bekommen. So konnte das Team die Verbreitung und die Wellen der SARS-CoV-2-Varianten verfolgen. Als die Pandemie allmählich abebbte, beschlossen die Wissenschaftler die zwischen März 2021 bis Juli 2022 gesammelten Proben erneut zu untersuchen. „Wir waren neugierig, was da noch zu finden ist“, sagt Dr. Emanuel Wyler, Postdoktorand in der Arbeitsgruppe von Landthaler und Erstautor der Studie. „Wir hatten hier ja ein sehr umfassendes Set an Daten, das in seiner Tiefe und Zeitspanne einzigartig ist.“

Der Virenstammbaum zeigt die Verwandtschaftsverhältnisse der bekannten Virengruppen in verschiedenen Farben; die neu im Abwasser entdeckten Viren sind leuchtend hellblau dargestellt. Alle nach außen weisenden Linien stehen für ein virales Genom. Die neu entdeckten Viren mischen sich in die bekannten Gruppen (unterer Teil), bilden aber auch eigenständige neue Gruppen.(Bild:  AG Landthaler, Max Delbrück Center)
Der Virenstammbaum zeigt die Verwandtschaftsverhältnisse der bekannten Virengruppen in verschiedenen Farben; die neu im Abwasser entdeckten Viren sind leuchtend hellblau dargestellt. Alle nach außen weisenden Linien stehen für ein virales Genom. Die neu entdeckten Viren mischen sich in die bekannten Gruppen (unterer Teil), bilden aber auch eigenständige neue Gruppen.
(Bild: AG Landthaler, Max Delbrück Center)

Die Forscher extrahierten RNA aus den Proben und generierten 116 Bibliotheken komplementärer DNA. Sie speisten die Bibliotheken in einen Sequenzierer ein – und das Ergebnis waren Millionen Messwerte. „Diese Daten zu analysieren, ist eine Herausforderung“, sagt Dr. Chris Lauber, ein auf Bioinformatik spezialisierter Virologe von Twincore, dem Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI). „Genomische Daten in die großen Virenfamilien einzusortieren, ist vergleichsweise einfach. Aber eine tiefgehende Analyse, die nach Varianten oder ganz neuen Viren sucht, kann sehr anspruchsvoll sein.“

Dies alles zeige, welches Potenzial die Überwachung des Abwassers hat – um die Evolution pathogener Viren zu untersuchen und im Hinblick auf Public Health und damit für die Gesundheit der Bevölkerung, sagt Landthaler und fordert daher: „Die Analyse des Metagenoms von Abwasser an möglichst vielen Standorten weltweit sollte Priorität haben.“

Originalpublikation:

Emanuel Wyler et al.: Pathogen dynamics and discovery of novel viruses and enzymes by deep nucleic acid sequencing of wastewater., Environment International, Volume 190, August 2024; DOI: 10.1016/j.envint.2024.108875

(ID:50103538)

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