Die Stratosphäre erholt sich langsamer als prognostiziert. Grund, wie eine internationale Studie unter der Leitung der Empa jetzt feststellt, sind so genannte Feedstock-Chemikalien, deren Verwendung höher ist als bisher angenommen.
Die hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch liegt auf 3580 Metern über dem Meeresspiegel auf einem Bergsattel in den zentralen Schweizer Alpen.
(Bild: Empa)
Ozonabbauende Chemikalien wie Tetrachlorkohlenstoff (CCl4) oder bestimmte Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs) werden zwar nicht mehr in Kühlschränken und Schaumstoffen eingesetzt – in industriellen Prozessen dienen sie jedoch weiterhin als Ausgangsstoffe für moderne Kältemittel und Kunststoffe. Bisher blieben diese so genannten Feedstock-Chemikalien unter dem Radar internationaler Abkommen, weil die produzierten Mengen und Leckraten deutlich unterschätzt wurden.
Empa-Forschende konnten nun gemeinsam mit internationalen Forschungsgruppen anhand globaler Messungen zeigen, dass bei der Produktion und Weiterverarbeitung dieser Stoffe jeweils rund drei bis vier Prozent aus Leckagen in die Atmosphäre gelangen. Zudem wurden sie in den vergangenen Jahrzehnten deutlich häufiger eingesetzt. In einer jüngst publizierten Studie berechneten sie nun, dass sich die Ozonschicht dadurch um rund sieben Jahre später erholen dürfte als bislang angenommen – sofern die Emissionen nicht reduziert werden.
Diese Stoffe sind nicht nur ozonabbauend, sondern auch stark klimaschädlich. Weniger Emissionen würden gleichzeitig der Ozonschicht und dem Klima helfen.
Stefan Reimann, Atmosphärenforscher an der Empa und Hauptautor der Studie
Verwendete Mengen höher als prognostiziert
Als das Montreal Protokoll in den 1980er Jahren ausgehandelt und später verschärft wurde, führte dies zu einem weltweiten Verbot ozonabbauender Stoffe in Alltagsprodukten. Ausgenommen davon waren jedoch Feedstock-Chemikalien. Denn die Industrie ging damals davon aus, dass nur rund 0,5 Prozent der produzierten Mengen in die Atmosphäre entweichen und dass diese Stoffe langfristig weniger genutzt würden. „Diese Einschätzung stimmt aber schon länger nicht mehr“, sagt Reimann. „Feedstock Chemikalien werden heute bei der Produktion, beim Transport sowie bei der Weiterverarbeitung in erhöhtem Maße freigesetzt und die derzeit produzierten Mengen sind deutlich größer als man vor 30 Jahren annahm.“
Diese neuen Erkenntnisse stützen sich auf globale atmosphärische Messungen aus internationalen Netzwerken wie das „Advanced Global Atmospheric Gases Experiment“ (AGAGE), zu denen auch die Empa Messstation auf dem Jungfraujoch gehört. Da viele ozonabbauende Stoffe Jahrzehnte in der Atmosphäre verbleiben, lassen sich aus ihren Konzentrationen Rückschlüsse auf globale Emissionen ziehen. „Wir messen die Konzentrationen dieser Stoffe in der Atmosphäre. Anhand ihrer Lebensdauer können wir berechnen, wie stark sie eigentlich abnehmen müssten. Tun sie das nicht, muss es weiterhin Emissionen geben“, erklärt Martin Vollmer, Empa-Forscher und Mitautor der Studie.
Empa‑Forscher Stefan Reimann auf dem Jungfraujoch vor dem „Medusa“-Messsystem, einem speziell für das AGAGE‑Netzwerk entwickelten Gaschromatograph‑Massenspektrometer, das zahlreiche Spurengase in der Atmosphäre automatisch misst.
(Bild: Empa)
Der Vergleich dieser Messungen mit den von den einzelnen Staaten offiziell gemeldeten Produktionszahlen zeigt: Heute gelangen durchschnittlich drei bis vier Prozent der produzierten Feedstock Mengen in die Atmosphäre – ein Vielfaches der ursprünglich angenommenen Werte. Für den besonders ozonschädlichen Tetrachlorkohlenstoff liegen die Emissionsraten sogar über vier Prozent.
Warum die Nutzung zunimmt
Die Emissionen steigen jedoch nicht nur wegen höherer Verluste bei der Produktion, sondern auch weil die Nutzung von Feedstock Chemikalien insgesamt zunimmt – seit dem Jahr 2000 um rund 160 Prozent. Ein Teil der Feedstocks wurde zunächst zur Herstellung von Hydrofluorkohlenwasserstoffen (HFKWs) genutzt, die nach dem Verbot der FCKWs als Ersatz für Kältemittel eingeführt wurden. Da sich diese Ersatzstoffe später als starke Treibhausgase erwiesen, werden sie heute im Rahmen des so genannten Kigali Amendments schrittweise ersetzt. An ihre Stelle treten zunehmend Hydrofluorolefine (HFOs), die das Klima zwar wenig beeinflussen, bei deren Herstellung aber erneut stark ozonabbauende Feedstock Chemikalien eingesetzt werden.
Hinzu kommt ein stark wachsender Einsatz in der Polymerindustrie – etwa für die Herstellung von Fluorpolymeren wie Teflon (PTFE) oder Polyvinylidenfluorid (PVDF), einem wichtigen Material in Lithium Ionen Batterien von Elektroautos. „Die Feedstock Mengen nehmen nicht ab, sondern wachsen zumindest in den kommenden Jahren weiter“, sagt Reimann.
Auswirkung auf Ozonschicht und Klima
Auf Basis dieser Entwicklungen berechnete das internationale Forschungsteam verschiedene Zukunftsszenarien. Verglichen wurden dabei etwa die ursprünglich angenommenen, sehr niedrigen Emissionsraten mit den heute gemessenen Werten aus der Nutzung von Feedstock Chemikalien. Als Referenz dient die etablierte Kenngröße aus dem Jahr 1980, als der globale Ozonabbau erstmals deutlich beobachtet wurde. Bislang ging man davon aus, dass dieser ursprüngliche Zustand der Ozonschicht um das Jahr 2066 wieder erreicht wird.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Das „Medusa“-Messsystem
(Bild: Empa)
Die neuen Berechnungen zeigen jedoch: Bleiben die Feedstock Emissionen auf dem heutigen Niveau, verschiebt sich dieser Zeitpunkt um rund sieben Jahre. Die stratosphärische Ozonschicht würde sich demnach erst um das Jahr 2073 vollständig erholen. Die Unsicherheitsspanne dieser Abschätzung reicht von sechs bis elf Jahren.
Die freigesetzten Feedstock Chemikalien schädigen aber nicht nur die Ozonschicht, sondern wirken auch als starke Treibhausgase. Wenn sich nichts ändert, erreichen die zusätzlichen klimaschädigenden Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts rund 300 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr – vergleichbar mit den aktuellen jährlichen CO2-Emissionen eines Landes wie England oder Frankreich. Eine Reduktion dieser Emissionen hätte daher einen doppelten Nutzen.
Ob diese Emissionen künftig durch verbindliche Emissionsgrenzwerte oder eine gezielte Begrenzung besonders problematischer Stoffe gesenkt werden, ist laut Stefan Reimann letztlich eine politische Entscheidung. Auch wenn das Montreal Protokoll weiterhin als einer der größten Erfolge der internationalen Umweltpolitik gilt, sollte es aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. „Das Montreal Protokoll war erfolgreich, weil Wissenschaft, Politik und Industrie eng zusammengearbeitet haben. Eine solche Zusammenarbeit ist auch heute wieder entscheidend, um neue Herausforderungen anzugehen“, sagt Reimann.