Risiken und Chancen in der Pharmaindustrie Wachsende Chancen trotz steigender Risiken: Pharmaindustrie sieht sich weiterhin als Wachstumsbranche
In der Pharmaindustrie gelten andere Regeln, als in anderen Branchen. Dies zeigt einmal mehr eine aktuelle Befragung der Wirtschaftsprüfgesellschaft PwC, die Vorstandschefs über aktuellen Risiken und Chancen im Pharmabereich befragte.
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Frankfurt am Main – Die Vorstandschefs der Pharma- und Life-Science-Industrie sehen ihre Unternehmen weltweit steigenden Anforderungen und Risiken ausgesetzt. Gleichzeitig erkennen sie aber auch wachsende Chancen: In den großen Industrienationen führen moderne Lebensweisen und die steigende Lebenserwartung zu einem größeren Bedarf an medikamentöser Behandlung und zu neuen Therapiefeldern. Wachstumsregionen wie zum Beispiel die BRIC-Staaten erreichen zunehmend einen Lebensstandards, der höhere Gesundheitsausgaben erlaubt. Insgesamt sind die Top-Manager der Pharmaunternehmen weltweit zuversichtlich, auch in Zukunft eine Wachstumsbranche zu bleiben.
Dies geht aus der branchenbezogenen Auswertung „11th Annual Global CEO Survey 2008. Pharmaceutical and Life Sciences Summary“ hervor, die die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) während des World Economic Forums in Davos vorgestellt hat. Im Zuge dieser Studie wurden 1150 Vorstandsvorsitzende aus 50 Ländern befragt, davon 32 aus der Pharma- und Life-Science-Industrie. Diese Branche umfasst die Hersteller von Originalpräparaten und Generika, biotechnologischen Produkten sowie Geräten für die Diagnose und Therapie.
84 Prozent der CEOs der Branche sind zuversichtlich
84 Prozent der Pharma- und Life-Science-CEOs blicken optimistisch in die nähere Zukunft. Mittelfristig sind sie sogar noch optimistischer: 94 Prozent sehen den kommenden drei Jahren mit Zuversicht entgegen. „Dieser hohe Prozentsatz lässt vermuten, dass die Vorstandsvorsitzenden der Pharmabranche den branchenspezifischen Herausforderungen mit Zuversicht begegnen“, meint Volker Booten, verantwortlicher Partner bei PwC für die Pharma- und Chemiebranche. Dazu gehören laut Studie beispielsweise Fragen des Patent- und Markenschutzes, immer höhere Kosten für Forschung und Entwicklung oder die Probleme der Preisgestaltung, wenn der Patentschutz wichtiger Medikamente ausläuft oder staatliche Vorgaben die Marktgesetze außer Kraft setzen. Außerdem unterliegt auch die Pharma- und Life-Science-Industrie einer immer stärkeren Regulierung, etwa, wenn es um den Umweltschutz und um die Sicherheit ihrer Produkte geht.
Branche beunruhigt über Protektionismus und Niedrigpreis-Konkurrenz
Einige der großen Risiken, die die gesamte Industrie betreffen, bereiten den Vorstandschefs der Branche jedoch mehr Kopfzerbrechen als ihren Kollegen in anderen Industriezweigen. Mögliche Pandemien oder andere Gesundheitskrisen und protektionistischen Tendenzen beunruhigen die Pharma-Vorstandschefs mehr als CEOs in anderen Branchen. Und auch den Wettbewerb aus Niedrigkosten-Ländern beobachten 56 Prozent mit Skepsis; im Gesamtdurchschnitt sind dies 50 Prozent. Besonders deutlich ist die unterschiedliche Einschätzung der Vorstandsvorsitzenden der Branche im Vergleich zu ihren Kollegen jedoch bei zwei Themen: der Überregulierung und dem Schutz geistigen Eigentums. 78 Prozent der Pharma-CEOs, deren Unternehmen häufig in den unterschiedlichsten Rechtssystemen operieren, äußern sich besorgt über die weltweit zunehmende Zahl staatlicher Vorschriften für ihre Branche und 91 Prozent der Pharma-Unternehmer geben dem Blick auf die regulatorischen Erfordernisse höchste Priorität bei geschäftlichen Entscheidungen.
Patentschutz immer öfter durchlöchert
Die Sicherheit ihrer Schutzrechte (Patente, Gebrauchsmusterschutz und ähnliche) halten 63 Prozent der Pharma-Manager und nur 32 Prozent aller Befragten für gefährdet. „Dass die Pharmaindustrie beim Schutz ihres geistigen Eigentums zunehmend sensibel reagiert, hat mehrere Gründe“, erläutert Volker Booten. „Zum einen werden die Patentlaufzeiten vor dem Hintergrund der hohen Forschungs- und Zulassungskosten nicht als angemessen angesehen. Zum anderen ist die Durchsetzung von Patentrechten in wesentlichen Wachstumsmärkten problematisch.“
Den Ausweg sehen die meisten Firmenlenker in der Innovation: 81 Prozent der Pharmachefs (65 Prozent aller CEOs) halten sie für das wichtigste Instrument, langfristig Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Kurzfristig ist diese Einschätzung allerdings nicht ganz so ausgeprägt: Für 38 Prozent der Pharma- und Life-Science-Unternehmen (20 Prozent aller Befragten) ist die Entwicklung neuer Produkte die wichtigste Möglichkeit, in den kommenden zwölf Monaten Wachstum zu erzeugen. „Die Entwicklung neuer Präparate in der Pharmazie und Biotechnologie dauert in der Regel sehr lange, oft deutlich mehr als zehn Jahre. Deswegen ist die Produktinnovation in dieser Branche nicht geeignet, kurzfristige Effekte hervor zu bringen“, erklärt Booten die Diskrepanz zwischen der lang- und kurzfristigen Einschätzung.
Übernahmen stopfen Pipeline-Löcher
„Die langen Entwicklungszeiten und die immer höheren Entwicklungskosten sind ein wesentlicher Grund dafür, dass die Branche in den letzten Jahren enger zusammengerückt ist. Über Allianzen der unterschiedlichsten Art - von der Entwicklungs-Kooperation bis hin zur Übernahmeversuchen die forschenden Pharmaunternehmen, die Produktentwicklung zu beschleunigen und Lücken in ihren Pipelines aufzufüllen. Für die Generika-Hersteller ist es dagegen interessant, über Zukäufe und Fusionen neue Märkte zu gewinnen und die Kosten zu senken“, so Volker Booten.
Die PwC-Studie hat ergeben, dass die Unternehmen der Branche in den vergangenen zwölf Monaten geringfügig mehr grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen abgeschlossen haben als die Gesamtindustrie. Ihre Planungen diesbezüglich liegen ebenfalls leicht über dem Durchschnitt. Joint-Ventures und strategische Allianzen erfreuen sich hingegen in der Pharma- und Life-Science-Industrie einer geringeren Beliebtheit. Während nur 13 Prozent der Pharma-CEOs ihnen einen größeren Einfluss auf das künftige Unternehmenswachstum zubilligen, sind es in der Gesamtindustrie 30 Prozent. „Das lässt vermuten, dass Joint-Ventures und Allianzen in der Branche schon länger etabliert sind und deswegen kein großes Potenzial mehr bieten“, interpretiert Booten die geringe Zustimmung zu diesem Punkt.
Fazit: „Die Pharma- und Life-Science-Industrie hat noch erhebliche Anpassungsprozesse vor sich. Die sich verändernden Rahmenbedingungen zwingen die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt zum Wandel. Hiervon werden die Unternehmen profitieren, die ihre Forschungsausgaben zielgerichtet einsetzen, den Vertrieb neu ausrichten und den Patienten individueller behandeln. Der Pharmaindustrie insgesamt muss es besser gelingen, die besonderen Anforderungen, denen sie unterliegt, der Öffentlichkeit verständlich zu machen und verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen“, fordert Booten angesichts der Studienergebnisse.
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