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Social Freezing

Fruchtbar bis zum Schluss

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Und die Moral von der Geschicht‘?

Da es sich im Kern nur um eine Variante der künstlichen Befruchtung handelt, stehen den potenziellen Eltern beim Social Freezing alle Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik offen. Schlimmstenfalls könnte die Entwicklung hin zum Designer-Baby gefördert werden, wenn bestimmte genetisch bedingte Merkmale gezielt ausgewählt oder aussortiert werden, bevor die Zellhaufen ihre Chance zur Entwicklung bekommen. Möglicherweise wollen gerade späte Eltern bei ihrem doch noch ersehnten Wunschkind alles medizinisch Mögliche unternehmen, um vorhersehbare Probleme zu vermeiden.

Viele Einschränkungen lassen sich allerdings nicht am Erbgut ablesen. Weniger als 9 Prozent aller Behinderungen sind angeboren, die meisten im Laufe des Lebens erworben - viele erst unter der Geburt. Darüber hinaus wurden insbesondere physiologisch bedingte psychische Faktoren bisher nicht hinreichend untersucht. Gleiches gilt für etwaige psychische Belastungen durch die ungewöhnliche Entstehung oder das fortgeschrittene Alter der Eltern. Es fehlen Erkenntnisse aus Langzeitbeobachtungen, die bei dieser jungen Disziplin noch nicht möglich sind.

Die gute Nachricht: Chromosomen-Veränderungen scheinen nicht häufiger vorzukommen als bei spontaner Empfängnis. Daher sind die eigentlich großen unbeantworteten Fragen eher ethisch-moralischer Natur, denn medizinisch scheint es keine Unklarheiten zu geben. Auch die Experten selbst sehen das so: Die Organisation Fertiprotekt äußert sich in einer Stellungnahme zu den Fragen der nicht-medizinisch veranlassten Kryokonservierung von Eizellen. Das eigentliche Betätigungsfeld von Fertiprotekt ist die prophylaktische Eizellenentnahme für Krebspatientinnen, aus der der Social Freezing ursprünglich hervor ging. Daher ist die Einstellung der Lifestyle-Methode auch eher zurückhaltend.

„Du könntest meine Großmutter sein.“

Der ethische Knackpunkt bei dieser Technik ist das Alter, in dem eine Frau ihr Kind schließlich empfangen möchte. Grundsätzlich sind Reproduktionsvarianten in Abweichung von der natürlichen Norm in Deutschland nicht zuletzt durch das Embryonenschutzgesetz und verbindliche Ethikrichtlinien streng reglementiert. Eine Leihmutterschaft ist ebenso verboten wie die medizinisch assistierte anonyme Samenspende. Für die späte Einsetzung von Embryonen existiert allerdings keine Altersgrenze. Die Institute in Deutschland erklären sich offiziell bereit, Frauen bis zum Ende ihrer Vierziger zu behandeln. Ob sie sich in Anbetracht ihres notwendigen Gewinnstrebens und der wahrscheinlichen medialen Aufmerksamkeit, verbunden mit einer Werbewirkung, im Einzelfall daran halten, bleibt fraglich.

Denn aktuell liegt der Altersdurchschnitt der Frauen, die sich für das Social Freezing interessieren, bei 38 Jahren. Sie suchen offenbar in letzter Minute vor Ablauf ihrer biologischen Uhr nach einer Alternative zur überhasteten Last-Minute-Schwangerschaft. Und werden oft grob enttäuscht, denn sie überschätzen die Erfolgsaussichten des Social Freezing maßlos. In dem Alter, in dem sie den Kinderwunsch noch einmal um ein paar Jahre aufschieben wollen, ist der Zug prinzipiell selbst mit medizinischen Hilfe längst abgefahren und die Verfahren langwierig, teuer und ohne Erfolgsgarantie.

Frostige Vorteile

Dennoch verteidigen vor allem Feministinnen das Social Freezing als einen Fortschritt im Streben um die körperliche Selbstbestimmung der Frau: Für sie wird damit ein Ausgleich gegenüber den Männern geschaffen, die prinzipiell lebenslang fruchtbar sind. Frauen würden von dem Druck befreit, in einem relativ engen Zeitfenster Kinder zu bekommen und gewönnen dadurch mehr persönliche Freiheit. Nach den Rechten der Kinder fragen sie nicht.

Auf politischer Ebene verspricht man sich ebenfalls Vorteile. Alle Hoffnungen ruhen darauf, dass durch die Eigen-Spende weniger Kinder zu Welt kommen, die biologisch nicht mit ihren sozialen Eltern verwandt sind. Damit wird auf den Fall angespielt, dass eine ältere Frau mit Kinderwunsch eine Eizellen-Fremdspende in Anspruch nimmt und dann ein Kind gebiert, das die Gene einer anderen trägt.

Die beste Lösung scheint nach Meinung von Experten, die nicht von diesem Geschäft profitieren, jedoch zu sein, das Problem gar nicht erst entstehen zu lassen. Sie gehen davon aus, dass die effektivste Strategie darin besteht, Frauen darin zu unterstützen und sie dazu zu ermutigen, die Verwirklichung ihres Kinderwunsches schlicht und einfach nicht zu verschieben.

Was halten Sie vom Social Freezing? Käme eine späte Elternschaft für Sie infrage? Nutzen sie unsere Kommentarfunktion unten.

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