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Chemie-Industrie zieht Bilanz Chemie rechnet erst 2022 wieder mit Vorkrisenniveau

Redakteur: Dominik Stephan

Mit einem blauen Auge davongekommen: Die Chemie- und Pharmaunternehmen stecken zwar knietief in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte, trotzdem sieht sich der VCI „weniger hart getroffen als andere Wirtschaftszweige“. Bis es jedoch wieder verglichen mit den – ohnehin schwachen – Vorkrisenzahlen aufwärts geht, ist der Weg noch weit. Und: Am Ende könnte die Branche sogar weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen als im Corona-Jahr.

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„Die Belastungen für unsere Mitgliedsunternehmen sind erheblich“, sagt VCI-Präsident Christian Kullmann. „Zugleich ist unsere Branche insgesamt weniger hart getroffen als andere Wirtschaftszweige.“
„Die Belastungen für unsere Mitgliedsunternehmen sind erheblich“, sagt VCI-Präsident Christian Kullmann. „Zugleich ist unsere Branche insgesamt weniger hart getroffen als andere Wirtschaftszweige.“
(Bild: Frank Wiedemeier/VCI)

Die Chemie sieht sich auf dem Weg zurück: Während sich das Geschäftsklima in Ifo-Umfragen zuletzt verbessert hatte und in Folge die Produktion im dritten Quartal wieder anzog, bleibt der Weg zurück zur Normalität ein langer. 2020 schließt die chemisch-pharmazeutische Industrie mit Umsätzen, die 6% unter denen des ohnehin schwachen Vorjahres (bei insgesamt 186,4 Milliarden Euro) liegen. Die Produktion geht gegenüber 2019 um drei Prozent zurück. Angesichts dieser Zahlen übt sich der VCI zwar in Zweckoptimismus, rechnet aber nicht vor 2022 mit einer echten wirtschaftlichen Erholung. Das könnte für die Beschäftigten in Chemie und Pharma böse Folgen haben: Zwar blieben im Krisenjahr 2020 auch dank Kurzarbeit und staatlichen Fördermitteln die Beschäftigtenzahlen stabil, im kommenden Jahr werden diese aber aller Vorrausicht nach zurückgehen, so VCI-Präsident Kullmann.

Konkret waren es besonders Basischemikalien und Polymere, die 2020 Federn lassen mussten. Doch auch die Produktion von Pharmazeutika lag – trotz aller Impfstoff-Diskussionen und Gesundheitsmaßnahmen leicht unter der des Vorjahres. Unter dem Corona-bedingten Auftragsmangel litt das Auslandsgeschäft in nahezu allen Exportmärkten (-6,5 %) ebenso wie der Umsatz im Inland (-5,5 %).

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Durch die besonders in der ersten Jahreshälfte dramatisch gefallenen Ölbörsen mussten auch die Chemieunternehmen ihre Preise um zwei Prozent nach unten anpassen. Ebenfalls angepasst wurden die Investitionen (-5 %), wobei das groß der Einsparungen auf das Konto verschobener Projekte geht.

Der lange Weg zurück: Chemie könnte beim Personal sparen

Die F&E-Aufwände blieben in Summe weitestgehend auf dem Niveau des Vorjahres: „Die Innovationskraft de Branche macht uns zuversichtlich“, betont dementsprechend VCI-Präsident Christian Kullmann mit Blick auf die Impfstoffforschung. Aber: „Die Belastungen für unsere Mitgliedsunternehmen sind erheblich“, so Kullmann. „Zugleich ist unsere Branche insgesamt weniger hart getroffen als andere Wirtschaftszweige.“

Also übt man sich in Zweckoptimismus: Für 2021 geht der VCI daher für die chemisch-pharmazeutische Industrie von einer Zunahme sowohl der Produktion (+1,5 %) wie auch des Umsatzes (+2,5 %) aus. „Die Stimmung in unseren Unternehmen ist nun mehrheitlich zuversichtlich“, sagt Kullmann. „Mehr als die Hälfte rechnet für das nächste Jahr mit einem Umsatzplus im In- und Ausland.“ Das gilt nicht für die Beschäftigtenzahlen: Hier fordere der Strukturwandel seinen Tribut, weshalb der VCI mit einem einprozentigen Rückgang rechnet.

Industrieverbände bringen sich in Umweltdebatte in Stellung

Allerdings: Der „Weg zurück“ wird lang: Lediglich 17 Prozent der Betriebe sind zuversichtlich, in diesem Jahr das Vorkrisenniveau erneut zu erreichen. 25 Prozent erwarten, den Rückgang bis Ende 2021 aufholen zu können. Die Mehrheit der VCI-Mitgliedsunternehmen – ganze 47 Prozent – geht davon aus, die Krise frühestens im Jahr 2022 überwunden zu haben. 11 Prozent der Unternehmen wollten sich dazu nicht festlegen.

Auf Dauer könnten auch Nothilfen und Konjunkturprogramme des Staates die aus Sicht des VCI notwendige Weichenstellungen für Investitionen nicht ersetzen. Der VCI macht sich in diesem Zusammenhang für eine Anpassung des „Green-Deal“-Projektes stark, die neben umwelt- und sozialpolitischen Aspekten auch die Belange der Wirtschaft in den Blick nimmt. Das sind neue Töne, nachdem der Verband 2020 bisher sich wesentlich stärker als in der Vergangenheit als Partner in Sachen Nachhaltigkeit präsentierte.

Auf dem Wunschzettel der Chemie: Deregulierung, Kooperation, Forschungdförderung

Besonders wichtig aus Sicht der Industrie: Die Verfügbarkeit und der Preis von Energie, ganz besonders erneuerbarer. „Nichts dient dem Klimaschutz mehr, als ein günstiger Preis für grünen Strom“, betont VCI-Präsident Kullmann. „Sowohl das aktuelle Umlagen- und Abgabensystem in Deutschland als auch der derzeitige EU-Beihilferahmen sind ungeeignet, die Transformation zu begleiten.“

Doch damit nicht genug: Auf dem Wunschzettel der Chemieindustrie stehen kurz vor Weihnachten auch ein Abbau der Regulierungen, schnellere Genehmigungsverfahren, eine Ausweitung der Forschungsförderung und eine Abkehr von europäischen Alleingängen bei der Klimapolitik. Die Verschärfung des Klimazieles von 40 auf 55 Prozent, auf die man sich beim EU-Gipfel verständigt hat, müsse zwingend durch flankierende Maßnahmen begleitet werden, damit energieintensive Produkte weiter wettbewerbsfähig in Europa hergestellt werden können, erklärt der VCI. In diesem Zusammenhang warnt der Verband von einem neuen Protektionismus durch „Klimazölle“ und wünscht sich einen global einheitlichen CO2-Preis. Ob das so einfach ist? Nicht immer liegt unter dem Weihnachtsbaum das, was man sich wünschte.

Die Wahl von Joseph Biden zum designierten US-Präsidenten hingegen dürfte bei der Industrie klammheimlich mit auf dem Wunschzettel gestanden haben. Auch wenn man sich jetzt nicht zu viel versprechen will, hofft sicher nicht nur der VCI auf eine Wiederbelebung der Freihandelsgespräche und eine bessere Zusammenarbeit Europas, der USA aber auch der südamerikanischen Staaten und Australien.

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