Mithilfe von Enzymen lassen sich Chemikalien oft nachhaltiger herstellen als mit metallbasierten Katalysatoren. Bei Hitze versagen sie allerdings. Nun haben Forscher der Universität Bielefeld einen Schutz für Enzyme entwickelt, um diese selbst bei 100 °C und mehr einzusetzen. Das erschließt neue Anwendungsfelder für die Biokatalyse.
Sie haben in der Studie kooperiert, um das Syntheseverfahren zu entwickeln und die Struktur der porösen Käfigverbindungen mit eingeschlossenen Enzymen zu untersuchen (v.l.): Judith Bünte, Prof. Dr. Andreas Hütten, Dr. Jianing Yang, Prof. Dr. Harald Gröger und Dr. Inga Ennen.
(Bild: Mike-Dennis Müller)
Wie lassen sich Enzyme auch bei hohen Temperaturen stabilisieren und für chemische Reaktionen nutzen? Dieser Frage sind Prof. Dr. Harald Gröger und Prof. Dr. Andreas Hütten von der Universität Bielefeld mit ihren Teams nachgegangen. Ihre Idee: Das Enzym in eine schützende dreidimensionale Umgebung einbetten, damit es auch bei hohen Temperaturen seine Form und damit Aktivität behält.
Ein Polymerkäfig als Hitzeschild
Als Eiweißmoleküle haben Enzyme eine Schwachstelle: Sie brauchen eine bestimmte räumliche Struktur, um ihre Funktion erfüllen zu können. Bei hohen Temperaturen kann diese Struktur verloren gehen oder gar irreversibel zerstört werden. Man spricht von Denaturierung. Das Enzym entfaltet sich dabei ähnlich wie ein Wollknäuel, das auseinandergezogen wird, und verliert die gewünschte Aktivität als Reaktionsbeschleuniger.
Das Enzym wird nicht an der Oberfläche befestigt, sondern in eine dreidimensionale Käfigverbindung eingefügt.
(Bild: Jianing Yang)
Für ihre Versuche haben die Forschenden das Enzym deshalb in eine schützende poröse Struktur aus einem organischen Polymer eingeschlossen. Die Poren sind dabei so groß, dass die Stoffe hindurchpassen, die das Enzym für die Durchführung der chemischen Reaktion benötigt. Die entstehenden Produkte entweichen anschließend durch die Poren wieder in das umgebende Medium.
In der porösen Struktur ist das Enzym davor geschützt, sich bei Hitze zu entfalten und damit zu verformen. Bei herkömmlichen chemischen Verfahren werden Enzyme häufig an einer Oberfläche befestigt und sind dadurch der Umgebung direkt ausgesetzt. Bei dem neuen Verfahren ist das Enzym dagegen in der porösen Käfigstruktur eingebettet, wo es der Hitze widersteht und weiterhin arbeiten kann. Es lässt sich sogar mehrfach einsetzen.
Geschütztes Enzym bleibt selbst bei 100 °C aktiv
Für die Untersuchungen verwendeten die Forschenden eine Lipase. Das eingesetzte Enzym wird häufig für chemische Synthesen genutzt, reagiert allerdings normalerweise empfindlich auf Hitze. Durch die Einbettung in die poröse Material-Struktur zeigten die Forschenden, dass die Lipase selbst bei hohen Temperaturen aktiv bleibt und somit die poröse Struktur das Enzym tatsächlich vor Hitze schützt. Ohne diesen Schutz verliert die Lipase dagegen ihre Aktivität weitgehend.
Auch bei 100 °C blieb das eingeschlossene Enzym aktiv. Bei dieser Temperatur arbeitete es sogar etwa doppelt so schnell wie bei Raumtemperatur. Das geschützte Enzym, das als Biokatalysator eingesetzt wird, blieb auch nach wiederholtem Einsatz leistungsfähig. In einem Versuchsaufbau zur Untersuchung von dessen Wiederverwendung blieb seine Leistung bei 100 °C über zwölf Reaktionszyklen hinweg nahezu unverändert.
„Am Beginn der Arbeiten stand die grundlegende Forschungsfrage, mit welchen Methoden die Entfaltung von Enzymen selbst bei hohen Temperaturen und unter herausfordernden Reaktionsbedingungen verhindert werden kann“, sagt Dr. Jianing Yang, Erstautorin der Studie. „Es zeigte sich, dass Enzyme durch maßgeschneiderten Einbau in Käfigverbindungen die gewünschten Eigenschaften aufweisen.“
In der Reihe research_tv stellen Prof. Dr. Harald Grögerund Dr. Jianing Yang vor, wie ihr neuer Reaktionsansatz thermische Limitierungen in biokatalytischen Verfahren überwindet.
Relevanz für die chemische Industrie
Der Vorteil der hohen Temperaturstabilität geht über das Enzym selbst hinaus. Einige chemische Ausgangsstoffe sind bei Raumtemperatur fest und schmelzen erst bei Temperaturen von 100 °C oder darüber. Für enzymatische Reaktionen mussten solche Stoffe bisher häufig zunächst mit einem Lösungsmittel vermischt werden, was den Prozess aufwendiger macht.
Mit dem neuen Verfahren können die Forschenden die Stoffe dagegen direkt in geschmolzener Form einsetzen. In ihren Experimenten gelang ihnen unter anderem eine Reaktion bei 110 °C. Weitere Versuche zeigten, dass der Ansatz auch bei Temperaturen bis 120 °C funktioniert. Die Reaktionen kamen dabei ohne organische Lösungsmittel aus.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Das ist für die chemische Industrie interessant: Ein möglicher Einsatzbereich liegt in der Herstellung von Estern. Sie werden unter anderem für Kosmetik-, Duft- und Kunststoffprodukte benötigt, wo viele der Ausgangsstoffe Schmelzpunkte von mehr als 100 °C haben.
Enzyme einsetzen, wo es bisher nicht möglich war
„Unser Ziel war es, biokatalytische Verfahren auch dort effizient einsetzbar zu machen, wo dies bislang als unmöglich galt“, sagt Gröger, der als Leiter der Arbeitsgruppe für industrielle organische Chemie und Biotechnologie an der Uni Bielefeld arbeitet und Mitautor der Studie ist. „Wir wollen die Forschung konsequent in Richtung Anwendung weiterentwickeln und den Transfer in industrielle Prozesse vorantreiben.“
Hütten, Senior-Professor für Physik in Bielefeld und ebenfalls Mitautor der Studie, untersuchte mit seinem Team unter anderem die Struktur des Materials und die Frage, wie das Enzym darin eingeschlossen ist. „Wir haben mit einem hochauflösenden Transmissionselektronenmikroskop die Struktur des Materials untersucht und dabei Einblicke in das Innere der porösen Polymerstruktur gewonnen“, sagt der Forscher. „Das war eine besondere Herausforderung, weil das Material nicht regelmäßig wie ein Kristall aufgebaut ist.“ Die Untersuchungen waren wichtig, um zu verstehen, wie die poröse Struktur aufgebaut und wie das Enzym eingeschlossen ist.
Ausblick
Im Januar 2026 erhielten Dr. Jianing Yang und Prof. Dr. Harald Gröger für die Entwicklung des neuen Verfahrens den Jörg Schwarzbich Inventor Award.
(Bild: Stefan Sättele)
Die Zusammenarbeit zeigt auch, wie aus einer grundlegenden wissenschaftlichen Frage eine mögliche industrielle Anwendung entstehen kann. Die Forschenden haben inzwischen Gespräche mit Unternehmen aus verschiedenen Produktbereichen geführt. Ziel ist es, das Verfahren weiterzuentwickeln und auf weitere Enzyme und industrielle Prozesse auszudehnen. Noch sind dafür weitere Untersuchungen notwendig, unter anderem zur langfristigen Stabilität der Biokatalysatoren und zur Übertragung des Verfahrens in den technischen Maßstab.
Die Forschung wurde bereits Anfang 2026 mit dem Jörg Schwarzbich Inventor Award 2025 ausgezeichnet. Der mit 40.000 Euro dotierte Preis wird von der Universitätsgesellschaft Bielefeld und der Universität Bielefeld vergeben und würdigt wissenschaftliche Erfindungen mit hohem Innovations- und Anwendungspotenzial.