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Experten erwarten hohe FSME-Fallzahlen für 2024 Zecken: Jetzt das ganze Jahr lang aktiv

Quelle: Pressemitteilung Universität Hohenheim 5 min Lesedauer

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Sie sind wieder da – oder eher immer noch: Zecken sind in Deutschland mittlerweile das ganze Jahr hindurch aktiv, auch im Winter. Dementsprechend erwarten Experten eine steigende Zahl an FSME-Fällen, einer Art von Hirnhautentzündung. Zecken gelten als Überträger des FSME-Virus, den sie beim Blutsaugen an ihren Wirt weitergeben können.

Zecken sind mittlerweile auch schon in den Wintermonaten aktiv. Sie sind ein relevanter Überträger von FSME-Viren.(Bild:  Jürgen Kottmann - stock.adobe.com)
Zecken sind mittlerweile auch schon in den Wintermonaten aktiv. Sie sind ein relevanter Überträger von FSME-Viren.
(Bild: Jürgen Kottmann - stock.adobe.com)

Zecken gehören zu den ungeliebten krabbelnden Lebewesen. Unter dem Mikroskop muten die Spinnentiere mit ihren acht Beinen und dem komplexen Beißwerkzeug wie blutrünstige Aliens an – und tatsächlich sind die Parasiten auf das Blut von Wirbeltieren angewiesen. Je eine Blutmahlzeit für jedes Entwicklungsstadium sowie für die Vermehrung brauchen sie. Das Gefährliche für den Wirt ist dabei nicht der Blutverlust, sondern die Krankheitserreger, die durch manche Zecken übertragen werden, allen voran Borrelien (die Bakterien, die Lyme-Borreliose hervorrufen) und FSME-Viren, die Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis, einer Form der Hirnhautentzündung.

Aus diesem Grund beobachten die Behörden in Deutschland die Verbreitung der Zecken sowie die auftretenden Krankheitsfälle beim Menschen – vor allem FSME – sehr genau und zeichnen Risikogebiete mit besonders hohen Fallzahlen aus. Auf der Übersichtskarte vom Robert-Koch-Institut ist zu erkennen, dass die FSME-Fälle mit den Zecken vom Süden her in Deutschland ausgebreitet sind.

Eine kurze Verschnaufpause?

FSME-Risikogebiete in Deutschland. Stand: März 2023 Die rot hervorgehobenen Risikogebiete weisen eine Inzidenz von mindestens 1 Erkrankung/100.000 Einwohner auf. Wichtig: Auch in den weißen Regionen kann es zu FSME-Fällen durch Zeckenstiche kommen.(Bild:  Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Robert Koch-Institut)
FSME-Risikogebiete in Deutschland. Stand: März 2023
Die rot hervorgehobenen Risikogebiete weisen eine Inzidenz von mindestens 1 Erkrankung/100.000 Einwohner auf. Wichtig: Auch in den weißen Regionen kann es zu FSME-Fällen durch Zeckenstiche kommen.
(Bild: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Robert Koch-Institut)

Nun wurden für das Jahr 2023 in der Hotspot-Region Baden-Württemberg deutlich weniger FSME-Fälle gemeldet als noch 2022: Die Zahl sank von 209 auf 143. Auch für ganz Deutschland ergab sich ein Rückgang von 627 auf 527 Fälle. Zunächst scheint das eine gute Nachricht.

Doch Erleichterung ist wohl fehlangebracht, wie Experten bei einer Pressekonferenz an der Universität Hohenheim zum Thema Zecken und FSME betonen. „Diese Zahlen täuschen. Infektionszahlen unterliegen immer jährlichen Schwankungen. Doch der längerfristige Trend zeigt deutlich nach oben“, erklärt Dr. Rainer Oehme, Laborleiter des Landesgesundheitsamts im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg.

Steigende Fallzahlen auch im Norden

Nach wie vor finden sich 85 Prozent der FSME-Fälle in den beiden südlichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Auch in Österreich und der Schweiz bleibt die Lage angespannt. „Die deutschen Mittelgebirge stellen eine Grenzlinie dar. Nördlich davon sind die Fallzahlen niedriger als im Süden“, berichtet Oehme. Doch auch in den Regionen, die bisher nur wenige Fälle verzeichneten, sei ein deutlicher Anstieg festzustellen: „Im Norden und Osten Deutschlands steigen die Fallzahlen massiv, beispielsweise in Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen oder Thüringen. Selbst in Schweden ist ein Rekordwert verzeichnet worden“, sagt der Experte.

Erste Fälle bereits im Januar gemeldet

Während vor einigen Jahren noch von einer „Zecken-Saison“ gesprochen werden konnte, scheinen die Tiere mittlerweile durch die milderen Winter fast ganzjährig aktiv zu sein. So begann die Zeckenaktivität 2023 extrem früh, was sich in den FSME-Zahlen widerspiegelt, wie Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim, erklärt: „Auch in diesem Jahr gibt es bereits im Januar erste Fälle in Baden-Württemberg und Bayern. Bei einem Vorlauf von vier Wochen bis zur Diagnose muss die Infektion mitten im Winter stattgefunden haben.“

Zecken haben keine Winterpause mehr, das FSME-Geschehen verlagert sich nach vorne.

Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim

Hinzu kommt, dass sich offenbar die Frequenz besonders zeckenreicher Jahre erhöht hat. „Früher hatten wir in Baden-Württemberg alle drei Jahre besonders hohe FSME-Zahlen, seit etwa 2017 beobachten wir einen zweijährigen Rhythmus“, beschreibt Laborleiter Oehme. „Demnach wäre im Südwesten in diesem Jahr mit hohen FSME-Zahlen zu rechen.“

Natürliche Reservate für FSME-Viren nehmen zu

Die Forschenden identifizieren außerdem immer mehr so genannte Naturherde – kleine, räumlich begrenzte Gebiete, in denen viele FSME-positive Zecken vorkommen. „Diese Bereiche können z. B. die Größe eines halben Fußballfeldes haben“, schildert Parasitologin Mackenstedt. Dort zirkuliere das Virus zwischen Zecken und Wirten wie Nagetieren hin und her. „Im Kreis Ravensburg etwa hatten wir 2007 acht solche Naturherde, 2023 waren es bereits 25.“

In Süddeutschland gibt es laut Expertin mehr Naturherde als im Norden. „Sie sind zum Teil schon 20 bis 30 Jahre alt, aber es kommen immer mehr dazu“, sagt Mackenstedt. „Die infizierten Zecken werden aus Tschechien, Polen und der Schweiz durch Tiere eingeschleppt. In Norddeutschland stammen sie aus dem Baltikum. Doch viele Fragen, auch warum diese Gebiete räumlich so begrenzt sind, können wir noch nicht beantworten.“

Hohe Dunkelziffer und ein Lichtblick bei dem Nachweis von FSME

Eine große Schwierigkeit bei der Einschätzung der FSME-verbreitung ist due vermutlich hohe Dunkelziffer. Daraufhin deuten neue Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Gerhard Dobler, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors FSME am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Er hat im Ortenaukreis Blutproben von Blutspendern untersucht. Mit einem neuen Testverfahren kann er zwischen Antikörpern aus einer Impfung und aus einer natürlichen Infektion unterscheiden. Das Problem bei früheren Nachweisen: Sie differenzierten nicht zwischen Antikörpern, die durch eine FSME-Impfung mit Totimpfstoff entstanden sind oder solchen durch eine tatsächliche Infektion mit aktiven FSME-Viren. Der neue Test reagiert nun auf bestimmte Proteine, die nur bei der Vermehrung der Viren entstehen – genauer gesagt weist der Test die dazu passenden Antikörper im Blut nach.

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Das Ergebnis der Untersuchung mit dem neuen Test belegt eine hohe Dunkelziffer: „Wenn man die nicht erkannten Infektionen einbezieht, ist das Risiko einer FSME-Infektion im Kreis Ortenau um ein siebenfaches höher als bisher angenommen“, hält Dobler fest. „Das Infektionsgeschehen ist also sehr hoch, auch wenn eine Infektion nicht immer zur Erkrankung führt.“

Ganz Deutschland ist ein FSME-Gebiet, wenn auch mit deutlichen regionalen Unterschieden.

Prof. Dr. Ute Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim

Experten empfehlen Impfung – auch für Kinder

Dobler rät daher dringend zur FSME-Impfung. „Eine Untersuchung des RKI hat gezeigt, dass bei schweren Infektionen Langzeitfolgen möglich sind. Rund zehn Prozent von über 500 befragten Patient:innen hatten auch nach über einem Jahr noch Konzentrationsschwierigkeiten, Probleme mit der Balance oder beim Gehen“, sagt der Mediziner. Die Impfung sei für die meisten Menschen sehr gut verträglich und damit deutlich den Risiken einer FSME-Erkrankung vorzuziehen. Doblers Empfehlung lautet daher: Drei Impfungen zur Grundimmunisierung und eine Auffrischimpfung alle fünf Jahre bzw. ab dem 60. Lebensjahr alle drei Jahre. „Das ist auch für Menschen außerhalb der Risikogebiete sinnvoll“, rät der Experte. „Denn FSME-Fälle gibt es auch dort. Und spätestens im Urlaub reisen viele Menschen in Risikogebiete.“

Ein besonderes Anliegen ist dem Forscher die Impfung von Kindern. „Auch bei Kindern kann es einen schweren Verlauf geben – bis hin zu künstlicher Beatmung und Ernährung. Vor dem Hintergrund der steigenden Fallzahlen ist daher auch eine Impfung von Kindern dringend anzuraten.“

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