Die Freisetzung von Chemikalien und Mikroplastik auf Null bringen: Diesen ehrenwerten Zielwert aufzustellen ist das eine. Ihn zu erreichen ist jedoch unrealistisch. Ein internationales Konsortium hat deshalb Handlungsempfehlungen entwickelt, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit neuen Substanzen aussehen sollte.
Workshop am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) zum Thema neuartige Substanzen und deren Regulierung
Ob in Haushaltswaren, Elektrogeräten, Textilien, Kosmetika, Medikamenten oder Nahrungsmitteln – menschengemachte Chemikalien und Substanzen sind allgegenwärtig. Sie leisten unverzichtbare Dienste in Industrie, Landwirtschaft, Transport-, Energie- oder Gesundheitswesen. Weltweit werden rund 350.000 chemische Substanzen genutzt.
Doch Chemikalien, ihre Mischungen und andere menschengemachte Substanzen können sich auch negativ auf unsere Gesundheit und die Umwelt auswirken. Sie gelangen in alle Sphären des Erdsystems, können sich dort anreichern und zu unvorhersehbaren Wirkungen führen. Im Konzept der „Planetaren Grenzen“ werden Chemikalien gemeinsam mit Mikroplastik, Nanomaterialien sowie mobilisierten radioaktiven Materialien in der Kategorie „Neuartige Substanzen“ zusammengefasst.
Gut gemeint, schlecht umsetzbar: der Zielwert „Null“
Die Belastbarkeitsgrenze für neuartige Substanzen gilt bereits als überschritten, und für ihre Freisetzung in die Umwelt wurde ein streng vorsorglicher Zielwert von „Null“ angesetzt. „Mit dieser Nullgrenze wird empfohlen, weltweit keine neuartigen Substanzen in Umlauf zu bringen, die nicht umfassend charakterisiert sind“, sagt die UFZ-Umweltchemikerin Prof. Annika Jahnke, Erstautorin der Studie. „Diese Empfehlung geht jedoch an der Realität vorbei, da sie Nutzen und Dienste, die viele neuartige Substanzen erbringen, nicht ausreichend berücksichtigt. Und sie führt auch nicht zu einem besseren Schutz für Mensch und Umwelt. Da die Nullgrenze rechtlich nicht bindend ist und auch praktisch nicht erreicht werden kann, werden weltweit nach wie vor neuartige Substanzen entwickelt, hergestellt und genutzt.“
Je nach Land oder Region würden bestimmte Substanzen mehr oder weniger stark reguliert, führt die Expertin aus. „Dort, wo weniger strenge Regularien gelten, können Substanzen mit kritischen Eigenschaften in Produkten verarbeitet sein, die mitunter auch in Länder exportiert werden, in denen ein Verbot für die Herstellung und Verarbeitung der Inhaltsstoffe gilt“, schildert Jahnke. Die Autoren erkennen die derzeitige Bewertung der Belastungsgrenze für neuartige Substanzen an, sprechen sich jedoch für einen neuen, praktikablen Handlungsrahmen aus, der wissenschaftliche Erkenntnisse in wirksames Umweltmanagement umsetzt.
In einem vierminütigen Clip des UFZ stellen die Forscher ihre Motivation vor, sich mit den Risiken neuartiger Chemikalien zu beschäftigen und Lösungen für das Problem zu entwickeln. Dabei zielen sie auf Maßnahmen, die wissenschaftlich fundiert sind und langfristig Bestand haben:
Spezifisch angepasste Zielwerte statt Nullgrenze
Die aktuelle Studie fasst die Ergebnisse zusammen, die internationale Experten in einem Workshop am Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) Ende 2025 gemeinsam erarbeitet haben. Die Studie schlägt einen globalen Handlungsrahmen für neuartige Substanzen vor, der eine weltweite Nutzung in einem sicheren Rahmen ermöglicht, bei gleichzeitigem Schutz von Mensch und Umwelt.
Ein wichtiger Punkt: Die Einschätzung und Bewertung von Gefährdungspotenzialen. „Entscheidend ist, den gesamten Lebenszyklus einer neuartigen Substanz oder Stoffgruppe zu betrachten – von der Rohstoffgewinnung über Herstellung und Nutzung bis hin zur Entsorgung“, betont Dr. Levke Caesar vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Ebenso wichtig ist es zu verstehen, wie sich diese Stoffe in der Umwelt verhalten: ob sie langlebig sind, sich anreichern oder problematische Abbauprodukte bilden. Je besser wir diese Eigenschaften kennen und bewerten können, desto gezielter lassen sich wissenschaftlich fundierte Zielwerte festlegen, die Mensch und Umwelt wirksam schützen.“ Das Ziel: Die bisherige Nullgrenze durch spezifische, an das Gefährdungspotenzial angepasste Zielwerte zu ersetzen.
Dreistufiger Kontrollprozess für neuartige Substanzen
Für die Bewertung möglicher Gefährdungen haben die Forschenden einen dreistufigen Kontrollprozess entworfen.
1. In der ersten Stufe „Produktion“ geht es beispielsweise um solche Fragen: Wie und in welchen Mengen werden neuartige Substanzen produziert oder freigesetzt? Welche problematischen Eigenschaften haben sie? Wie gelangen sie in die Umwelt und damit auch in Lebewesen wie den Menschen?
2. Mit der zweiten Kontrollstufe „Status“ soll das Umweltverhalten neuartiger Substanzen eingeschätzt werden. Dafür schlagen die Autoren vor, globale Programme zum Umweltmonitoring zu etablieren. So soll herausgefunden werden, wo auf der Erde sich welche Mengen einer Substanz besonders stark anreichern. „Sinnvoll wäre es, wenn künftig eine globale Institution Planung, Koordination und Durchführung solcher Programme übernehmen und vergleichbare Daten erheben würde“, sagt Prof. Matthew MacLeod von der Universität Stockholm. „Innerhalb der Europäischen Union und in anderen Regionen der Erde gibt es bereits gute, erfolgreiche Monitoringprogramme für bestimmte Substanzen wie zum Beispiel für gewisse persistente organische Schadstoffe nach der Stockholm Konvention des UN-Umweltprogramms und das Arktische Monitoring- und Bewertungsprogramm. Diese auszuweiten und für alle neuartigen Substanzen anzuwenden, ist unser Ziel.“
3. In der dritten Stufe „Auswirkungen“ sollen mithilfe von Laboransätzen, Datenbanken und Computermodellierungen die Auswirkungen neuartiger Substanzen unter anderem auf die Umwelt und den Menschen ermittelt werden. „Je mehr wir über eine Substanz oder eine Substanzgruppe und ihre Wirkungen wissen, desto besser kann eine angepasste Regulierung oder Beschränkung erfolgen“, erklärt UFZ-Umweltchemikerin Jahnke. „Wir können Chemikalien und andere Substanzen nicht per se verbieten, denn viele sind innerhalb der Grenzen einer sicheren Verwendung für menschliche Gesellschaften wichtig und nützlich. Mit unseren Handlungsempfehlungen möchten wir mehr Wissen generieren, auf dessen Basis sinnvolle Entscheidungen getroffen werden können.“
Lösungswege und Ideen für globale Regelungen entwickeln
Konzeptioneller Rahmen zur Operationalisierung der Grenze für neuartige Stoffe mithilfe ergänzender Kontrollvariablen, die Druck, Zustand und Auswirkung abdecken. Diese Variablen sind entlang des Wirkungspfades Extraktion, Produktion → Nutzung, Verteilung, Ansammlung, Exposition → Auswirkung positioniert. Das untere Panel bietet einen qualitativen Vergleich bezüglich Präventionspotenzial, Nähe zu Erdsystem-Auswirkungen und Managementumsetzbarkeit. Kreise mit „+“-Symbolen zeigen höhere Relevanz oder Leistung im Vergleich zu den anderen Typen an. Die ergänzende Nutzung der drei Kontrollvariablentypen gewährleistet eine robuste Bewertung.
(Bild: https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acs.est.6c03044 (Grafik mithilfe von KI übersetzt))
Die Forschenden haben in ihrer Studie Beispiele für erfolgreiche Chemikalienregulierung und Umweltmonitoring zusammengetragen, etwa die Stockholm Konvention oder die EU-Chemikaliengesetzgebung. Ausgehend von solchen Beispielen werden sie in einem weiteren Workshop am UFZ im September 2026 herausarbeiten, wie diese zusammengeführt, erweitert und auf globaler Ebene umgesetzt werden könnten. An dem internationalen Workshop werden unter anderem Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, nationale und regionale Entscheidungsträger sowie Vertreter von Regulierungsbehörden, internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen zusammenkommen. „Gemeinsam wollen wir Lösungswege und Ideen für globale Regelungen entwickeln – damit neuartige Substanzen in einem sicheren Rahmen genutzt werden und die Menschen und unser Planet bestmöglich geschützt sind“, fasst Jahnke zusammen.
Stand: 08.12.2025
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Originalpublikation: Annika Jahnke,, Yuge Bai, Werner Brack, Bethanie Carney Almroth, Miriam L. Diamond, Anna Lia S. Tromer Dragsdahl, Beate I. Escher, Peter Fantke, Dana Kühnel, Matthew MacLeod, Ad M.J. Ragas, Boris Sakschewski, Christian Schmidt, Volker Strauss, Gabriele Treu, Patricia Villarrubia-Gómez, Zhanyun Wang, Katrin Wendt-Potthoff, Marlene Ågerstrand, and Levke Caesar. Planetary Boundary for Novel Entities: Time for a Reboot, Environ. Sci. Technol. 2026, DOI: 10.1021/acs.est.6c03044