English China

Interview Laborautomation und Digitalisierung „Die beste Benutzeroberfläche ist die, die es nicht gibt“

Das Gespräch führte Dipl.-Chem. Marc Platthaus 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Auch in diesem Jahr wird es auf der LAB-SUPPLY eine Sonderschau zum Thema Labor der Zukunft geben. SmartLab Solutions und Düperthal präsentieren gemeinsam mit weiteren Industriepartnern auf der Regionalmesse in Freiburg am 21. Oktober einen Use Case und eine Vortragsreihe rund um Laborautomation und Digitalisierung. Wir haben mit SmartLab-Solutions-Geschäftsführer Dr. Felix Lenk und Tobias Wingbermühle vom Sicherheits-Experten Düperthal gesprochen.

Blick auf den Use Case auf der LAB-SUPPLY 2025 in Augsburg(Bild:  SmartLab Solutions GmbH)
Blick auf den Use Case auf der LAB-SUPPLY 2025 in Augsburg
(Bild: SmartLab Solutions GmbH)

Herr Dr. Lenk, Herr Wingbermühle, im vergangenen Jahr waren Sie mit Ihren Unternehmen erstmals mit einem Use-Case und einer Vortragsreihe auf der LAB-SUPPLY in Augsburg vertreten. Was hat sich seitdem verändert? Spüren Sie, dass das Thema Digitalisierung und Automatisierung inzwischen vom „Nice-to-have“-Innovationsprojekt zum notwendigen Thema, Stichwort Fachkräftemangel, Kostendruck, geworden ist?

Dr. Felix Lenk: Die Investitionszurückhaltung ist auch in der Analytik spürbar. Gleichzeitig wächst der Automatisierungsdruck durch Fachkräftemangel und Produktivitätsanforderungen. Investitionen werden heute allerdings früh auf ihre Wirtschaftlichkeit geprüft. Auffällig ist: Die Anfragen werden konkreter, und damit rückt auch die Interoperabilität stärker in den Fokus. Offene Standards wie OPC UA LADS oder SiLA werden dabei zunehmend zum Wettbewerbsvorteil.
Tobias Wingbermühle: Ein Stück weit Zurückhaltung bei Investitionen ist auch bei uns spürbar. Grundsätzlich hat sich die Art der Anfragen gewandelt: Früher ging es darum, ob ein Sicherheitsschrank überhaupt Daten liefern kann, heute darum, was diese Daten im Alltag einsparen können. Das bedeutet konkret, dass manuelle Kontrollgänge der Vergangenheit angehören: Das System erkennt geschlossene Schränke automatisch und lokalisiert Störungen bei der Abluft umgehend. Das spart wertvolle Arbeitszeit und entlastet Fachkräfte spürbar.

Viele kleinere Labore haben Angst vor dem „großen, teuren Digitalisierungsschlag“. Wie sieht der Use Case und die Vorträge in Freiburg aus? Holen Sie die Labore auch mit kleinen, schrittweisen Quick-Wins ab?

Lenk: Unsere Systeme sind modular aufgebaut. Dabei können sowohl Lösungen von Partnern als auch eigene Entwicklungen einzelne Prozessschritte abdecken. Diese Module lassen sich zu größeren Anlagen kombinieren, können aber bereits einzeln einen konkreten Quick-Win liefern – etwa mit unserem LABiNTERFACE, einer Station in der Wiege- oder pH-Prozesse assistenzautomatisiert sind und Werte zusammen mit der Proben-ID direkt ins LIMS übertragen werden.
Wingbermühle: Unser skalierbares Stufenkonzept ermöglicht Unternehmen den flexiblen Einstieg in die digitale Schranküberwachung. Das Spektrum reicht von der unkomplizierten Integration in bestehende Leitsysteme via potentialfreiem Kontakt bis hin zum detaillierten Messwert-Transfer über OPC UA (LADS) oder die unserer eigenen Plattform DÜPERTHAL connect. Jede Ausbaustufe ist in sich geschlossen und bietet bedarfsgerechten Anwendernutzen – von der schlanken Basislösung bis zur voll vernetzten Infrastruktur. 

Technologie ist das eine, der Mensch im Labor das andere. Wie nehmen Sie die Labormitarbeiter bei der Digitalisierung mit? Welche Rolle spielt z. B. die Benutzerfreundlichkeit?

Lenk: Die beste Benutzeroberfläche ist die, die es nicht gibt. Entscheidend ist eine durchgängige End-to-End-Übergabe von Daten und Prozessen. Digitalisierung sollte Abläufe vereinfachen und Mitarbeiter entlasten – nicht durch zusätzliche Oberflächen, Eingaben und Komplexität neue Hürden schaffen. Das sieht man in unseren sehr reduzierten Frontends.
Wingbermühle: Die beste Überwachung ist die, die völlig geräuschlos im Hintergrund läuft. Im hektischen Laboralltag hat niemand Zeit, permanent ein Dashboard im Blick zu behalten. Informationen und Alarme müssen automatisiert, rechtzeitig und exakt bei der zuständigen Person ankommen. Der eigentliche Wert unserer Lösung liegt daher nicht nur auf der Benutzeroberfläche, sondern in intelligenten Benachrichtigungsketten. Denn ein Alarm nützt im Labor nur dann, wenn er ohne Verzögerung die richtige Stelle erreicht.  

Viele Labore haben inzwischen für jedes Gerät ein eigenes Portal, eine eigene App, ein eigenes Login. Der Frust darüber ist spürbar. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Lösung nicht einfach eine weitere Insel in dieser Landschaft wird?

Wingbermühle: Indem der Schrank nicht zwingend auf unsere Plattform angewiesen ist. Seine Zustände können über einen potentialfreien Kontakt oder über OPC UA an Drittsysteme abgegeben werden, die in der Organisation bereits laufen, z. B. Gebäudeleittechnik, Leitstand oder Monitoringlösungen anderer Hersteller. Wer unsere Plattform nutzen möchte, kann das tun; wer sie nicht möchte, verliert deshalb keine Funktion am Schrank selbst. Eine Insel entsteht immer nur dann, wenn ein Hersteller die Daten seines Geräts kapselt bzw. für sich behalten möchte. Diesen Weg möchten wir nicht beschreiten.

Noch ein Blick in die Zukunft: Wenn wir uns im kommenden Jahr auf einer LAB-SUPPLY wiedersehen: Welcher Prozess im Labor, der heute noch manuell und fehleranfällig ist, wird dann Ihrer Meinung nach standardmäßig vollautomatisiert und digitalisiert ablaufen?

Lenk: Bei der Probenvorbereitung, die heute noch stark manuell erfolgt, wird sich in den kommenden Jahren viel verändern – gerade bei komplexeren Abläufen. Schon innerhalb eines Jahres erwarten wir zudem deutliche Fortschritte beim Einsatz von KI, etwa für visuelle Erkennung, Prozessoptimierung und Dokumentation.
Wingbermühle: Die Gefahrstoffdokumentation – in vielen Laboren ist das Verzeichnis bis heute eine Tabelle, die jemand nach einer Begehung nach pflegt und die bereits am nächsten Arbeitstag schon überholt ist. Dass Bestände direkt beim Ein- und Auslagern erfasst werden statt nachträglich aus dem Gedächtnis, halten wir für den Prozess mit dem größten Hebel, technisch ist das kein Zukunftsthema mehr. Die eigentliche Hürde liegt nicht in der Technik, sondern in gewachsenen Abläufen und der gestiegenen Komplexität.

Vielen Dank für das Gespräch, meine Herren.

Tobias Wingbermühle

(Bild: DÜPERTHAL)

Tobias Wingbermühle ist Digital Solution Lead für DÜPERTHAL connect, einer digitale Monitoring- und Asset-Management-Lösung für Labor- und Industrieumgebungen. Zuvor baute er ein Softwareunternehmen im Bereich Labor- und Ressourcenmanagement mit auf und verantwortete dort Vertrieb, Marketing, Partnerschaften und digitale Transformationsprojekte. Zudem gründete er eine Community zur Unterstützung von Startups im Life-Science-Bereich und leitete ein Beratungsunternehmen, das Organisationen bei digitaler Transformation, Go-to-Market-Strategien und nachhaltigem Wachstum begleitet. 

Dr. Felix Lenk

(Bild: SmartLab Solutions GmbH)

Dr. Felix Lenk hat an der TU Dresden Automatisierungs- und Regelungstechnik studiert und dort auch promoviert. Er ist Gründer und Geschäftsführer der SmartLab Solutions GmbH und der amensio GmbH – zwei Hightech-Startups für die Labordigitalisierung. Für das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, den Branchenverband Spectaris e. V. und die Society für Laboratory Automation and Screening (SLAS) ist er als ehrenamtlicher Gutachter und Berater tätig.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung