Was bedeutet es für unsere Gesundheit, wenn wir umgeben sind von Plastik? Wenn Mikroplastik sogar in unserem Körper vordringt? Längst haben Studien die winzigen Kunststoffpartikel im Blut und im Hirn von Menschen nachgewiesen. Ein Übersichtsbeitrag blickt auf mögliche Verbindungen zu Erkrankungen und zeigt Gegenmaßnahmen, medizinisch sowie ernährungsbezogen.
Im Gehirn reichern sich 7- bis 30-mal höhere Mikroplastik-Konzentrationen an als in Leber oder Niere. Die höchste Belastung zeigen Studien bei Spendern mit Demenz. (Symbolbild)
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Mikroplastik im Wasser, Mikroplastik im Boden, Mikroplastik in der Luft. Die winzigen Kunststoffpartikel sind längst allgegenwärtig und auch in Nahrungsketten sowie in den Menschen selbst vorgedrungen. Wie sie unsere Gesundheit beeinflussen, untersuchen zahlreiche Studien – und die Nachrichten sind alarmierend.
Plastik in Hirn und Blutgefäßen
In einem Review hat ein internationales Team von Wissenschaftlern im Mai 2026 beschrieben, dass die menschliche Mikroplastiklast die Schwelle von der Umweltsorge zur Notlage der Gehirngesundheit überschritten habe.
Das Review führt Befunde aus drei Bereichen zusammen, die bis vor kurzem in getrennten wissenschaftlichen Silos lagen. Menschliches Hirngewebe von Verstorbenen weist Mikroplastikkonzentrationen auf, die 7- bis 30-fach höher liegen als in gepaarten Proben aus Leber oder Niere. Dies zeigt eine Studie von Nihart et al., die entsprechenden Proben einer Kohorte von 2016 bis 2024 entnommen und an der University of New Mexico analysiert hatten [1]. Die kumulative Gewebelast stieg über dieses Achtjahresfenster um rund 50 Prozent. Spender mit diagnostizierter Demenz trugen die höchsten Lasten. Polyethylen überwog, zumeist in Form nanoskaliger, splitterartiger Fragmente.
Die Evidenz aus der Herz-Kreislauf-Forschung ist ebenso eindrücklich. Marfella und Mitarbeiter wiesen bei ihrer Arbeit an Patienten unter Karotis-Endarteriektomie Mikro- und Nanoplastik im Inneren atheromatöser Plaques nach [2]. Personen, deren Plaque positiv auf diese Partikel testete, zeigten innerhalb von der Nachbeobachtungszeit von 34 Wochen einen etwa vierfach erhöhten Verbundrisikoanstieg für Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Tod.
Der Weg des Mikroplastiks ins Gehirn
Wie gelangen diese Partikel überhaupt in das Gehirn? Tierexperimentelle Daten geben dazu wichtige Hinweise: Polystyrol-Nanopartikel, oral an Mäuse verabreicht, überquerten die Blut-Hirn-Schranke binnen zweier Stunden nach Exposition, wie Kopatz et al. zeigten [3]. Eine im Transit erworbene biomolekulare Korona fungiert dabei als Passierschein. Größere Partikel überqueren die Schranke zwar nicht, nanoskalige können aber passieren.
„Wir betrachten ein Organ, in dem die höchsten gemessenen Mikroplastikkonzentrationen mit den folgenreichsten klinischen Endpunkten der gesamten Medizin zusammentreffen“, sagt Dr. Julio Licinio, Erstautor des Reviews sowie Herausgeber und CEO von Genomic Press.
Das Review rückt zudem ein in der Gesellschaft weit verbreitetes Übertragungsmedium in den Vordergrund: hochverarbeitete Lebensmittel (Gruppe 4 der NOVA-Klassifikation). Gerade in den USA sind sie ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung. Dort liefern sie inzwischen mehr als die Hälfte der Kalorienzufuhr. Sie sind zugleich Vektoren mit hohem Durchsatz für Mikroplastikexposition: durch Verpackungsmigration beim Erhitzen und Lagern, durch mechanischen Abrieb während der industriellen Verarbeitung und durch nachgelagerte Kontamination.
Die Mikroplastikbelastung des Menschen und die Gesundheit des Gehirns. Schematischer und vereinfachter Überblick über ausgewählte Quellen, Expositionswege, Mechanismen und gesundheitliche Auswirkungen im Zusammenhang mit der Anreicherung von Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper.
Unabhängig vom Mikroplastikgehalt wurde der Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel in großen prospektiven Kohorten mit Depression, Angst, kognitivem Abbau, Schlaganfall und Demenz verknüpft. Eine Metaanalyse mit 385.541 Teilnehmenden ergab eine um 53 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit für Symptome häufiger psychischer Störungen bei den höchsten Aufnahmemengen. Daten der UK Biobank verbinden dasselbe Ernährungsmuster mit erhöhtem Demenzrisiko. Die REGARDS-Kohorte zeigte: Ein Anstieg des relativen Anteils hochverarbeiteter Lebensmittel um 10 Prozent ging mit einem 16 Prozent höheren Risiko für kognitive Beeinträchtigung und einem 8 Prozent höheren Schlaganfallrisiko einher, unabhängig von der Befolgung mediterraner, DASH- oder MIND-Ernährungsmuster.
„Die Grenze zwischen körperlicher und seelischer Gesundheit war stets eher administrativ als biologisch“, meint Dr. Nicholas Fabiano, Department of Psychiatry der University of Ottawa und Mitautor des Reviews. „Mikroplastik respektiert diese Grenze nicht. Dieselben Partikel, die sich im Atherom einlagern, erreichen auch das Gehirn. Dieselben Ernährungsexpositionen, die das kardiovaskuläre Risiko erhöhen, erhöhen auch das Risiko für Depression und Demenz. Wir betrachten ein einziges Problem mit vielen klinischen Gesichtern.“
Um Krankheitsfolgen durch Mikroplastik zu verringern, gebe es bereits heute medizinische Maßnahmen mit vielversprechendem Effekt, wie die Autoren des Reviews festhalten. Bornstein et al. haben am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden berichtet, dass die therapeutische Apherese, also Blutwäsche, sich eignet könnte, um Mikroplastik aus dem menschlichen Blutplasma zu entfernen [4].
Stand: 08.12.2025
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„Die Apherese ist ein etabliertes klinisches Verfahren. Dass sie diese Partikel offenbar in vivo erreicht, eröffnet einen Weg, der vor einem Jahr noch nicht bestand“, sagt Dr. Stefan R. Bornstein von der Technischen Universität Dresden und vom King’s College London, Letztautor der Studie. „Die Aufgabe besteht nun darin, das Signal gegen Messstandards zu validieren, auf die sich die breitere wissenschaftliche Gemeinschaft verständigen kann, und skalierbare Alternativen zu entwickeln, die auf Polymerspezifität, Gewebekompartiment und Patientenpopulation abgestimmt sind.“ Aktuell fehle es an der Messinfrastruktur, um Polymere nach ihrem Schädigungspotenzial zu ordnen und zu bestätigen, dass Interventionen wirken, wie Mitautroin Dr. Charlotte Steenblock ergänzt, ebenfalls von der TU Dresden.
Wie bedeutsam die Forschung zu Mikroplastik und Entfernungsstrategien ist, zeigen diverse Studien. So wurde bereits Mikroplastik im intrazellulären Kompartiment der menschlichen Plazenta lokalisiert, was eine fötale Exposition während des folgenreichsten Fensters der Hirnentwicklung impliziert. Diese Phase ist besonders kritisch, weil sich die Blut-Hirn-Schranke noch in der Entwicklung befindet. Wie sich eine Mikroplastik-Belastung aus der Schwangerschaft und auch während der Kindheit langfristig auswirkt, wird durch heutige Erwachsenenkohorten aber noch nicht ausreichend abgebildet.
Aktuell sehen die Review-Autoren vor allem die Ernährungsweise als geeigneten Ansatz, um die Mikroplastikaufnahme in den Körper zu verringern. Konkret müsse der Konsum an hochverarbeiteten Lebensmitteln zurückgehen. Das sei keine triviale Aufgabe, aber der einzige Hebel, der auf der Größenordnung des Mikroplastik-Problems wirke.
[4] Stefan R Bornstein, Timo Gruber, Danai Katsere, Ayoub El Attaoui, Leopold Wohlsperger, Mohamad Yaman, Waldemar Kanczkowski, Gunther Piwernetz, Richard Straube, Karin Voit-Bak, Julio Licinio, Charlotte Steenblock: Therapeutic apheresis: A promising method to remove microplastics?, Brain Med, 2025 May;1(3):52-53; DOI: 10.61373/bm025l.0056