Über den Zerfall radioaktiver Isotope lässt sich das Alter von Fossilien bestimmen. Die oft genutzte Radiokarbon-Datierung reicht allerdings nur ca. 50.000 Jahre zurück. 200-mal so weit in die Vergangenheit könnten Forscher mithilfe einer neu entdeckten Anomalie des Radionuklids Beryllium-10 blicken.
Schematische Darstellung der Produktion und der Ablagerung von kosmogenem 10Be in Ferromangan-Krusten. Eine ausgeprägte Anomalie in der 10Be-Konzentration vor etwa zehn Millionen Jahren wurde entdeckt. Diese Anomalie hat großes Potenzial, als Zeitmarker für das späte Miozän zu dienen.
(Bild: HZDR / blrck.de)
Radionuklide können dazu genutzt werden, archäologische oder geologische Proben zu datieren, weil diese Isotope nach einer gewissen Zeit in andere Elemente zerfallen – sie lassen sich wie eine Art elementare Uhr auslesen. Das bekannteste Verfahren ist die Radiokarbon-Datierung. Das Prinzip: Lebende Organismen nehmen konstant das radioaktive Isotop Kohlenstoff-14 (14C) auf. Nach ihrem Tod stoppt die Aufnahme, weshalb der 14C-Gehalt durch den natürlichen Zerfall ab diesem Zeitpunkt zurückgeht, mit einer Halbwertszeit von ca. 5.700 Jahren. Das Verhältnis von 14C zu stabilem Kohlenstoff (12C) erlaubt es deshalb, das Sterbedatum zu ermitteln.
Dadurch lässt sich das Alter archäologischer Funde wie Knochen oder Holzreste sehr genau bestimmen. „Allerdings reicht diese Methode nur etwa 50.000 Jahre zurück“, erläutert Dr. Dominik Koll, Physiker am Helmholtz-Zentrums Dresden Rossendorf (HZDR). „Um ältere Proben zu datieren, braucht es andere Isotope, zum Beispiel kosmogenes Beryllium-10 (10Be).“ Dieses Radionuklid entsteht, wenn kosmische Strahlung auf Sauerstoff und Stickstoff in der oberen Atmosphäre trifft. Durch Niederschlag gelangt es auf die Erde und kann sich am Meeresgrund anreichern. Mit einer Halbwertszeit von 1,4 Millionen Jahren zerfällt es zu Bor und ermöglicht dadurch eine geologische Datierung, die mehr als zehn Millionen Jahre zurückreicht – 200-mal so weit wie die klassische Radiokarbon-Datierung.
Vor einiger Zeit hat Kolls Arbeitsgruppe eine besondere Probe untersucht: Im Pazifik hat ein Forschungsschiff geologische Proben aus mehreren Kilometern Tiefe geborgen. Es handelte sich um Ferromangankrusten, hauptsächlich bestehend aus Eisen und Mangan, die sich im Laufe von Jahrmillionen langsam, aber stetig gebildet hatten. Um die Proben zu datieren, analysierte das Team den 10Be-Gehalt mit einer hochempfindlichen Methode – der Beschleuniger-Massenspektrometrie am HZDR. Dabei wird die Probe chemisch gereinigt und anschließend auf Spurenisotope analysiert. Einzelne Atome aus der Probe werden durch Hochspannung beschleunigt, mit Magneten abgelenkt und von Spezialdetektoren registriert. Dadurch lässt sich 10Be sowohl von anderen Beryllium-Isotopen als auch von gleichschweren Molekülen und Isotopen trennen, etwa von Bor-10.
Als die Forschungsgruppe die Messdaten auswertete, stießen sie auf eine bislang unentdeckte Anomalie. „Bei etwa zehn Millionen Jahren fanden wir fast doppelt so viel 10Be, wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre“, berichtet HZDR-Physiker Koll. Um auszuschließen, dass es sich um eine Verunreinigung handelt, analysierten die Fachleute weitere Proben aus dem Pazifik. Auch hier zeigte sich die Anomalie – das Team kann also davon ausgehen, dass es sich um ein reales Phänomen handelt.
Woher stammt die Beryllium-10-Anomalie?
Doch wie war die auffällige Konzentrationserhöhung vor zehn Millionen Jahren entstanden? Koll sieht zwei Erklärungsansätze.
Einer hängt mit der Ozeanzirkulation nahe der Antarktis zusammen, die sich vor zehn bis zwölf Millionen Jahren drastisch verändert haben dürfte. „Das könnte dafür gesorgt haben, dass 10Be durch die veränderten Meeresströmungen eine Zeitlang ungleichmäßig auf der Erde verteilt wurde“, sagt der Physiker. „Dadurch könnte sich 10Be im Pazifik besonders angereichert haben.“
Die zweite Hypothese ist astrophysikalischer Natur. Demnach könnten entweder die Nachwirkungen einer erdnahen Sternexplosion dafür gesorgt haben, dass die kosmische Strahlung vor zehn Millionen Jahren vorübergehend intensiver wurde. Oder die Erde hatte zeitweise den Schutzschirm der Sonne – die Heliosphäre – durch die Kollision mit einer dichten interstellaren Wolke verloren und war dadurch stärker dem Einfluss der kosmischen Strahlung ausgesetzt.
Kosmogener Zeitmarker für die Jahrmillionen
„Ob die Beryllium-Anomalie durch veränderte Meeresströmungen entstanden war oder astrophysikalische Gründe hat, können nur neue Messdaten zeigen“, meint Koll. „Deshalb wollen wir künftig weitere Proben analysieren und hoffen, dass andere Forschungsgruppen das auch tun.“ Sollte man die Anomalie überall auf dem Globus finden, spräche das für die Astrophysik-Hypothese. Sollte sie dagegen nur in manchen Regionen auftreten, wäre die Erklärung mit veränderten Meeresströmungen plausibler.
Für die geologische Beryllium-Datierung jedenfalls könnte die Anomalie einen deutlichen Nutzen haben. Grundsätzlich gibt es bei Datierungen ein Problem, verschiedene Archive zu vergleichen. Dafür braucht es Zeitmarker, die sich in sämtlichen Datensätzen finden und mit deren Hilfe sich die Archive miteinander synchronisieren lassen. „Für Zeiträume von Jahrmillionen gibt es solche kosmogenen Zeitmarker noch nicht“, erklärt Koll. „Doch diese Beryllium-Anomalie hat das Potenzial, als ein solcher Marker zu fungieren.“
Stand: 08.12.2025
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