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Wie viel Zeit bleibt den Korallen im Flachwasser?

Klimawandel lässt Riffe erbleichen

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Rückblick in die Erdgeschichte

Ein gesundes Riff macht selbst das Absinken des Meeresbodens durch tektonische Bewegungen oder einen Meeresspiegelanstieg mit, denn die Strukturen wachsen immer weiter – nach oben, dem Licht entgegen. Doch den Klimawandel werden die tropischen Flachwasser-Riffe wohl – trotz aller Bemühungen – nicht überleben, schätzen Wissenschaftler. Es habe zwar in der Erdgeschichte bereits mehrere Phasen gegeben, in denen die tropischen Flachwasserriffe verschwanden, sagt Leinfelder. Aber irgendwann seien sie wieder neu entstanden. „Mal hat es drei, mal fünf, mal auch 140 Millionen Jahre gedauert, das ist also kein Trost für heute“, betont der Riffexperte.

Doch noch nie sei das Sterben so schnell gegangen wie dieses Mal – verursacht durch den vielfältigen Einfluss des Menschen. Mit seinem Team untersucht Leinfelder deshalb an verschiedenen Punkten der Erde die Anpassungsfähigkeit unterschiedlicher Rifftypen. Vielleicht könnten manche, so die Hoffnung des Forscherteams, zumindest stellenweise die Aufgaben abgestorbener Flachwasser-Riffe übernehmen.

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Vielseitige Erscheinungsformen

Kandidaten, die Nische der Flachwasser-Riffe zu füllen, gibt es Leinfelder zufolge einige. „Vor Borneo etwa gibt es Schlammriffe, die trotz des hohen Schlammeintrags durch die Abholzung der Regenwälder lebensfähig sind“, sagt der Geobiologe. Und in der Jurazeit seien Riffe in sehr nährstoffreichem und trübem Wasser gewachsen, obwohl es dort wenig Licht gab und der Photosynthese-Stoffwechsel der Algen eingeschränkt war. „Solche ,Schmutzfink-Korallenriffe’ gibt es bis heute im Tiefwasser.“

Spannend sind für Leinfelder auch Lazarusriffe, die mehrheitlich aus Schwämmen bestehen oder bei denen sich die Korallen, wie im Mittelmeer, anpassen können: Gibt es viel Plankton, fressen sie mehr Plankton – gibt es viel Licht, halten sie sich einzellige Symbionten. Stromatolithen-Riffe aus abgestorbenen Mikrobenfilmen – quasi die Urväter aller Riffe – sind sogar wahre Überlebenskünstler: Sie überstehen nahezu alles.

Riffschutz: Eine Frage der Zeit und des persönlichen Einsatzes

Vollständig ersetzen könnten solche Exoten ihre bedrohten Korallen-Kollegen jedoch nicht, fürchtet Leinfelder. Nur eins könne den tropischen Flachwasser-Riffen noch helfen: „Wir müssen die Geschwindigkeit des Klimawandels stark bremsen und andere belastende Faktoren wie etwa die Meeresverschmutzung und die Überfischung verringern, damit die Riffe mehr Zeit bekommen, sich anzupassen.“

Das oft gehörte Argument „Aber ich allein kann doch eh nichts tun!“ ist nach Ansicht des Wissenschaftlers keine gute Ausrede. Denn jeder einzelne könne sehr wohl etwas tun: Zum Beispiel Flugreisen und damit CO2 einsparen, weniger und nur Fisch aus zertifiziertem Fang essen und Plastik vermeiden, denn 70 Prozent davon landeten irgendwann in der Umwelt. „Selbst die richtige Wahl des Sonnenschutzes beim Schnorcheln hilft“, appelliert Leinfelder, „denn auch synthetische UV-Filter in Sonnencremes schaden den Riffen und ihren Bewohnern.“

* Dr. C. Pietschman, Journalistin, 12163 Berlin

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