Durch Alter oder Krankheit kann die Knochendichte abnehmen, und ein Bruch wird wahrscheinlicher. Doch nicht allein die Dichte bestimmt die Stabilität. Auch die Orientierung der Kollagenfasern, aus denen Knochen bestehen, beeinflussen die Bruchgefahr. Dies zeigen neue Untersuchungen der Nanostruktur von Oberschenkelhalsknochen.
Die Stabilität eines Knochens hängt nicht nur von seiner Dichte ab, sondern auch von der Orienteierung der Kollagenfasern, aus denen er besteht (Symbolbild).
Ein unachtsamer Schritt, und es ist passiert: Sturz, Aufprall, Bruch. Insbesondere bei älteren Menschen, wenn der Knochen an Dichte verloren hat, kann leicht die Hüfte brechen – sehr häufig am Oberschenkelhals, dem schmalen Knochenabschnitt direkt unter dem Hüftgelenk. Meist bricht der Knochen dann von der Oberseite des Oberschenkelhalses her, wo er in aller Regel deutlich poröser ist als an der Unterseite.
Allerdings besteht dieser Zusammenhang nicht immer: Manchmal bricht ein Oberschenkelhals auch, obwohl er nicht porös ist. Forschende des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) haben nun durch spezielle Röntgenanalysen mithilfe der Synchrotron Lichtquelle Schweiz (SLS) am PSI und Messungen am schwedischen Synchrotron MAX IV herausgefunden, woran das liegen könnte: an einer veränderten Nanostruktur des Knochens.
Das Team um Projektleiterin Marianne Liebi, Wissenschaftlerin am Zentrum für Photonenforschung des PSI, hat je zwei Knochenproben von 78 verschiedenen Oberschenkelhälsen mit einem neuen Bildgebungsverfahren untersucht. Dabei stammte jeweils eine Probe aus der Oberseite und eine aus der Unterseite desselben Oberschenkelhalses. Die Proben erhielt das Team von der Universität Bern, deren Fachleute im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts an der Auswertung beteiligt waren. Das Verfahren nennt sich Small-angle X-ray scattering tensor tomography, kurz SAXS-TT, und es kombiniert die Analyse der so genannten Kleinwinkel-Streusignale einer hochauflösenden Röntgenaufnahme mit einer 3D-Tomografie, also der Aufnahme aus verschiedenen Blickwinkeln. Diese Methode wurde über die letzten gut zehn Jahre am PSI entwickelt und für die Analyse unterschiedlicher Materialien erprobt, darunter Knochen.
Analyse zeigt Ordnung der Kollagenfasern
Tensor-Tomografien eines Oberschenkelhalsknochens: Die Probe aus der Oberseite zeigt insgesamt mehr dunkelgraue und rote statt hellgraue Werte an. Bedeutet: Die Kollagenfasern liegen dort weniger parallel vor als an der Unterseite. Dadurch kann der Knochen leichter brechen.
(Bild: Studio HübnerBraun)
Die Analyse der Proben der 78 verschiedenen Oberschenkelhalsknochen zeigte, dass neben der geringeren Knochendichte an der Oberseite des Oberschenkelhalses ein weiterer Faktor auffällt: Die Kollagenfasern, aus denen Knochen bestehen und die tausendmal feiner sind als Haare, verlaufen dort anders als an der Unterseite. Während sie unten parallel geordnet liegen, sodass sie die einwirkenden Kräfte am Oberschenkelhals gut abfedern können, erscheinen sie oben ungeordneter, verlaufen schräger oder sogar über Kreuz. Das macht sie weniger flexibel. „Dazu kommt, dass die Mineralplättchen dort weniger regelmäßig geordnet und anders geformt sind“, sagt Studienerstautor Torne Tänzer, der als Doktorand in Liebis Forschungsgruppe arbeitet. Die Mineralplättchen eines Knochens sind winzige Lamellen aus Kalzium-Phosphat, die zwischen den Kollagenfasern liegen und diese stabilisieren.
Die Anordnung von Fasern und Plättchen, so die Vermutung, könnte einen Einfluss auf die Stabilität von Knochen haben. „Diese These, wollen wir nun in weiteren Studien untersuchen, indem wir mechanische Belastungstests mit verschieden strukturierten Oberschenkelhalsknochen durchführen“, sagt Tänzer. Dann werde sich zeigen, ob eine unregelmäßige Struktur tatsächlich die Gefahr für Knochenbrüche erhöht. „Womöglich können wir dann auch sagen, inwiefern solche Änderungen der Nanostruktur ebenfalls mit dem Alter zusammenhängen.“
Die Forschenden hoffen, dass ihre Arbeit zu einem tieferen Verständnis der Struktur von Knochen allgemein und deren Analyse beiträgt. Darüber hinaus könnte sie die grundlegende Forschung zur Knochenmechanik weiterbringen: „Methoden, um biologische Materialien auf der Nanoskala sowohl strukturell als auch mechanisch zu untersuchen, werden ständig weiterentwickelt“, sagt Projektleiterin Liebi. „Wir zeigen, was diese Entwicklungen heute bereits leisten und in welche Richtung sie in Zukunft gehen können.“
Schnellere Aufnahmen dank Synchrotron-Upgrade
Torne Tänzer und Marianne Liebi an der Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS am PSI. Hier konnten sie erstmals die Nanostruktur von Oberschenkelhalsknochen sichtbar machen. Dies könnte helfen zu verstehen, weshalb dieses Knochenstück vergleichsweise häufig bricht.
(Bild: Paul Scherrer Institut PSI/Markus Fischer)
Bei künftigen Studien wird den Forschenden das kürzlich erfolgte Upgrade der SLS zugutekommen. Dabei wurde ihr kompletter Elektronenspeicherring mit mehr als tausend neuen, hochpräzisen Magneten ersetzt und so Intensität und Brillanz der Röntgenlichtquelle noch mal um ein Vielfaches gesteigert. Das ermöglicht deutlich detailliertere Aufnahmen als bisher und reduziert die Messzeit erheblich.
„Wir konnten nur die Proben von 2 der 78 Oberschenkelhalsknochen vollständig in 3D aufnehmen, weil das mit der bisherigen Technologie einfach sehr lang dauerte und ungeheuer aufwendig war“, berichtet Erstautor Tänzer. Die 3D-Tomografie benötigte pro Aufnahme einen ganzen Tag, während die 2D-Dünnschnitt-Messungen, die während der Umbauphase der SLS am schwedischen Synchrotron MAX IV erfolgten, lediglich zwanzig Minuten beanspruchten. Mit den wenigen 3D-Beispielen konnten die Forschenden Rückschlüsse auf die anderen, nur zweidimensional betrachteten Proben ziehen und so die 2D-Daten besser interpretieren. „Mit der erneuerten SLS werden wir nun viel mehr Proben in 3D analysieren können. Das wird den Erkenntnisgewinn noch deutlich steigern.“
Stand: 08.12.2025
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