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Altmunition in der Ostsee Ostsee: Giftige Munitionschemikalien in Wasserproben nachgewiesen

Quelle: Pressemitteilung GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel 3 min Lesedauer

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Aus Altmunition in der südwestlichen Ostsee sind bereits rund 3000 Kilogramm gelöste giftige Chemikalien freigesetzt worden, wie eine neue Studie des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel zeigt. In Wasserproben aus den Jahren 2017 und 2018 wurden die Substanzen in fast allen Fällen nachgewiesen, insbesondere in der Kieler und der Lübecker Bucht.

Kriegsrelikte auf dem Meeresboden: Aus rostender Altmunition treten giftige Chemikalien in die Meeresumwelt aus. Foto: (Bild:  AUV-Team)
Kriegsrelikte auf dem Meeresboden: Aus rostender Altmunition treten giftige Chemikalien in die Meeresumwelt aus. Foto:
(Bild: AUV-Team)

In der deutschen Ostsee liegen Schätzungen zufolge rund 300.000 Tonnen Altmunition. Der Großteil stammt aus gezielten Versenkungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Versenkungsgebiete sind bekannt, die Munition liegt überwiegend deutlich sichtbar auf dem Meeresboden und kann mit Tauchrobotern dokumentiert und kartiert werden. Doch sprengstofftypische Verbindungen breiten sich über die Versenkungsgebiete hinaus im Wasser aus. Diese Belastung wird mit fortschreitender Korrosion der Metallhüllen noch zunehmen und Risiken weiter steigen, wenn die Altlasten nicht geborgen werden. Steigende Temperaturen und zunehmende Stürme im Zuge des Klimawandels beschleunigen den Zerfall der Munition zusätzlich.

Schadstoffe in fast jeder Probe nachgewiesen

Eine neue Studie des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel zeigt die anhaltende Umweltbelastung durch Altmunition. Dafür wurden in den Jahren 2017 und 2018 Wasserproben aus der südwestlichen Ostsee genommen, unter anderem in der Kieler und der Lübecker Bucht. Munitionschemikalien konnten in fast jeder Wasserprobe nachgewiesen werden. Die gemessenen Konzentrationen lagen meist weit unterhalb von Grenzwerten für Trinkwasser oder toxikologisch bedenklichen Schwellenwerten für Meeresorganismen. In einigen Fällen näherten sich die Werte jedoch kritischen Konzentrationen.

„Die Altmunition enthält giftige Substanzen wie TNT (2,4,6-Trinitrotoluol), RDX (1,3,5-Trinitro-1,3,5-triazinan) und DNB (1,3-Dinitrobenzol), die ins Meerwasser freigesetzt werden, wenn die Metallhüllen durchrosten“, erklärt Erstautor Dr. Aaron Beck, Geochemiker am Geomar. „Diese Stoffe können die marine Umwelt und die Gesundheit von Lebewesen gefährden, da sie toxisch und krebserregend sind.“

Regionale Unterschiede in der Kontamination

Für seine Untersuchung der chemischen Belastung mit sprengstofftypischen Verbindungen hat der Geochemiker Dr. Aaron Beck tausende Wasserproben in der südwestlichen Ostsee genommen. Foto: (Bild:  Sarah Kaehlert, GEOMAR)
Für seine Untersuchung der chemischen Belastung mit sprengstofftypischen Verbindungen hat der Geochemiker Dr. Aaron Beck tausende Wasserproben in der südwestlichen Ostsee genommen. Foto:
(Bild: Sarah Kaehlert, GEOMAR)

Vermutlich aufgrund unterschiedlicher Munitionstypen zeigten sich regionale Unterschiede bei der Kontamination: Besonders hohe TNT-Konzentrationen wurden in der Kieler Bucht gemessen, während in der Lübecker Bucht vor allem RDX und DNB nachgewiesen wurden. Die Munitionschemikalien lagen überwiegend in gelöster Form vor und waren nur in geringem Maße an Schwebstoffe oder Sedimente gebunden.

Die Forschenden stellten fest, dass der aktuelle Bestand an gelösten Munitionschemikalien in der Region etwa 3.000 Kilogramm beträgt. Ohne Maßnahmen zur Bergung ist mit einem Anstieg der Kontamination zu rechnen, da die Metallhüllen durch Korrosion zunehmend zerfallen und dadurch kontinuierlich mehr chemische Stoffe freigesetzt werden. Dieser Prozess würde noch mindestens 800 Jahre lang andauern.

Hintergrund: Pilotprojekt zur Munitionsbergung

Die Bundesregierung hat ein Pilotprogramm zur Bergung und umweltgerechten Entsorgung von Munitionsaltlasten ins Leben gerufen. Mit einem Budget von 100 Millionen Euro wurden im Herbst 2024 erstmals gezielt Munitionsreste aus der Lübecker Bucht geborgen. In einem zweiten Schritt soll eine autonome Bergungsplattform entwickelt werden, die die Altmunition vor Ort birgt und unschädlich macht.

Munitionsaltlasten: Ein globales Umweltproblem

Verklappte Munitionskisten in der Lübecker Bucht: Vermutlich aufgrund unterschiedlicher Munitionstypen zeigten sich regionale Unterschiede bei der Kontamination.(Bild:  Jens Greinert, GEOMAR)
Verklappte Munitionskisten in der Lübecker Bucht: Vermutlich aufgrund unterschiedlicher Munitionstypen zeigten sich regionale Unterschiede bei der Kontamination.
(Bild: Jens Greinert, GEOMAR)

Die Studie unterstreicht, dass die chemische Belastung durch Munitionsaltlasten ein internationales Problem ist. Die Forschenden empfehlen, versenkte Altlasten als „historische Kontaminanten mit wachsendem Besorgnispotenzial“ (“historical contaminants of emerging concern”) zu betrachten und gezielt zu sanieren.

Aaron Beck: „Im Gegensatz zu diffusen Verschmutzungen liegt die Altmunition in konzentrierter, bereits verpackter Form vor. Sie lässt sich also physisch aus der Umwelt entfernen.“ Die Munitionsräumungen in Deutschland könnten als Modell für die Beseitigung solcher Abfälle auf der ganzen Welt dienen. „Mit den Kriegsaltlasten kann zumindest eine Quelle für die Kontamination des Meeres dauerhaft beseitigt werden.“

Originalpublikation: Beck, A. J., Gledhill, M., Gräwe, U., Kampmeier, M., Eggert, A., Schlosser, C., Stamer, B., Greinert, J., & Achterberg, E. P. (2025). Widespread environmental contamination from relic munitions in the southwestern Baltic Sea. Chemosphere, 2025, 144115. https://doi.org/10.1016/j.chemosphere.2025.144115

(ID:50337256)

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