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CHROMATOGRAPHIE

Analyse von Haarproben für Strafverfahren

06.12.2006 | Autor / Redakteur: Michael Uhl*, Frank Scheufler /

Die Information, die der Nachweis von Drogen in Haaren zur Erkennung und zeitlichen Zuordnung von länger zurückliegenden Aufnahmen bietet, haben deutsche Gerichte in zunehmendem Maße als unverzichtbaren Sachbeweis zu schätzen gelernt. Im Bayerischen Landeskriminalamt wird GC/MS/MS für das Drogenscreening verwendet.

Die Information, die der Nachweis von Drogen in Haaren zur Erkennung und zeitlichen Zuordnung von länger zurückliegenden Aufnahmen bietet, haben deutsche Gerichte in zunehmendem Maße als unverzichtbaren Sachbeweis zu schätzen gelernt. Im Bayerischen Landeskriminalamt wird GC/MS/MS für das Drogenscreening verwendet.

Das Drogenscreening gehört zu den traditionellen Aufgaben kriminaltechnischer Laboratorien. Durch abschnittsweise Untersuchung einer Haarsträhne kann beispielsweise eine jahrelange Drogenkarriere eines Probanden nachvollzogen werden. So ließe sich etwa die Behauptung eines Beschuldigten, er benötige die bei ihm sichergestellte große Menge Rauschgift ausschließlich zum Eigenbedarf, da er hochgradig von diesem Betäubungsmittel abhängig sei, durch eine Haaranalyse auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen. Für andere Personen mag es dagegen von entscheidender Bedeutung sein zu beweisen, dass der Verdacht einer gelegentlichen oder gar regelmäßigen Drogenaufnahme unbegründet ist. Auch die Hoffnung eines Straftäters auf mildernde Umstände kann enttäuscht werden, wenn das Haargutachten belegt, dass sich keinerlei Hinweise auf starken Drogenkonsum in einem bestimmten Zeitraum ergeben haben.

Haare stellen durch die Einlagerung von legalen und illegalen Drogen und deren Stoffwechselprodukten einen Langzeitspeicher dar. Kurz nach dem Konsum sind die Drogen zunächst im Blut gelöst, gleich ob sie oral, nasal, inhalativ oder intravenös in den Körper gelangen. Die Haare sind über die Haarpapillen durch ein feines Gefäßsystem mit dem Blutkreislauf verbunden.

Das Wachstum beginnt im Haarbalg, der äußeren Schicht der Haarzwiebel, die sich wenige Millimeter unterhalb der Hautoberfläche befindet. Mehrere Haarzellen bündeln sich und verhornen zu Keratinfasern, die den Schaft eines neuen Haares bilden und nach etwa ein bis zwei Wochen die Hautoberfläche erreichen. Während des Haarwachstums werden auch im Blut enthaltene Fremdstoffe in das Haar eingebaut und deponiert. Auf Grund des Wachstums des Haares gelangen die gespeicherten Fremdstoffe schließlich durch die Hautoberfläche nach außen.

Dieses relativ einfache Modell der Einlagerung muss allerdings ergänzt werden, denn in unmittelbarer Nähe eines Haares befinden sich auch Talg- und Schweißdrüsen. Geringe Spuren der Drogen, deren Abbauprodukte und teilweise deren Stoffwechselprodukte sind auch in Talg und Schweiß gelöst und können dadurch zusätzlich an und in das Haar gelangen.

Haare wachsen je nach Körperregion unterschiedlich schnell und durchlaufen während ihres gesamten Lebenszyklus unterschiedliche Entwicklungsstadien. Die Wachstumsgeschwindigkeit von Kopfhaaren liegt bei 8 bis 15 mm pro Monat. Im Einzelfall sollen auch höhere Wachstumsraten (über 30 mm pro Monat) beobachtet worden sein. Der Anteil von Kopfhaaren, die sich in der Wachstumsphase befinden (anagener Status) liegt normalerweise bei etwa 85 Prozent. Ungefähr ein Prozent sind in der Übergangsphase (katagener Status) und 12 bis 15 Prozent im Ruhestadium (telogener Status), in dem die Haare nicht mehr wachsen. Die Wachstumsphase dauert in der Regel drei bis sechs Jahre. In der Ruhephase ist das Haar nur noch lose in der Haut verwurzelt und fällt nach wenigen Monaten aus.

Anders verhalten sich Achsel- und Schamhaare. Deren Wachstum ist mit etwa 1 cm pro Monat nur geringfügig langsamer als das der Kopfhaare, aber der Anteil an telogenen Haaren liegt mit etwa 50 Prozent deutlich höher. Wesentlich ist dabei, dass das Ruhestadium in Achsel- und Schamhaaren bis zu einem Jahr andauern kann. Die Wachstumsphase von Brust-, Bein- und Armhaaren ist relativ kurz und besonders starken individuellen Schwankungen unterworfen.

Durchführungen von Haaranalysen

Im Sachgebiet Chemie des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) im Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) werden seit 1990 Haaranalysen durchgeführt. In den meisten Fällen stammen die zu untersuchenden Haarproben vom Kopf, vorzugsweise von einer direkt am Hinterkopf entnommenen Strähne, da hier das Wachstum am regelmäßigsten abläuft. Im Bedarfsfall werden auch Scham-, Achsel-, Bart-, Brust- und andere Körperhaare untersucht. Eine entnommene Haarsträhne sollte in etwa Trinkhalmstärke besitzen, damit für eine umfassende chemisch-toxikologische Haaranalyse pro Haarsegment etwa 30 bis 50 mg als Untersuchungsmaterial zur Verfügung stehen. Eine Haarprobe, die Segment für Segment analysiert wurde, kann den Verlauf einer Drogenkarriere dokumentieren. Für eine abschnittsweise Analyse ist es Voraussetzung, dass die Haare bereits bei der Probennahme gut fixiert sind und nicht gegeneinander verrutschen können.

Im Rahmen eines vollständigen Analysenablaufs werden die Haarproben bzw. Haarsegmente zunächst gewaschen, um Anhaftungen zu entfernen. Die gesammelte Waschflüssigkeit wird im Rahmen des Analysenprozesses auf mögliche Kontaminationen überprüft. Die gewaschenen Segmente werden mit der Schere in millimeterlange Einzelhaarabschnitte zerkleinert. Für die Untersuchung müssen die gesuchten Stoffe (Betäubungsmittel und Stoffwechselprodukte) herausgelöst werden. Unter Zugabe von internen Standards erfolgt dies, je nach Methode, durch alkalische Hydrolyse mit anschließender Festphasenextraktion, durch saure bzw. methanolische Extraktion oder durch Extraktion mit einer Phosphatpufferlösung.

Messmethoden

Die gebräuchlichsten Messmethoden sind Gaschromatographie-Massenspektrometrie (GC/MS), Gaschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (GC/MS/MS) und Flüssigkeitschromatographie-Tandem-Massenspektrometrie (LC/MS/MS). Bei den gaschromatographischen Verfahren muss ein Derivatisierungsschritt vorgeschaltet werden, um die gesuchten Substanzen verdampfbar zu machen.

Am KTI werden die Haarproben methanolisch extrahiert und mit GC/MS/MS (s. Abb.1) im positiv chemischen Ionisations-Modus (PCI) analysiert. Die häufigste Fragestellung der Auftraggeber ist die Überprüfung eines möglichen Konsums illegaler Drogen. Im Regelfall wird nach folgenden Wirkstoffen gesucht:

Opiate und deren Abbauprodukte bzw. herstellungsbedingte Nebenbestandteile: Heroin, Monoacetylmorphin, Morphin, Acetylcodein, Codein, Dihydrocodein sowie Methadon und EDDP (ein Metabolit von Methadon).

Synthetische Drogen: Amfetamin, Metamfetamin, Methylendioxyamfetamin (MDA), Methylendioxymetamfetamin (MDMA) und Methylendioxyethylamfetamin (MDE).

Cocain sowie spezielle Abbau- und Stoffwechselprodukte: Norcocain, Benzoylecgonin und Cocaethylen.

Wirkstoffe von Haschisch und Marihuana (Cannabis-Produkte): Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabinol (CBN).

Die gemessenen Konzentrationen liegen im Bereich von 0,1 ng/mg bis 50 ng/mg Haare, in Ausnahmefällen auch noch höher.

Manchmal besteht die Aufgabe darin, ein sedierendes Medikament, z.B. ein Schlafmittel in einer Haarprobe nachzuweisen. In derartigen Fällen soll überprüft werden, ob einem Probanden ein betäubend wirkender Stoff verabreicht wurde. Die aufgearbeiteten Extrakte der entsprechenden Haarproben werden dazu vorzugsweise unter Verwendung der LC/MS/MS auf spezielle Benzodiazepine, spezifische Metaboliten und einige weitere Medikamentenwirkstoffe (u.a. aus dem Bereich der Psychopharmaka) untersucht. Hier ist zu beachten, dass es sich möglicherweise um eine einmalige Aufnahme eines Stoffes handelt und die nachzuweisenden Mengen sehr gering sind. Der Konzentrationsbereich dieser Analyten bewegt sich bei etwa 1 bis 50 pg/mg Haare.

Der Konsum von Cannabis-Produkten erfolgt meist durch Rauchen einer Zigarette (Joint) oder einer Pfeife. Die Inhaltsstoffe, darunter THC und CBN sind jedoch auch im Rauch enthalten, dessen Partikel sich auf der Oberfläche der Haare ablagern können. Eine zweifelsfreie Differenzierung, ob die THC/CBN-Spuren von aktivem Cannabis-Konsum oder lediglich aus der Umgebungsatmosphäre stammen, lässt sich durch den Nachweis des spezifischen Stoffwechselproduktes 9-Carboxy-THC verifizieren.

Nach geeigneter Probenaufarbeitung, die eine alkalische Hydrolyse mit anschließender Festphasenextraktion umfasst, erfolgt die Analyse des derivatisierten Extrakts per GC/MS/MS im negativ chemischen Ionisations-Modus (NCI). Die Konzentrationen liegen im extremen Spurenbereich zwischen 0,1 bis 10 pg/mg Haare.

Die Häufigkeitsverteilung der im BLKA nachgewiesenen Rauschgiftarten in Haarproben zeigt Abbildung 2.

Auftretende Probleme

Die Problematik der Kontamination wird durch den Fall eines befreundeten jungen Paares deutlich, das in einer Wohnung zusammenlebte und gegen das ein Strafverfahren wegen Besitzes von Haschisch eingeleitet wurde. In den Haarproben beider Personen befanden sich relativ hohe Konzentrationen von THC und CBN. Während der Mann intensiven Cannabis-Konsum einräumte, bestritt ihn die Frau vehement. Daraufhin wurde das KTI beauftragt, beide Haarproben auf das Vorhandensein von 9-Carboxy-THC, dem Indikator des Cannabis-Konsums, zu überprüfen. In der Haarprobe des Mannes wurde mit 10 pg/mg Haare eine hohe Konzentration nachgewiesen, in der Probe der Frau war der spezifische Metabolit nicht nachweisbar. Somit wurden beide Angaben analytisch bestätigt.

Wenn Haare im besonderen Maße geschädigt wurden (z.B. durch Färben, Bleichen, Dauerwellen oder intensive UV-Strahlung), kann dies zu einer geringeren Konzentration von Betäubungsmittel-Rückständen in Haaren führen. So hat es sich in einem anderen Fall als vorteilhaft erwiesen, nicht nur die Kopf-, sondern auch die Schamhaare eines Mannes zu untersuchen, dem Handel mit synthetischen Drogen zur Last gelegt wurde. Während die sehr kurzen und kosmetisch gebleichten Kopfhaare lediglich geringe Spuren eines einzigen Betäubungsmittels aufwiesen, ergab die Analyse der Schamhaare eine Palette von illegalen Stoffen und ihren Abbauprodukten.

Zum Meinungsaustausch auf Expertenebene und zur technischen Weiterentwicklung der Haaranalytik wurde im Jahr 1996 die internationale Fachgesellschaft „Society of Hair Testing“ (SoHT) gegründet. Die SoHT erarbeitete unter anderem Richtlinien für forensische Haaruntersuchungen, d.h. Haaranalysen, die für Gerichtsverfahren angefertigt werden. Nach den Empfehlungen dieser Fachgesellschaft [Forensic Science International, Band 145, 83-84 (2004)] sollte eine Haarprobe erst dann als positiv hinsichtlich illegaler Drogen gelten, wenn mehrere Kriterien erfüllt werden. So müssen bestimmte Grenzwerte für einen Analyten überschritten werden und von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch dessen Abbau- und Stoffwechselprodukte vorhanden sein.

Obwohl diese Vorgaben der SoHT hilfreich sind, treten häufig Probleme auf, die sich in erster Linie nicht aus der praktischen Durchführung der Haaranalyse oder der eigentlichen Messung ergeben, sondern in einer undifferenzierten Interpretation der quantitativen Messergebnisse begründet sind. Eine blanke Konzentrationsangabe ist mitunter von geringer Aussagekraft, wenn sie isoliert betrachtet wird. Rückschlüsse auf die eingenommene Dosis sind in vielen Fällen spekulativ. Vorsicht ist auch bei einem negativen Befund geboten: Ein einmaliger oder seltener Drogenkonsum hinterlässt nicht immer seine Spuren im Haar des untersuchten Probanden.

Erfahrung ist wichtig

Die Erstellung von chemisch-toxikologischen Haaranalysen für Strafverfahren ist ein schwieriges Arbeitsgebiet, an das man sich vorsichtig herantasten sollte.

Eine gute instrumentelle Ausrüstung und lange praktische Erfahrung sind unverzichtbar zur zuverlässigen Bewältigung dieser Aufgabe. Wie das Ergebnis des letzten Ringversuchs der SoHT gezeigt hat, erzielten die Labors mit der größten Erfahrung die besten Übereinstimmungen in den Analyseresultaten. Demzufolge kommt es weniger darauf an, welche Extraktionsmethode und welche Messinstrumente ein Labor verwendet, sondern über welches Know-how es verfügt.

*Bayerisches Landeskriminalamt, 80602

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