Worldwide China

Der Mensch als Heimat für Mikroben

Warum zu viel Hygiene krank macht

| Autor / Redakteur: Sebastian Tilch* / Christian Lüttmann

Exessives Putzen vertreibt auch „gute“ Mikroben – und macht so u.U. den Weg für gefährliche Erreger erst frei (Symbolbild).
Exessives Putzen vertreibt auch „gute“ Mikroben – und macht so u.U. den Weg für gefährliche Erreger erst frei (Symbolbild). (Bild: gemeinfrei (Pixabay/pascalhelmer) / CC0)

Gründliches Händewaschen beugt Krankheiten vor. Doch wer es mit der Hygiene übertreibt, begünstigt mitunter sogar gefährliche Erreger. Denn die haben auf frisch desinfizierten Flächen freie Bahn und können sich rasant ausbreiten. Ein internationales Forscherteam untersucht nun, inwieweit sich Gesetze für Ökosysteme auch auf mikrobiologische Systeme übertragen lassen.

Leipzig, North Carolina/USA – Gelten auf unserem Körper und in unseren Häusern die gleichen Gesetze der biologischen Vielfalt wie draußen in der Natur? Wenn ja, wären unsere aktuellen Hygienemaßnahmen zur Bekämpfung aggressiver Keime teilweise kontraproduktiv. Zu diesem Schluss kommt ein interdisziplinäres Forscherteam vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig und der Universität North Carolina State. Die Wissenschaftler empfehlen, die Rolle der Artenvielfalt verstärkt auch bei Mikroorganismen in den Ökosystemen Körper und Haus zu untersuchen. Die Erkenntnisse daraus könnten bisherige Strategien zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten und resistenten Keimen auf den Kopf stellen.

Vielfalt schafft Stabilität

Ökosysteme wie Wiesen und Wälder sind dann besonders widerstandsfähig gegenüber Störungen wie eindringenden gebietsfremden Arten, Klimaschwankungen oder Krankheitserregern, wenn sie eine hohe biologische Vielfalt aufweisen. Reduziert man diese Vielfalt, gehen grundlegende Funktionen der Lebensgemeinschaften im Ökosystem verloren. Diese so genannte Stabilitätstheorie wurde in Hunderten von biologischen Studien belegt, allerdings vorwiegend für die Welt der Tiere und Pflanzen.

Doch auch in kleinerer Dimension spielen Ökosysteme eine Rolle. Betrachtet man beispielsweise unseren Körper oder unser Zuhause durch ein Mikroskop, eröffnet sich eine genauso vielfältige Lebensgemeinschaft aus Mikroorganismen. Möglicherweise gelten für sie ähnliche Gesetze wie für die „großen“ Ökosysteme. Dies hätte weitreichende Konsequenzen für unsere Gesundheitsvorsorge.

Die Kehrseite von Desinfektionsmittel und Antibiotika

Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung iDiv schlagen vor, die Theorien aus der Ökosystemforschung auch an unserer unmittelbaren Umwelt und deren Mikroorganismen zu testen. „Wir beeinflussen diese Mikro-Biodiversität täglich, vor allem indem wir sie bekämpfen, beispielsweise durch Desinfektionsmittel oder Antibiotika – eigentlich mit dem Ziel, die Gesundheit zu fördern“, sagt der Ökologe Robert Dunn, Professor an der Universität North Carolina State und der Universität Kopenhagen. Er und sein Wissenschaftskollege Prof. Nico Eisenhauer von der Universität Leipzig meinen: „Diese Eingriffe in mikrobielle Artzusammensetzungen könnten die natürliche Eindämmung von Krankheitserregern behindern.“

Das LABORPRAXIS-Dossier „Antibiotikaresistenz“ Sie finden das Thema „Multiresistente Keime“ interessant? Dann besuchen Sie unser Dossier „Antibiotikaresistenz“, in dem wir entsprechende Artikel zu wichtigen Fortschritten aus der Medizinforschung zusammengestellt haben.

Unser Körper – Heimat tausender Bakterienarten

Nach dem ökologischen Nischenmodell teilen sich Pflanzen oder Tiere die vorhandenen Ressourcen in ihrem Lebensraum auf, wobei Arten mit ähnlichen Bedürfnissen miteinander konkurrieren. Neu hinzukommende Arten haben es daher schwer, sich zu etablieren, zumindest in einem stabilen Ökosystem. Auf artenarmen oder vom Menschen gestörten Standorten können sich gebietsfremde Arten hingegen wesentlich leichter breitmachen.

Mikroorganismen bilden ebenfalls eigene Ökosysteme. Bislang sind mehr als zweihunderttausend Arten bekannt, die in menschlichen Behausungen sowie auf und in menschlichen Körpern leben. Die Hälfte davon machen Bakterien in menschlichen Behausungen aus, tausende Bakterienarten leben auf unseren Körpern. Dazu kommen rund vierzigtausend Pilzarten in unseren Häusern, die sich jedoch weniger auf menschlichen Körpern finden.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45704806 / Bio- & Pharmaanalytik)