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Stimmungsbarometer Laborbranche Versorgungsnot im Laborsektor – Eine Branche am Limit

Autor: Christian Lüttmann

Egal ob Diagnostik-Labor oder Life-Science-Forschungseinrichtung – momentan kämpfen viele Labore um genügend Verbrauchsmaterialien für den laufenden Betrieb. Wie wird die Situation von den Labormitarbeitern wahrgenommen? Welche Rolle spielen die Zulieferer? Und warum sind gerade Schutzhandschuhe Mangelware in Deutschland?

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Dichtheitstest von Schutzhandschuhen in einer chinesischen Fabrik. In der Coronapandemie sind Schutzhandschuhe und andere Verbrauchsmaterialien besonders in Deutschland knapp geworden.
Dichtheitstest von Schutzhandschuhen in einer chinesischen Fabrik. In der Coronapandemie sind Schutzhandschuhe und andere Verbrauchsmaterialien besonders in Deutschland knapp geworden.
(Bild: ©junrong - stock.adobe.com)

Würzburg – Masken, Schnelltests, Beatmungsgeräte, zwischenzeitlich Nudeln und Klopapier – die Coronapandemie hat sowohl im Berufsalltag wie im Privatleben zu so mancher Versorgungsknappheit geführt. Ist jetzt wieder alles im Lot? Noch nicht, sagt der Geschäftsführer von Starlab International, Klaus Ambos. Labore klagen zunehmend über fehlende Materialien im Liquid-Handling-Bereich. Dazu gehören vor allem Einwegprodukte wie Pipettenspitzen oder -Filter. Aber auch Persönliche Schutzausrüstung ist weiterhin Mangelware.

„Wir beobachten derzeit eine angespannte Situation bei allen Laboren. Die Knappheit betrifft dabei nicht nur Kliniken und Diagnostiklabore, die mit der Bekämpfung der Corona-Krise beschäftigt sind“, sagt Ambos. Neben seinen eigenen Erfahrungen stützt er sich bei dieser Aussage auf eine nicht-repräsentative Starlab-Umfrage mit rund 230 Teilnehmern – überwiegend Labormitarbeiter – aus Deutschland, Österreich, Großbritannien, Italien und Frankreich.

Großer Materialmangel, vor allem in Deutschland

Die Umfrageergebnisse bestätigen Ambos‘ Eindruck: 44 Prozent der Befragten geben an, dass sie Liquid-Handling-Materialien derzeit nur verspätet oder gar nicht geliefert bekommen. Betrachtet man nur Deutschland, sind es sogar über 60 Prozent. Und es ist damit zu rechnen, dass es noch eine Weile so weitergeht. „Bis Ende 2021 sehe ich keine Entspannung“, sagt Ambos.

Besonders nach dem derzeit laufenden zweiten Lockdown in Deutschland erwartet der Starlab-Geschäftsführer einen nochmal stärkeren Anstieg der Nachfrage nach Verbrauchmaterial. Denn dann fahren auch die Labore ihren Betrieb wieder hoch, die als „nicht Corona-relevant“ eingestuft wurden und deshalb zurzeit gezwungenermaßen nur im Notbetrieb laufen. Dazu gehören u.a. Einrichtungen, die an Krebstherapien oder neuen Antibiotika erforschen. Bedeutsame Themen, die durch die Corona-Pandemie leider ins Hintertreffen geraten seien, wie Ambos bedauert.

Kapazitäten erschöpft, Nachfrage noch nicht

Diese Gefahr sehen offenbar auch die befragten Laboranten, die mehrheitlich davon ausgehen, dass 2021 ein angespanntes Jahr bleibt und die Nachfrage nach Liquid Handling Materialien noch mehr steigen könnte. Ein Viertel der Umfrageteilnehmer geht von einer bis zu 25 Prozent höheren Nachfrage aus, knapp ein Zehntel (8%) rechnet sogar mit einer bis zu 50%-igen Steigerung.

Für die Hersteller und Vertreiber bedeutet das einen immensen Druck, arbeiten sie doch bereits am Limit. „Wir können unseren Aufträgen schon jetzt nur teilweise gerecht werden, weil schlicht keine Produktionskapazitäten mehr frei sind“, beschreibt Ambos die gespannte Lage aus seiner Sicht als Anbieter von Verbrauchsmaterial.

Hamsterkäufe im Laborsektor

Als Konsequenz der am Limit laufenden Produktion können Zulieferer wie Starlab bereits jetzt ähnliche „Hamster-Effekte“ beobachten wie im Einzelhandel: Kunden decken sich verstärkt mit Material ein, um sich für zukünftige Engpässe abzusichern. So gibt in der Starlab-Umfrage rund ein Drittel der Teilnehmer an, für das eigene Labor in den vergangenen Monaten verstärkt Material geordert zu haben. 39 Prozent wollen zusätzliche Materialbestände aufbauen, um Lieferprobleme besser managen zu können.

Ambos sieht das Aufstocken von Vorräten in einer akuten Krise wie momentan allerdings kritisch. Was bei dem einen Labor „auf Halde“ liegt, fehle schließlich in einem anderen Labor, um den Betrieb überhaupt noch am Laufen zu halten. Deshalb dürften auch die deutschlandweit rund 170 Covid-Labore nicht einfach anderen Einrichtungen die Versorgung vollständig streitig machen. „Nur weil der öffentliche und gesellschaftliche Druck beim Thema Covid-19 höher ist, bedeutet dies nicht, dass andere Bereiche der Medizin darunter leiden dürfen. Bei der Materialauslieferung bemühen wir uns daher um eine ausgeglichene Bereitstellung“, sagt Ambos.

Laborhandschuhe: besseres Investment als Gold

Nicht immer liegt jedoch die Entscheidungsgewalt in den Händen der deutschen Zulieferer. So hat die Coronakrise den ein oder anderen Missstand im Laborsektor aufgedeckt: etwa die Ausgliederung von Produktionsstätten nach Asien. Schutzhandschuhe, die gerade jetzt in der Krise verstärkt von medizinischem und Laborpersonal benötigt werden, stammen nahezu ausnahmslos aus Fabriken in Fernost. Und weil dort die Pandemie ebenso ein Thema ist wie hier, steht Europa bei Lieferungen zunächst hinten an.

Die enorm gestiegene Nachfrage sorgte für eine Preisexplosion bei Schutzhandschuhen: etwa eine Verdreifachung im Jahr 2020, und allein im Januar dieses Jahres nochmals ein Anstieg um 43%, wie Starlab-Geschäftsführer Ambos berichtet. Zum Vergleich: Der Goldpreis stieg im gesamten Jahr 2020 lediglich um rund 20%. Weil auch Starlab nur Händler und nicht Hersteller der Handschuhe ist, muss Ambos diese Preise an seine Kunden weitergeben, um wirtschaftlich zu bleiben. Von Starlab selbst hergestellte Produkte wie Filterspitzen zur Vorbereitung der PCR Proben sollen aber von außerordentlichen Preiserhöhungen befreit bleiben, versichert der Geschäftsführer. Er sieht sich und andere Hersteller in der gesamtgesellschaftlichen Pflicht, zu einer möglichst erfolgreichen Bewältigung der Krise beizutragen. Dabei würde die Nachfrage derzeit wohl nahezu jeden noch so hohen Verkaufspreis möglich machen. „Wenn ein Container mit rund zwei Millionen Handschuhen bei uns im Lager ankommt, ist er am nächsten Tag leer“, verdeutlicht Ambos.

Dauerthema Fachkräftemangel – durch Krise noch verstärkt

Neben Versorgungsengpässen sei auch der Mangel an Fachpersonal ein Kernproblem im Laborsektor. Rund 30 Prozent der Befragten sehen darin eine der größten Herausforderungen für die Branche im Jahr 2021. „Der Mangel an Fachpersonal in den Laboren ist ein Problem, das die Branche schon länger beschäftigt. Wie auch in anderen Bereichen wirkt die Corona-Krise hier wie ein Brennglas“, beschreibt Ambos.

Neue Trends in Sachen Digitalisierung könnten langfristig Abhilfe schaffen. Labor-Informations-Management-Systeme (LIMS) zum Beispiel digitalisieren und vereinfachen Prozesse wie die Dokumentation von Proben und lassen sich mit dem gesamten Labormanagement verknüpfen. „Die Digitalisierung hat das Potenzial, Laborberufe für den Nachwuchs wieder attraktiver zu machen, weil sie die eigentliche Forschungsarbeit wieder stärker in den Fokus rückt“, sagt der Starlab-Geschäftsführer.

2021 hält also für die Laborbranche einige große Herausforderungen bereit, die den Sektor wohl noch mindestens bis Ende des Jahres beschäftigen werden.

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Über den Autor

 Christian Lüttmann

Christian Lüttmann

Redakteur, Vogel Communications Group GmbH & Co. KG