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Keilschrifttafeln im Computertomographen Forscher lüften 4.000 Jahre altes Briefgeheimnis mittels Röntgenstrahlung

Quelle: Pressemitteilung Universität Hamburg 3 min Lesedauer

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Schon im antiken Mesopotamien gab es eine Art Briefgeheimnis. Statt in Papier, verbargen die Menschen wichtige Dokumente in Tonumschlägen, von denen manche bis heute ungeöffnet erhalten sind. Ein neu entwickelter mobiler Computertomograph gibt nun erstmals Einblicke in diese verborgenen Keilschriften. Erster Einsatzort: der Louvre in Paris.

Verborgene Keilschrift im Inneren eines antiken Tonumschlags werden mithilfe eines mobilen Computertomographen sichtbar.(Bild:  Universität Hamburg)
Verborgene Keilschrift im Inneren eines antiken Tonumschlags werden mithilfe eines mobilen Computertomographen sichtbar.
(Bild: Universität Hamburg)

Keilschrifttafeln aus dem antiken Mesopotamien in Vorderasien sind die ältesten Schriftartefakte der Welt. Um die darauf festgehaltenen Informationen vor unbefugten Blicken zu schützen, begann man im dritten Jahrtausend vor Christus damit, diese Tafeln in Umschläge aus Ton zu stecken. Einige dieser Tontafeln wurden nie geöffnet, zum Beispiel, wenn ein Schreiben sein Ziel nicht erreichte – mit der Folge, dass heute rund um den Globus versiegelte Keilschrifttafeln mit unbekanntem Inhalt in Museen und Archiven lagern.

Nun haben Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Understanding Written Artefacts“ (UWA) der Universität Hamburg und des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (DESY) den ersten mobilen Computertomographen der Welt entwickelt, mit dem die versiegelten Tafeln gelesen werden können. ENCI („Extracting non-destructively cuneiform inscriptions“) erschließt damit für die Altertumsforschung eine Fülle bisher unzugänglicher Quellen.

Antike Briefe teils bis heute im Tonumschlag versiegelt

„Forschende, die sich wie ich mit der Geschichte Mesopotamiens beschäftigen, hat es immer frustriert, dass es so viele Keilschrifttafeln gibt, die sich über Jahrtausende erhalten haben und die wir trotzdem nicht lesen können“, sagt Prof. Dr. Cécile Michel, eine der Leiterinnen des Projekts. Die Assyriologin ist Professorin am Centre national de la recherche scientifique in Paris und Mitglied des Exzellenzclusters UWA. „Durch persönliche Briefe gewinnen wir neue Einblicke in den Alltag und die Lebensumstände der Menschen damals.“ Bei wichtigen Dokumenten wie Verträgen seien Kerninhalte oft außen auf dem Umschlag zusammengefasst worden, wie die Expertin erklärt. „So wissen wir bereits etwas über die Texte im Inneren. Doch auch hier stellen sich noch viele Fragen: Welche Informationen wurden auf den Umschlag übertragen, welche ausgelassen? Wo weicht der äußere vom inneren Text ab und weshalb?“

Mithilfe von Röntgenstrahlung bildet ENCI die Keilschrifttafel und ihren Umschlag in vielen einzelnen Schichten ab. Am Computer zeigt sich der leere Raum zwischen der Schrifttafel und dem Umschlag auf jedem Einzelbild. Werden die Bilder zusammengesetzt, wird die Oberfläche der Keilschrifttafel im Inneren des Umschlags sichtbar – mitsamt der Schriftzeichen darauf.

Mit 400 Kilo ein Leichtgewicht

„Tomographen mit der benötigten Strahlungsintensität sind normalerweise mehrere Tonnen schwer“, sagt Prof. Dr. Christian Schroer, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Nanostruktur- und Festkörperphysik an der Universität Hamburg, der ENCI federführend entwickelt hat. Für die Forscher war entscheidend, dass der neue Tomograph mobil ist, weil kaum ein Museum seine Sammlung auf Reisen schickt. „ENCI wiegt nur etwas über 400 Kilogramm“, hebt Schroer hervor. „Die größte Herausforderung bestand darin, diese Leichtbauweise mit dem erforderlichen Strahlenschutz zu verbinden.“

Die Animation zeigt die 3D-Rekonstruktion einer eingeschlossenen antiken Keilschrifttafel in einer Tonhülle, erstellt mit ENCI (Extracting non-destructively cuneiform inscriptions); Quelle: Universität Hamburg, Lizenz: UHH-L2G

Erste Analysen am Louvre in Paris

Vom 1. bis 9. Februar 2024 werden UWA- und DESY-Wissenschaftler mit dem mobilen Computertomographen Keilschrifttafeln aus dem Louvre in Paris untersuchen. Mit rund 12.000 Tafeln verfügt das Museum über eine der wichtigsten Sammlungen von Keilschrifttafeln weltweit. Die Untersuchungen werden zunächst an zwölf ausgewählten Tafeln durchgeführt. Die meisten von ihnen stammen aus der antiken Stadt Ur im heutigen Irak.

„ENCI illustriert im besonderen Maße, wie die interdisziplinäre Forschung des Exzellenzclusters ‚Understanding Written Artefacts‘ neue Perspektiven auf das schriftliche Kulturerbe eröffnet. Wer hätte gedacht, dass die Zusammenarbeit zwischen Assyriologie und Röntgenphysik eine solche Dynamik entwickeln wird?“, sagt Prof. Dr. Konrad Hirschler, Sprecher des Exzellenzclusters UWA. Dort entwickeln seit 2019 rund 150 Wissenschaftler aus 40 Disziplinen eine globale Perspektive auf Schriftartefakte aus allen Kulturen und Epochen, von der antiken Inschrift bis zum heutigen Notizbuch.

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