Viele finden ihn eklig. Wie praktisch, dass der Regenwurm sich ohnehin lieber in der Erde vergräbt. Dabei leistet er unabsichtlich einen wertvollen Dienst für uns Menschen und bringt Nährstoffe aus dem tiefen Boden nach oben. Dass er so schon Teil der Agrarischen Revolution vor vielen tausend Jahren war, legen Bodenanalysen von Kieler Forschern nahe.
Regenwürmer fördern die Entstehung fruchtbarer Böden – ein wertvoller Dienst, auch für die Landwirtschaft
Sie sind klein, unscheinbar und ziemlich bedeutend: Regenwürmer sind vermutlich stärker an der Entstehung der modernen Zivilisation beteiligt als bisher angenommen. Das legen Erkenntnisse aus einer Studie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nahe. Ein Kieler Forscherteam hatte die Böden an einer archäologischen Fundstelle in der Ukraine analysiert und festgestellt, dass tiefgrabende Regenwürmer von prähistorischer Landwirtschaft profitierten und im Gegenzug fruchtbare Böden schufen. Dies hat erhebliche Auswirkungen für die Rekonstruktion der für die Menschheit so entscheidenden „Agrarischen Revolution“, mit der sich Landwirtschaft und Viehhaltung weltweit verbreitete (s. u, ergänzendes zum Thema).
Schon der Begründer der Evolutionstheorie erkannte die Bedeutung des Regenwurms für den Menschen: Charles Darwin widmete dem Wenigborster 1881 ein Buch. Beobachtungen und Experimente führten ihn zu dem Schluss, dass die Würmer äußerst nützlich für den Ackerbau sind – entgegen der damaligen gesellschaftlichen Ächtung als Schädlinge. In den Fokus nahm Darwin auch die Entstehung der Ackerböden. Seine These: An ihrer Entstehung war der Regenwurm entscheidend beteiligt.
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Die jungsteinzeitliche Agrarische Revolution
Im vorderasiatischen „Fruchtbaren Halbmond“ – wie die Region zwischen der Türkei und der Arabischen Halbinsel auch genannt wird – wechselten die Menschen vor ca. 12.000 Jahren von wildbeuterischen Versorgungsstrategien zur sesshaften, agrarisch-produzierenden Lebensweise. Dieser historisch wichtige Schritt wird als Agrarische Revolution bezeichnet.
Die Schwarzerden der gemäßigten Klimazonen (temperate humid) sind in schwarz dargestellt und finden sich v. a. entlang der großen Flusssysteme Donau und Elbe. Entlang dieser hat sich auch das „Neolithische Paket“ verbreitet. Die zeitliche Angabe ist in BP (before present = vor heute). Die Symbiose Mensch–Regenwurm ist viele tausend Jahre alt und hat in vielen Regionen zur Entstehung von Schwarzerden geführt.
(Bild: Geoderma/Stefan Dreibrodt)
Fortan lebten die Menschen ortsfester, züchteten Vieh, bauten Pflanzen gezielt an und produzierten Keramik (u. a., um die Ernteerträge zu verarbeite du zu lagern). Diese archäologisch nachweisbaren, mit der neuen jungsteinzeitlichen Lebensweise verbundenen Aktivitäten werden im so genannten „Neolithischen Paket“ über viele Jahrhunderte von Anatolien über Südosteuropa bis nach Mitteleuropa verbreitet.
Obwohl die klimatischen Verhältnisse entlang dieses Weges sehr variabel sind, bilden fruchtbare Schwarzerden in den jungsteinzeitlichen Kernzonen die dominierenden Böden, erklärt Prof. Dr. Eileen Eckmeier, Kieler Professorin für Geoarchäologie und Umweltrisiken an der Uni Kiel.
Ursprung des fruchtbaren Bodens
Inwieweit sich Regenwürmer schon in der Vergangenheit als nützlich erweisen, hat das archäologisch-paläoökologische Forscherteam aus Kiel näher untersucht. Dazu studierten die Forscher die fruchtbarste Art von Ackerboden, die so genannten humosen Schwarzerden Mittel- und Osteuropas. „Das natürliche Vorkommen dieses Bodentyps konzentriert sich normalerweise auf die vom Kontinentalklima geprägten Eurasischen Steppen zwischen der Ukraine und China. Ihr Vorkommen und ihre Entstehung in den gemäßigten Klimazonen Mittel- und Osteuropas war lange Zeit ein Rätsel“, sagt Dr. Stefan Dreibrodt, der als Geoarchäologie und Bodenkundler im Team arbeitet. Er hat, mit Charles Darwins Annahme im Hinterkopf, die Bodenentwicklung über archäologischen Fundstellen in der Zentralukraine erforscht, an denen die Schwarzerde zu finden ist.
Jahrtausende des Umgrabens
Der Fokus der Studie lag auf der kupferzeitlichen Mega-Siedlung Maidanets’ke (3990–3640 v. Chr.). Sie gehört zu den frühen prähistorischen Großsiedlungen, in denen bereits zehntausende Menschen zusammenlebten. Für die Untersuchung entnahmen die Forscher um Dreibrodt 34 Bodenprofile von verschiedenen Orten und untersuchten sie später im Labor. Dabei zeigte sich: Zur Versorgung der großen Einwohnerschaft wurde die gesamte umliegende Landschaft verändert. Die dort siedelnden Menschen haben Wälder gerodet und landwirtschaftliche Nutzflächen angelegt. „Die nun vorhandene offene Agrarlandschaft veränderte abrupt die Bedingungen für alle Lebewesen. So auch für Regenwürmer. Die Böden waren fortan ausgeprägter Hitze und Trockenheit im Sommer und strengem Frost im Winter ausgesetzt“, erklärt Dreibrodt.
Gleichzeitig stand in der geöffneten Landschaft ganzjährig mehr Nahrung für Regenwürmer zur Verfügung. Von dieser Kombination profitierten tiefgrabende Regenwürmer, die den Hitze- und Frostperioden dadurch entkommen können, dass sie sich tief in die Erde zurückziehen. Um ihre senkrechten Gänge offenzuhalten, transportieren solche tiefgrabenden Arten permanent Material nach oben. Dadurch häufen sie organisches Material an der Bodenoberfläche – wie es Charles Darwin beschrieben hatte. In den vergangenen 5.000 Jahren haben die tiefgrabenden Regenwürmer so Schicht für Schicht die humusreiche Schwarzerde aufgebaut, wie die Wissenschaftler aus ihren Analysen schlussfolgern.
Das Missing Link zwischen Mensch und Boden
In Anbetracht der Forschungsergebnisse aus der Ukraine, sehen Dreibrodt und die anderen Mitglieder des Teams in der neolithischen Landschaftstransformation den auslösenden Impuls zur Förderung tiefgrabender Regenwürmer. „Regenwürmer müssen zum Neolithischen Paket hinzugezählt werden“, sagt Professor Johannes Müller, Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1266 „Transformations-Dimensionen – Mensch-Umwelt Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften“. „Tiefgrabende Regenwürmer bilden als Bestandteil des Neolithischen Pakets das ‚missing link‘ zwischen Mensch und Boden, das bislang unbekannt war. Ein Meilenstein für die archäologische Forschung. Und: eine Innovation, ohne die unsere moderne Zivilisation nicht entstanden wäre.“
Originalpublikation: Dreibrodt, S., Hofmann, R., Dal Corso, M., Bork, H.-R., Duttmann, R., Martini, S., Saggau, P., Schwark, L., Shatlio, L., Videiko, M., Nadeau, M.-J., Meiert Grootes, P., Kirleis, W., Müller, J.: Earthworms, Darwin and prehistoric agriculture-Chernozem genesis reconsidered. Geoderma, Volume 409, 2022; DOI: 10.1016/j.geoderma.2021.115607
Stand: 08.12.2025
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* C. Beeck, Christian-Albrechts- Universität zu Kiel, 24118 Kiel