Suchen

Amyotrophe Lateralsklerose erkennen Bluttest für ALS-Diagnose

| Autor/ Redakteur: Annika Bingman* / Christian Lüttmann

Die Differenzialdiagnose von Amyotropher Lateralsklerose (ALS) ist selbst für erfahrene Mediziner schwierig zu stellen. Ein neuer Bluttest verspricht nun schnellere Klarheit über die Nervenkrankheit. Die von Ulmer und Mailänder Forschern entwickelte Methode soll zudem eine Prognose des Krankheitsverlaufes ermöglichen.

Firmen zum Thema

Bei der ALS sterben Nervenzellen ab, die für die Muskelsteuerung verantwortlich sind.
Bei der ALS sterben Nervenzellen ab, die für die Muskelsteuerung verantwortlich sind.
(Bild: Universitätsklinik Ulm für Neurologie Ulm/RKU)

Ulm – Mit bundesweit etwa 8000 Betroffenen zählt Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) zu den selteneren neurodegenerativen Erkrankungen. Doch durch prominente Patienten wie den Maler Jörg Immendorff oder den kürzlich verstorbenen Physiker und „ALS-Langzeitüberlebenden“ Stephen Hawking ist die tödliche Nervenkrankheit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Bis sie zweifelsfrei diagnostiziert werden kann, vergehen mitunter mehrere Monate: Selbst erfahrenen Medizinern fällt es teilweise schwer, die vielfältigen Symptome von anderen neurodegenerativen Erkrankungen zu unterscheiden.

Im Krankheitsverlauf sterben Spezielle Nervenzellen ab: Motoneurone, die für die Muskelsteuerung verantwortlich sind. Eine Lähmung der Gliedmaßen sowie der Atemmuskulatur sind die Folge, und meistens versterben die Patienten ein bis zehn Jahre nach Krankheitsbeginn. Inzwischen gibt es jedoch vielversprechende therapeutische Ansätze, die eine frühe Diagnose immer wichtiger machen. Ergänzend zur klinischen, neurophysiologischen und bildgebenden Diagnostik hat die deutsch-italienische Forschergruppe um Prof. Markus Otto und Dr. Federico Verde vom IRCCS Istituto Auxologico Italiano der Universität Mailand nun einen Test entwickelt, der eine Unterscheidung der ALS von weiteren Nervenkrankheiten erleichtert. Dafür ist keine Entnahme der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) nötig, sondern lediglich eine Blutprobe.

Bildergalerie

Proteinfragmente als Biomarker

Der Bluttest misst die Konzentration von Neurofilamenten (kurz NFL für Neurofilament light chain) im Serum der Patienten. Dabei handelt es sich um Proteine, die das „Gerüst“ von Nervenzellen wie Motoneuronen bilden. Sterben diese Nervenzellen wie im Verlauf der Amyotrophen Lateralsklerose ab, werden Fragmente des Proteingerüsts freigesetzt. Infolgedessen ist die Konzentration des Biomarkers NFL bei den Patienten erhöht – frühere Studien der Ulmer Gruppe hatten diesen Effekt bereits in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit und auch im Serum nachgewiesen.

„In den vergangenen Jahren haben sich Messverfahren im Bereich Proteomik stark weiterentwickelt. Dadurch wird der Nachweis von Biomarkern wie NFL in sehr geringen Konzentrationen und sogar im Serum nunmehr fast routinemäßig möglich“, sagt Erstautor Verde. Dabei beruhe der neue Bluttest auf der so genannten Single Molecule Array Technologie (Simoa).

Schwere des Krankheitsverlaufes prognostizieren

Die Zuverlässigkeit der neuen diagnostischen Methode wurde nun an 124 ALS-Patientinnen und Patienten der Ulmer Universitätsklinik für Neurologie überprüft sowie an 159 Kontrollen. Darunter waren Probanden mit anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson sowie Studienteilnehmer ohne degenerative oder entzündliche Nervenerkrankungen. Tatsächlich erwies sich die NFL-Konzentration im Blut von ALS-Patienten am höchsten und ermöglichte eine Differenzialdiagnose. Nur die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sich nicht über die NFL-Werte ausschließen, heißt es in einer Pressemeldung.

Die vergleichenden Messungen erlaubten es den Wissenschaftlern nun erstmals, eine diagnostische Schwelle für die Amyotrophe Lateralsklerose festzulegen: Ist die zuvor definierte NFL-Konzentration im Blut überschritten, gilt die ALS als wahrscheinlich. Zudem konnten die Autoren zeigen, dass die gemessenen Werte der Biomarker mit der Aggressivität des Krankheitsverlaufs korrelieren. „ALS-Patienten mit einer höheren NFL-Konzentration im Blut erleben eine schnellere klinische Verschlechterung und haben im Mittel eine kürzere Überlebensdauer“, sagt Verdes Kollege Otto, der auch am IRCCS Istituto Auxologico Italiano der Universität Mailand tätig ist. Der Biomarker NFL sei bereits kurz nach Auftreten der ersten Symptome messbar, und womöglich lasse sich auch das Therapieansprechen mithilfe des Tests nachvollziehen.

Weitere Marker sollen Diagnose verbessern

In Zukunft soll die Zuverlässigkeit des neuen Bluttests weiterhin in größeren, multizentrischen Kohorten überprüft werden. Außerdem plant die Forschergruppe, weitere Marker in die Diagnostik einzuführen, die die Labordiagnose noch spezifischer machen. Die Ulmer Gruppe konnte bereits zeigen, dass sich die Neurofilamente zur Frühdiagnostik in Familien mit der vererbten ALS-Variante eignen.

Mit dem neuen Verfahren lassen sich nunmehr größere Kohorten untersuchen und ebenso Patienten, bei denen aus medizinischen Gründen keine Liquorpunktion durchgeführt werden kann. Auch im Zuge von klinischen Studien könnte diese zusätzliche Methode eingesetzt werden.

Originalpublikation: Verde F, Steinacker P, Weishaupt J, Kassubek J, Oeckl P, Halbgebauer S, Tumani H, von Arnim C, Dorst J, Feneberg E, Mayer B, Müller H, Gorges M, Rosenbohm A, Volk A, Silani V, Ludolph A, Otto M: Neurofilament light chain in serum for the diagnosis of amyotrophic lateral sclerosis. J Neurol Neurosurg Psychiatry Published Online First: 11 October 2018; DOI: 10.1136/jnnp-2018-318704

* A. Bingman, Universität Ulm, 89081 Ulm

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45558264)