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Bedenkliche Chemikalien im Abrieb von Kletterschuhen Dicke Luft in Kletterhallen – wie an mehrspurigen Straßen

Quelle: Pressemitteilung Universität Wien 4 min Lesedauer

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An der Steilwand in der Kletterhalle wird so mancher Tropfen Schweiß erzeugt. Das riecht vielleicht unangenehm, ist aber nicht weiter schlimm. Bedenklich sind jedoch die Studienergebnisse eines Wiener Forschungsteams. Diese zeigen, dass durch Abrieb der Kletterschuhe Kunststoffpartikel in die Hallenluft gelangen – und das in Konzentrationen, wie man sie sonst nur von vielbefahrenen Hauptstraßen kennt.

An den bunten Griffen in Kletterhallen sammelt sich Gummiabrieb der Sohlen, der auch in die Luft gelangt. (Bild:  Aaron Kintzi/CeMESS)
An den bunten Griffen in Kletterhallen sammelt sich Gummiabrieb der Sohlen, der auch in die Luft gelangt.
(Bild: Aaron Kintzi/CeMESS)

Wer Indoor klettert, tut prinzipiell etwas Gutes für seine Gesundheit. Doch die Luft in der Halle trübt diese Bilanz, denn Kletterschuhe enthalten bedenkliche Chemikalien, die über den Abrieb der Sohlen in die Lunge der Sportler gelangen können.

Forschende der Universität Wien und EPFL Lausanne haben in einer aktuellen Studie erstmals nachgewiesen, dass sich in der Luft von Boulderhallen hohe Konzentrationen potenziell gesundheitsgefährdender Chemikalien aus Kletterschuhsohlen befinden, teilweise höhere als an einer stark befahrenen Straße. Die Schuhe enthalten ähnliche Gummimischungen wie Autoreifen – inklusive jener Zusatzstoffe (Additive), die in Verdacht stehen, Mensch und Umwelt zu schädigen.

Forschung an der Kletterwand

In einer Kletterhalle hängt eine Vielzahl an Gerüchen in der Luft: Schweiß, Staub vom Magnesiumcarbonat – und ein Hauch von Gummi. Wie die Forscher an der Universität Wien herausgefunden haben, kann der Gummiabrieb von Kletterschuhen in die Lungen der Sportler gelangen kann.

„Die Sohlen von Kletterschuhen sind Hochleistungsprodukte, genau wie Autoreifen“, erklärt Anya Sherman, Erstautorin der Studie und Umweltwissenschaftlerin am Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft (CeMESS) der Universität Wien.

Sherman klettert selbst gerne und viel – als Ausgleich zu ihrer Arbeit im Labor und am Computer. Bei einer Konferenz lernte sie Thibault Masset von der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) kennen, der an ähnlichen Themen forscht und ebenfalls gerne klettert. Die beiden Erstautoren der Studie hatten die Idee, das Gummi ihrer eigenen Kletterschuhe mit den wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen, die sie für die Analyse von Autoreifen verwenden. „Wir kannten die schwarzen Rückstände auf den Griffen in Kletterhallen, den Abrieb der Schuhsohlen. Kletterer wischen diesen für besseren Halt weg und wirbeln ihn dadurch in die Luft“, beschreibt Sherman ihre eigenen Erfahrungen.

Simulierter Atemprozess zeigt aufgenommene Schadstoffe

Anya Sherman untersucht mit einem Impinger (Partikelmessgerät) die Atemluft in Boulderhallen in Wien. (Bild:  Aaron Kintzi/CeMESS)
Anya Sherman untersucht mit einem Impinger (Partikelmessgerät) die Atemluft in Boulderhallen in Wien.
(Bild: Aaron Kintzi/CeMESS)

Ausgestattet mit einem so genannten Impinger, einem Partikelmessgerät, das die Aufnahme von Partikeln über die menschliche Atmung nachahmt, sammelte Sherman in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe von Professor Lea Ann Daily, Luftproben in fünf Boulderhallen in Wien. Der Impinger zieht Luft mit 60 Litern pro Minute ein und trennt die Partikel so, wie sie auch in die menschliche Lunge gelangen würden. Weitere Staubproben für die Studie stammen in Zusammenarbeit mit der EPFL Lausanne aus Boulderhallen in Frankreich, Spanien und der Schweiz.

Luftqualität wie im Großstadtverkehr

Die Grafik zeigt, welche Substanzen an welchen Stellen in der Kletterhalle freigesetzt werden.(Bild:  Universität Wien, Lukas Wimmer)
Die Grafik zeigt, welche Substanzen an welchen Stellen in der Kletterhalle freigesetzt werden.
(Bild: Universität Wien, Lukas Wimmer)

„Die Belastung in der Luft der Boulderhallen war höher, als wir erwartet hatten“, sagt Studienleiter Dr. Thilo Hofmann, Universitätsprofessor und Umweltwissenschaftler an der Universität Wien. Besonders auffällig: Wo viele Menschen auf engem Raum klettern, war die Konzentration an Gummiabrieb besonders hoch. Hofmanns Fazit: „Die Werte, die wir gemessen haben, gehören zu den höchsten, die bisher weltweit je dokumentiert wurden, vergleichbar mit mehrspurigen Straßen in Megastädten.“

Das Team fand in 30 untersuchten Schuhpaaren teilweise dieselben Chemikalien wie in Autoreifen: Unter den 15 aus Gummi gefundenen Additiven befand sich auch 6PPD, ein Gummistabilisator, dessen Umwandlungsprodukt mit Lachssterben in Gewässern in Verbindung gebracht wird. In der Gummisohle oder im Autoreifen machen diese Additive das Material widerstandsfähiger und haltbarer. Als abgeriebene Partikel in der Atemluft stellen sie womöglich ein Gesundheitsrisiko dar.

Viele Handlungsmöglichkeiten für bessere Luft in Kletterhallen

Was die Kletterschuh-Partikel in der Hallenluft tatsächlich für die menschliche Gesundheit bedeuten, ist noch unklar. Trotzdem unterstreicht Studienleiter Hofmann: „Diese Stoffe gehören nicht in die Atemluft. Es ist sinnvoll zu handeln, schon bevor wir alle Risiken genau kennen, gerade mit Blick auf empfindliche Gruppen wie Kinder.“

Erstautorin Sherman betont auch, dass die Betreiber der untersuchten Boulderhallen sehr kooperativ waren und ein hohes Interesse zeigen, die Luftqualität in ihren Hallen zu verbessern. „Diese konstruktive Zusammenarbeit soll dazu führen, eine möglichst gesunde Umgebung in der Kletterhalle zu schaffen, beispielsweise durch bessere Lüftung, Reinigung, das Vermeiden von Stoßzeiten und den Einkauf von Kletterschuhen, die weniger Additive enthalten.“

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„Essenziell ist ein Umstieg auf schadstoffärmere Sohlenmaterialien“, sagt Hofmann. Die Hersteller seien sich derzeit der Problematik zu wenig bewusst. In ihren Sohlen, deren Gummi sie zukaufen, befindet sich ein Cocktail an unerwünschten Chemikalien. Die Forschung werde nun weiter klären, wie sich die Stoffe auf den menschlichen Körper auswirken. Sherman bleibt motiviert: „Ich klettere weiter und bin zuversichtlich, dass unsere Forschung zu besseren Bedingungen in Kletterhallen beiträgt.“

Im Video der Uni Wien erläutern die Umweltwissenschaftler Anya Sherman und Thilo Hofmann die Ergebnisse ihrer Studie:

Originalpublikation: Anya Sherman, Thibault Masset, Lukas Wimmer, Leah K. Maruschka, Lea Ann Dailey, Thorsten Huffer, Florian Breider, Thilo Hofmann: Invisible Footprint of Climbing Shoes: High Exposure to Rubber Additives in Indoor Facilities ., ACS ES&T Air, April 24, 2025; DOI: 10.1021/acsestair.5c00017

(ID:50404557)