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Der Mensch als Heimat für Mikroben

Warum zu viel Hygiene krank macht

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Die Mikroben auf dem menschlichen Körper folgen den Wissenschaftlern zufolge ähnlichen Regeln wie Tiere in makroskopischen Ökosystemen. „Krankheitserreger in unserem Umfeld sind vergleichbar mit invasiven Organismen in der Natur“, sagt der iDiv-Ökologe Eisenhauer. „Überträgt man die Erkenntnisse aus den großen Lebensräumen auf die Welt der Mikroben, muss man daher befürchten, dass unsere notorische Nutzung von Desinfektionsmitteln und Antibiotika die Ausbreitung gefährlicher Keime sogar noch erhöht, weil dadurch die natürliche Artengemeinschaft gestört wird.“

Wenn Hygienemaßnahmen nach hinten losgehen

Das Phänomen, dass die Bekämpfung von Bakterien diese sogar unterstützt, ist schon an verschiedenen Beispielen bekannt. So wurde für Stäbchenbakterien der Art Clostridium difficile, die Darmentzündungen mit Durchfall auslösen, nachgewiesen, dass sie sich nach der Einnahme von Antibiotika schneller ausbreiten konnten.

Auch so genannte Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTMs) profitieren scheinbar von Maßnahmen, die gegen sie unternommen werden. Diese Mikroben bilden vorrangig Biofilme an Duschköpfen und können zum Teil Krankheiten auslösen. Sie kommen vor allem bei gechlortem Wasser und auf metallenen Duschschläuchen vor, wo sie sich ungehindert vermehren. Duschschläuche aus Kunststoff hingegen weisen geringere Mengen von NTMs auf: Denn dort sind reiche Gemeinschaften an Mikroorganismen begünstigt, die mit den NTMs konkurrieren.

Gezielt Keime verabreichen?

Bakteriengemeinschaften, die Krankheiten vorbeugen, lassen sich auch aktiv herstellen. So fanden etwa Forscher in den 1960er Jahren heraus, dass Babys, deren Nasen und Bauchnabel mit harmlosen Stämmen des Bakteriums Staphylococcus aureus beimpft wurden, nur selten von S. aureus 80/81 besiedelt wurden. Dieses Bakterium kann Krankheiten von Hautinfektionen bis zu lebensbedrohlichen Blutvergiftungen oder Lungenentzündungen auslösen. Ein weiteres Beispiel sind Stuhltransplantationen: Indem man eine gesunde Gemeinschaft an Mikroorganismen von Mensch zu Mensch überträgt, ist es möglich, Darminfektionen zu behandeln.

Ist unsere Angst vor Bakterien und Co. also unbegründet und ihre reflexartige Bekämpfung sogar gefährlich? „Ich würde mit Sicherheit keinem Chirurgen empfehlen, unsteril am offenen Körper zu arbeiten“, sagt Eisenhauer. „Was allerdings Oberflächen anbetrifft, könnten gezielte Beimpfungen mit einer ausgesuchten Mikrobengemeinschaft die Ausbreitung gefährlicher Erreger möglicherweise verhindern.“

Suche nach der idealen Mikrobengesellschaft

Ohnehin löst nur ein relativ geringer Anteil der Mikroorganismen in unserem Umfeld tatsächlich Krankheiten aus. Das gilt auch für Insekten und andere Gliederfüßer, die in Wohnungen und Häusern in der Regel als Störenfriede betrachtet werden – allen voran Spinnen. Diese erbringen als Räuber aber wichtige Ökosystemleistungen indem sie Stechmücken, Bettwanzen, Schaben oder Hausfliegen dezimieren, die wiederum Krankheiten übertragen können.

Wo die Theorien aus der Biodiversitäts- und Ökosystemforschung im Gesundheitsbereich zutreffen, sollte nach Ansicht der Ökologen systematisch untersucht werden. Eisenhauer schlägt hierzu vor, zu testen, in welcher Mikrobengesellschaft sich gängige Krankheitserreger auf Oberflächen besser oder schlechter ausbreiten können. Längerfristig soll so die ideale Artenzusammensetzung „guter“ und „böser“ Mikroben gefunden werden.

Originalpublikation: Dunn, R. R., Reese, A. T., & Eisenhauer, N. : Biodiversity-ecosystem function relationships on bodies and in buildings. Nature Ecology & Evolution, 3(1), 7-9; DOI: 10.1038/s41559-018-0750-9

* S. Tilch, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), 04103 Leipzig

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