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Altägyptische Einbalsamierung Chemischer Blick in 2.700 Jahre alte Mumifizierung

Quelle: Pressemitteilung Philipps-Universität Marburg 6 min Lesedauer

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Welche Tinkturen nutzen die alten Ägypter für ihre Totenriten? Was rührten mittelalterliche Gelehrte womöglich in ihren Kesseln für Salben an? Und welche Museumsstücke teilen vielleicht eine noch nicht bekannte gemeinsame Vergangenheit? All solche Fragen untersuchen Forscher der Uni Marburg mittels chemischer Analytik historischer Proben.

Aloe-Inhaltsstoffe in historischen Materialien nachgewiesen; Hinweis auf Zusammenhänge zwischen Museumsobjekten (Das Bild enthält KI-generierte Designelemente, darunter den Bibliothekshintergrund, den Boden sowie die Aloe-Pflanze und das getrocknete Exsudat. Originalaufnahmen im Bild: Historische Textquelle „Von der rechten wahrhaften Mumia“, Joachim Strüppe, Frankfurt, 1574. Originalaufnahme des Mumia-vera-Behälters: Dr. Claudia Sachße, Deutsches Pharmaziemuseum Heidelberg.)(Bild:  Dr. Claudia Sachße, Deutsches Pharmaziemuseum Heidelberg, ergänzt mit KI)
Aloe-Inhaltsstoffe in historischen Materialien nachgewiesen; Hinweis auf Zusammenhänge zwischen Museumsobjekten (Das Bild enthält KI-generierte Designelemente, darunter den Bibliothekshintergrund, den Boden sowie die Aloe-Pflanze und das getrocknete Exsudat. Originalaufnahmen im Bild: Historische Textquelle „Von der rechten wahrhaften Mumia“, Joachim Strüppe, Frankfurt, 1574. Originalaufnahme des Mumia-vera-Behälters: Dr. Claudia Sachße, Deutsches Pharmaziemuseum Heidelberg.)
(Bild: Dr. Claudia Sachße, Deutsches Pharmaziemuseum Heidelberg, ergänzt mit KI)

Welche Materialien verwendeten die alten Ägypter zur Einbalsamierung ihrer Verstorbenen? Und wie lässt sich die Zusammensetzung dieser Stoffe noch Jahrtausende später rekonstruieren? Um diese Fragen zu untersuchen, hat ein interdisziplinäres Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg moderne Naturstoffanalytik mit Ägyptologie und Pharmaziegeschichte verbunden.

Dabei sind die Wissenschaftler auf neue Hinweise zur Verwendung von Pflanzenstoffen bei der Einbalsamierung gestoßen. Die Ergebnisse eröffnen zugleich neue Möglichkeiten für die Erforschung der Geschichte historischer Sammlungsobjekte.

Die Geheimnisse altägyptischer Totenriten

Die altägyptische Mumifizierung war ein komplexes Verfahren, bei dem neben der Austrocknung und teilweise auch der Entnahme innerer Organe verschiedene pflanzliche, tierische und mineralische Materialien zum Einsatz kamen. Frühere chemische Untersuchungen konnten insbesondere Koniferenharze und -teere, Pistazienharze, pflanzliche Öle, tierische Fette, Bienenwachs und Bitumen in Einbalsamierungsmischungen nachweisen. Auch Hinweise auf weitere exotische Pflanzenharze wurden gefunden, beispielsweise Elemi oder Dammar.

Trotz dieser Erkenntnisse blieben zahlreiche Fragen offen: Welche Pflanzenarten wurden tatsächlich verwendet? Wie unterschieden sich die Einbalsamierungsrezepturen zwischen verschiedenen Epochen, Regionen und Körperteilen? Und welche der in altägyptischen Schriftquellen beschriebenen Substanzen lassen sich bestimmten pflanzlichen Rohstoffen zuordnen? Die Marburger Studie liefert hierzu neue Erkenntnisse und identifiziert bislang nicht erkannte pflanzliche Inhaltsstoffe in historischen Mumien- und Arzneimaterialien.

Aloe-Spuren in 2.700 Jahre alter Mumie

Für ihre Untersuchungen analysierten die Forschenden insgesamt 24 Objekte aus Universitäts- und Museumssammlungen, darunter einen mumifizierten Schädel aus der Zoologischen Sammlung der Philipps-Universität Marburg. Mithilfe der Radiokarbonmethode datierten sie das untersuchte Mumienmaterial auf das 8. Jahrhundert vor Christus.

Neben chemische Analysen der Einbalsamierungsrückstände dieses Schädels untersuchte das Team auch eine weitere Probe: ein historisches Präparat der Arzneidroge Mumia vera aegyptiaca aus dem 18. Jahrhundert, das ursprünglich aus der Löwen-Apotheke in Offenbach am Main stammt und heute im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg aufbewahrt wird. Dabei identifizierten die Forschenden mehrere charakteristische Aloe-assoziierte Verbindungen. Die Identität eines dieser Inhaltsstoffe, Aloeresin A, wurde zusätzlich durch den Vergleich mit einer authentischen Referenzsubstanz bestätigt.

„Dieser Befund ist aus zwei Gründen besonders interessant: Bislang gab es keine vergleichbaren molekularen Nachweise für die Verwendung von Aloe bei der altägyptischen Einbalsamierung“, erläutert Prof. Dr. Tanja Pommerening, die die Leitung des deutschlandweit einzigen Instituts für Geschichte der Pharmazie und Medizin an der Universität Marburg innehat. „Gleichzeitig wurde Aloe bereits in mittelalterlichen Schriftquellen mit Mumienmaterial in Verbindung gebracht, das als Arzneimittel verwendet wurde.“ Eine mögliche Erklärung war laut Pommerening bisher, dass diese Vorstellungen auf spätere Überlieferungen zurückgingen. Möglicherweise seien sie beeinflusst durch biblische Textstellen wie Johannes 19,39, da detaillierte Kenntnisse der altägyptischen Einbalsamierungspraktiken im Mittelalter weitgehend verloren gegangen waren. „Unsere neuen Ergebnisse eröffnen nun die Möglichkeit, dass diese Verbindung tatsächlich ältere historische Wurzeln hat“, betont die Institutsleiterin.

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Art der Aloe bleibt noch unbestimmt

Bei der Bewertung der Studienergebnisse ist allerdings eine wichtige begriffliche Unterscheidung zu beachten: Die historische Bezeichnung „Aloe“ konnte unterschiedliche pflanzliche Materialien meinen. Neben Pflanzen der Gattung Aloe wurde darunter teilweise auch das wohlriechende Adlerholz, insbesondere das Holz von Arten der Gattung Aquilaria, verstanden. Die nun identifizierten Pflanzeninhaltsstoffe sprechen jedoch für Produkte aus der Gattung Aloe und nicht für Adlerholz als Quelle dieser spezifischen Verbindungen. Um welche Aloe-Art es sich ursprünglich handelte, lässt sich derzeit nicht eindeutig bestimmen.

Was war ꜥnḫ-jm.j?

Der unerwartete chemische Befund veranlasste die Forschenden, altägyptische Schriftquellen erneut zu untersuchen. Dabei rückte insbesondere die bislang nicht eindeutig übersetzte Substanzbezeichnung ꜥnḫ-jm.j in den Mittelpunkt. Bestimmte historische Beschreibungen der Substanz und ihrer Verwendung eröffnen die Möglichkeit, dass damit Aloe oder ein daraus gewonnenes Exsudat gemeint gewesen sein könnte. Eine eindeutige Identifizierung ist bislang allerdings nicht möglich.

Da Aloe-assoziierte Inhaltsstoffe nur in zwei der 24 untersuchten Objekte nachgewiesen wurden, lässt sich daraus keine allgemeine Verwendung bei der Mumifizierung ableiten. Denkbar ist, dass solche Materialien nur bei bestimmten Einbalsamierungspraktiken zum Einsatz kamen, etwa abhängig von der jeweiligen Epoche oder von verfügbaren Rohstoffen.

Molekulare Gemeinsamkeiten von Museumsobjekten aufdecken

Eine weitere Entdeckung betrifft die Geschichte der untersuchten Objekte. Mithilfe der ungezielten Metabolomik verglichen die Forschenden u.a. die chemische Zusammensetzung verschiedener Proben aus dem Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg. Unterstützt durch computergestützte und KI-basierte Auswertungsverfahren fanden sie charakteristische molekulare Muster vergleichen diese miteinander. Dabei zeigten sich auffällige Übereinstimmungen zwischen einem mumifizierten Kopf und einer separat inventarisierten Pulverprobe. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass zwischen beiden Objekten ursprünglich ein materieller oder historischer Zusammenhang bestanden haben könnte, obwohl eine solche Verbindung in den erhaltenen Sammlungsunterlagen nicht dokumentiert ist.

Dieser Ansatz eröffnet neue Perspektiven für die Provenienz- und Museumsforschung. Historische Sammlungen enthalten häufig Objekte, deren Herkunft oder ursprüngliche Zusammengehörigkeit im Laufe der Zeit nicht mehr vollständig dokumentiert wurde. Der Vergleich molekularer Fingerabdrücke könnte helfen, solche Zusammenhänge nachträglich zu rekonstruieren. Dabei liefern chemische Ähnlichkeiten wichtige Anhaltspunkte, ersetzen jedoch nicht die historische und sammlungsgeschichtliche Überprüfung einer vermuteten Verbindung.

Historische Arzneimittel neu untersucht

Die Studie widmet sich auch Mumia vera aegyptiaca, einer Arzneidroge, die im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in Europa verwendet wurde. Sie wurde aus Mumienmaterial und den daran haftenden Einbalsamierungssubstanzen gewonnen oder als entsprechendes Präparat gehandelt. Die chemischen Analysen zeigten, dass sich die untersuchten Präparate hinsichtlich ihrer Zusammensetzung teilweise erheblich unterscheiden. In fast allen Proben fanden sich jedoch charakteristische Inhaltsstoffe gealterter Koniferenharze. Für bestimmte Bestandteile solcher Harze wurden in experimentellen Untersuchungen antimikrobielle Eigenschaften beschrieben.

Ergänzend prüfte das Forschungsteam daher die biologische Aktivität ausgewählter Präparate. Ein Extrakt aus der Marburger Wigand‘schen Drogensammlung zeigte in Zellkulturversuchen einen moderaten Schutzeffekt gegen die durch Influenzaviren verursachten Zellschäden. Die isolierte Hauptverbindung 7-Oxodehydroabietinsäure erzielte diesen Effekt allerdings nicht. Welche Inhaltsstoffe für die beobachtete Wirkung verantwortlich sind, ist daher noch ungeklärt.

Die Ergebnisse liefern einen Ausgangspunkt für weiterführende pharmakologische Untersuchungen. Sie belegen jedoch weder eine direkte Hemmung der Virusvermehrung noch eine therapeutische Wirksamkeit der historischen Arzneidroge gegen Influenza beim Menschen, auch wenn die Textquellen an mehreren Stellen darauf hinweisen, dass das Mittel auch gegen schwere Erkältungssymptome wie Kopfschmerzen, Husten, Halsentzündung und Schwindel eingesetzt wurde.

Molekulare Analytik und historische Forschung im Dialog

Die Ergebnisse verdeutlichen, wie sich historische Schriftquellen, philologische Textanalyse und moderne molekulare Analytik gegenseitig ergänzen können. Chemische Befunde liefern neue Anhaltspunkte für die Interpretation alter Texte. Umgekehrt helfen historische Beschreibungen dabei, molekulare Analysedaten in ihren ursprünglichen kulturellen und materiellen Kontext einzuordnen und mögliche Verwendungen der untersuchten Substanzen besser zu verstehen.

„Langfristig möchten wir damit einen Forschungsansatz etablieren, der historische Schriftquellen, archäologische Objekte und moderne Naturstoffanalytik miteinander verbindet. Ziel ist es, nicht nur die chemische Zusammensetzung früher Arzneimittel und Einbalsamierungsmaterialien zu untersuchen, sondern auch ihre Herstellung, Verwendung und historische Überlieferung sowie kulturelle Einbettung besser zu verstehen", führt Prof. Dr. Raphael Reher vom Institut für Pharmazeutische Biologie und Biotechnologie der Philipps-Universität aus.

Originalpublikation: T. Berger,A. Naimi,K. Hardes,C. Sachße,R. Gericke,M. Marner,F. Mühlemeyer,T. Pommerening, & R. Reher, New molecular and historical evidence on ancient Egyptian embalming, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (45); DOI: 10.1073/pnas.2624362123