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Kernreaktoren überwachen Antineutrino-Detektor misst Restaktivität in Brennelementen

Quelle: Pressemitteilung Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK) 4 min Lesedauer

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Kernreaktoren sind auch nach Abschalten nicht komplett aus: langlebige Spaltprodukte zerfallen noch über Monate oder Jahre und erzeugen weiterhin schwache Signale in Form von Antineutrinos. Forscher haben diese winzigen Signale nun erstmals gemessen und damit neue Wege zur Überwachung des Reaktorstatus eröffnet.

Schematischer Aufbau des Double-Chooz-Detektors zum Antineutrino-Nachweis.(Bild:  Double-Chooz-Kollaboration)
Schematischer Aufbau des Double-Chooz-Detektors zum Antineutrino-Nachweis.
(Bild: Double-Chooz-Kollaboration)

Selbst wenn die Lichter ausgehen und die Kernreaktoren abgeschaltet werden, hat das Geschehen im Reaktorkern noch viel zu erzählen. Radioaktive, langlebige Spaltprodukte zerfallen noch über Monate oder sogar Jahre hinweg und erzeugen dabei einen schwachen Fluss einer bestimmten Art von Teilchen, die als Antineutrinos bekannt sind. (Anti-)Neutrinos sind die leichtesten und am schwersten fassbaren bekannten Teilchen im Universum, wodurch sie ungehindert sowohl aus dem Reaktor als auch aus der umgebenden Abschirmung entweichen können.

Forschende der Double-Chooz-Kollaboration haben diese verbleibende Antineutrinoemission nun erstmals gemessen. Dr. Anthony Onillon und Dr. Thierry Lassere vom Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK) in Heidelberg haben die dazu veröffentlichte Studie geleitet. Die Ergebnisse zeigen: Antineutrino-Detektoren können auch während Stillstandszeiten von Kernreaktoren Signale messen, was neue Perspektiven für die Reaktorüberwachung, die nukleare Sicherheit und die Sicherheitsüberwachung eröffnet.

Die Messung wurde im Kernkraftwerk Chooz in Nordfrankreich durchgeführt. Der Double-Chooz-Detektor befindet sich unterirdisch in einer Entfernung von etwa 400 Metern zu den beiden Reaktorkernen. Der Detektor enthält mehr als 30 Kubikmeter Flüssigszintillator, ein Material, das winzige Lichtblitze aussendet, wenn ein Antineutrino im Inneren des Detektors wechselwirkt.

„Antineutrinos treten nur äußerst selten mit Materie in Wechselwirkung. Wenn jedoch eines im Double-Chooz-Detektor wechselwirkt, entsteht ein charakteristisches Doppelsignal, das sich von Hintergrundereignissen unterscheiden lässt“, erklärt Lasserre von der unabhängigen Forschungsgruppe Omina, die ebenfalls am MPIK angesiedelt ist. Dies ermöglicht es den Forschenden, die Reaktor-Antineutrinos zu identifizieren.

Neutrinos

Neutrinos gehören zu den rätselhaftesten Elementarteilchen des Universums. Sie entstehen zum Beispiel bei Sternenexplosionen (Supernovae), wo fast die gesamte Energie in Form von Neutrinos ins All hinausgeschleudert wird.

Nach Lichtquanten ist das Neutrino das zweithäufigste Teilchen im Universum. Auch unsere Sonne erzeugt bei der Kernfusion riesige Mengen davon: Etwa 65 Milliarden Neutrinos treffen pro Sekunde auf jeden Quadratzentimeter der Erde. Dabei durchqueren sie Materie nahezu ungehindert, weshalb sie auch als „Geisterteilchen“ bekannt sind. Das macht den Nachweis der Teilchen extrem schwierig. Nur riesige Detektoren mit mehreren hundert Tonnen empfindlicher Masse fangen einige wenige von ihnen ein.

Und es wird noch ungewöhnlicher: Erweiterte Modelle sagen voraus, dass Neutrinos ihre eigenen Antiteilchen sein könnten – so genannte Majoranateilchen. Diese Eigenschaft könnte erklären, warum im Universum kaum Antimaterie existiert. Es gibt also noch einiges zu erforschen.

Quelle: Sind Neutrinos ihre eigenen Antiteilchen?, Max-Planck-Gesellschaft, 2016, DOI: 
10.17617/1.52 

Signale aus der Stille des Kernreaktors

Die Kollaboration analysierte Daten aus 17,2 Tagen, die während der vollständigen Abschaltung beider Reaktorblöcke aufgezeichnet wurden. In diesem Zeitraum beobachtete der Detektor rund 100 potenzielle Antineutrino-Ereignisse, die von der Restradioaktivität in den Reaktorkernen und in nahegelegenen Abkühlbecken für abgebrannte Brennelemente stammten.

Thierry Lassere und Anthony Onillon und bei der Diskussion der Daten.(Bild:  R. Lackner/MPIK)
Thierry Lassere und Anthony Onillon und bei der Diskussion der Daten.
(Bild: R. Lackner/MPIK)

Das gemessene Signal stimmt bemerkenswert gut mit detaillierten Simulationen des verbleibenden Kernbrennstoffbestands und des Zerfalls langlebiger Spaltprodukte überein. Dies stellt die erste direkte experimentelle Validierung von Vorhersagen zur Antineutrinoemission aus stillgelegten Reaktoren und abgebranntem Brennstoff dar.

„Bislang konzentrierten sich Experimente mit Reaktor-Antineutrinos hauptsächlich auf in Betrieb befindliche Reaktoren, wo der Antineutrinofluss viel größer ist. Die Detektion des winzigen Restsignals nach der Abschaltung erforderte außergewöhnlich niedrige Hintergrundsignale und sorgfältige Analysetechniken, die von der Double-Chooz-Kollaboration über viele Jahre hinweg entwickelt wurden“, erklärt Lasserres Kollege Onillon.

Überwachung von abgeschalteten Reaktoren und Brennelement-Lagerbecken

Aktuelle erste Ergebnisse des Neutrino-Experiments JUNO-TAO, die auf der Fachkonferenz „Neutrino 2026“ vorgestellt wurden, zeigen, dass diese neue Richtung bereits von anderen Experimenten verfolgt wird. Durch die Analyse von Daten aus Zeiten, in denen ein nahegelegener Reaktor abgeschaltet ist, zielt TAO darauf ab, das schwache Antineutrinosignal aus abgebranntem Kernbrennstoff zu isolieren. Das Double-Chooz-Ergebnis liefert nun den ersten publizierten Referenzpunkt, um dieses verbleibende schwache Leuchten von Antineutrinos aus abgeschalteten Reaktoren und Brennelement-Lagerbecken zu verstehen.

Das Ergebnis zeigt, dass Antineutrino-Detektoren in Zukunft nicht nur während des Reaktorbetriebs, sondern auch während Wartungsphasen und nach der Abschaltung Informationen liefern könnten. Solche Messungen könnten für die unabhängige Überprüfung des Reaktorstatus und der Bestände an abgebranntem Brennstoff relevant werden.

Das Double Chooz Experiment.(Bild:  DoubleChooz collaboration)
Das Double Chooz Experiment.
(Bild: DoubleChooz collaboration)

Double Chooz war ursprünglich zur Untersuchung von Neutrinooszillationen konzipiert und spielte eine Schlüsselrolle bei der Messung des Neutrino-Mischungswinkels θ13, einem fundamentalen Parameter, der beschreibt, wie sich Neutrinos auf ihrer Reise zwischen verschiedenen Typen umwandeln. Diese Messung ebnete den Weg für zukünftige Untersuchungen von Materie-Antimaterie-Asymmetrien im Neutrino-Sektor. Mit dieser neuen Arbeit hat das Experiment eine weitere Premiere erreicht: die Beobachtung des schwachen Neutrino-Leuchtens, das nach dem Abschalten eines Reaktors zurückbleibt.

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Originalpublikation: T. Abrahão, H. Almazan, J. C. dos Anjos, S. Appel, J. C. Barriere, I. Bekman, T. J. C. Bezerra, L. Bezrukov, E. Blucher et al. (Double Chooz Collaboration): First measurement of neutrino emissions from spent nuclear fuel by the Double Chooz experiment, Phys. Rev. Lett. 137, Published 4 August, 2026; DOI: 10.1103/dr26-j19g