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Hirnanatomie und berufliche Neigungen Berufsberatung in der Röhre: Was weiß ein MRT über Jobwünsche?

Redakteur: Christian Lüttmann

Berufswahl ist eine Entscheidung für den Großteil des Lebens. Ob man nun lieber im Labor oder im Seniorenheim arbeitet, hängt von persönlichen Vorlieben ab. Diese Präferenzen lassen sich auch im Gehirn ablesen, wie Forscher mit einem MRT-Experiment gezeigt haben.

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Mit einem solchen Magnetresonanztomographen haben Dr. Christoph Krick (l.) und Stefan Gurres (2. v.l.) die Zusammenhänge zwischen Hirnanatomie und beruflichen Neigungen bei Schülern untersucht. Fürs Foto haben sich die Studentin Tabea Reckner und ihr Kommilitone Alexej Silenko in die Rolle der Schüler begeben.
Mit einem solchen Magnetresonanztomographen haben Dr. Christoph Krick (l.) und Stefan Gurres (2. v.l.) die Zusammenhänge zwischen Hirnanatomie und beruflichen Neigungen bei Schülern untersucht. Fürs Foto haben sich die Studentin Tabea Reckner und ihr Kommilitone Alexej Silenko in die Rolle der Schüler begeben.
(Bild: Oliver Dietze)

Schlagwort – Anwalt, Architektin, Altenpfleger? Oder doch als Sängerin oder Tänzer auf die Bühne? Die Wahl eines Berufs ist eine wichtige Entscheidung und nicht immer einfach. Helfen können einige etablierte psychologische Tests, die durch einfache Fragen ein Interessensprofil einer Person erstellen. Einer dieser Tests ist der Situative Interessenstest (SIT) des österreichischen Psychologen Werner Stangl. Er klassifiziert die Testteilnehmer in sechs Bereiche: realistisch, intellektuell, künstlerisch, sozial, unternehmerisch und konventionell. Je nachdem, welche Bereiche dominieren, neigt ein Teilnehmer also z. B. eher in Richtung Ingenieur oder Krankenpfleger.

Aber sind Tests wie der SIT tatsächlich objektiv messbar oder ist es eher Auslegungssache, welche Neigung man hat? Dr. Christoph Krick von der Universität des Saarlandes hat darauf nun eine Antwort gefunden: „Wir können tatsächlich im Magnetresonanztomographen sehen, was jemandem liegt.“ Gemeinsam mit Stefan Gurres, Lehrer an der Ignaz-Roth-Schule in Zweibrücken, hat der Neuroradiologe Krick 104 Schüler im Magnetresonanztomographen (MRT) untersucht, nachdem alle zuvor den Situativen Interessenstest nach Werner Stangl gemacht haben.

Berufliche Neigung korreliert mit Hirnarealen

Die Untersuchungen im MRT zeigten, dass zu berufstypischen Aufgaben passende Gehirnregionen anatomisch stärker ausgeprägt sind, wenn die Schüler zu bestimmten Interessensgruppen gemäß des Stangl-Einordnungstests gehören. Das ließ sich aus der Verteilung und Dichte der Grauen und Weißen Substanz im Gehirn ableiten. Kurz gesagt, sitzen in der Grauen Substanz v. a. die eigentlichen Nervenzellen, wo die Rechenoperationen im Gehirn ablaufen. Die Weiße Substanz bildet hingegen die „Autobahnen“, über die die Impulse zwischen den einzelnen Hirnarealen hin- und hersausen.

Je mehr Graue Substanz und je dichter diese in einem entsprechenden Areal ist, desto stärker ist eine intellektuelle oder berufliche Neigung, die im Zusammenhang mit diesem bestimmten Hirnareal steht. „Zum Beispiel haben wir beobachtet, dass eine höhere Dichte an Grauer Substanz um eine Hirnregion namens Sulcus temporalis superior mit einer stärkeren Neigung für soziale Interessen einhergeht“, erklärt Berufsschullehrer Gurres. In dieser Hirnregion sitzt auch die Fähigkeit, Emotionen in Gesichtern zu erkennen, was für die soziale Interaktion von großer Bedeutung ist.

Momentaufnahme – MRT ist kein Berufsorakel

Bei den 104 Probanden stellten Krick und Gurres eine deutliche Korrelation zwischen den Testergebnissen des Situativen Interessenstests und den anatomischen Eigenheiten jedes einzelnen Schülergehirns fest. Gurres warnt aber, dass man deswegen nicht nach dem Schema vorgehen kann: Ich steck dich in die Röhre und dann sag ich dir, was du machen sollst. „Wir können lediglich Momentaufnahmen bieten, denn schließlich verändern sich die Interessenslagen der Menschen im Lauf der Zeit möglicherweise noch.“ Zudem wisse man nicht, was zuerst da war: eine bestimmte Neigung oder die ausgeprägte Hirnregion, die wichtig ist, um diese Neigung erfolgreich umzusetzen. „Wenn man viel übt, verändern sich Hirnregionen ja ebenfalls“, betont Krick.

Die Forschungsarbeit könnte aber ein Argument in familiären Diskussionsrunden sein, wenn es um unterschiedliche Arbeitsvorstellungen von Eltern und Kindern geht. „Ein dezidiert geäußerter Berufswunsch scheint tatsächlich mehr zu sein als eine Laune. Denn die jeweils ausgeprägten Hirnregionen sind zugleich typischerweise in den Berufsbildern gefragt, die die jungen Leute als Wunsch im Interessenstest angeben“, fasst Krick zusammen. Vielleicht sollten Eltern ihren Kindern also bei der Berufswahl mehr Vertrauen schenken.

Ein Beispiel für einen Situativen Interessenstest (SIT) nach Werner Stangl.

Originalpublikation: Stefan Gurres, Klaus-Ulrich Dillmann, Wolfgang Reith and Christoph M. Krick: The Individual Inclination to an Occupation and its Neuronal Correlate, Front. Educ., 12 April 2021; DOI: 10.3389/feduc.2021.633962

(ID:47376519)