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Deutscher Biotechnologie-Report 2021 Corona-Boost für die Biotechnologie: Momentum langfristig nutzen

Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

Wohl kaum eine Branche hat durch die Coronavirus-Pandemie so viel Aufmerksamkeit erlangt wie die Biotechnologie. Doch wie kann die Biotechnologie nachhaltig davon profitieren? Und wie haben sich die Kennzahlen zuletzt entwickelt? Die Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Reports 2021 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY geben Aufschluss.

2020 war außergewöhnliches Jahr für die Biotechnologie auch – aber nicht nur – wegen der Coronavirus-Pandemie und der damit verbundenen Suche nach Impfstoffen, Diagnostika und Therapeutika. (Symbolbild)
2020 war außergewöhnliches Jahr für die Biotechnologie auch – aber nicht nur – wegen der Coronavirus-Pandemie und der damit verbundenen Suche nach Impfstoffen, Diagnostika und Therapeutika. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Stuttgart – Die deutsche Biotechnologie-Branche hat im vergangenen Jahr so viel Aufmerksamkeit erhalten wie nie zuvor. Bei der Suche nach Impfstoffen, Diagnostika und Therapien gegen das Coronavirus ist sie ein Schlüssel-Player. Doch dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass die Branche auch viele neue Lösungsansätze beispielsweise für Umwelt-, Energie- oder Ernährungsthemen bereithält.

Doch wie kann die Biotechnologie nachhaltig von der derzeitigen Aufmerksamkeit profitieren? Wird die Finanzierung in der Breite verbessert oder erhalten weiterhin vor allem einzelne Leuchttürme hohe Summen? Und wie haben sich die Kennzahlen zuletzt entwickelt? Diesen und weiteren Fragen widmete sich ein Pressegespräch unter dem Motto „Ein Jahr Pandemie: Kann Biotech das Momentum langfristig nutzen“, zu dem die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY jüngst eingeladen hat. In diesem Rahmen wurden zudem die Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Reports 2021 von EY und die Ergebnisse der aktuellen Branchenumfrage des deutschen Biotechnologie-Branchenverbandes BIO Deutschland e. V. vorgestellt.

2020 war außergewöhnliches Jahr für die Biotechnologie

„2020 war ein Rekordjahr für die Biotechnologie“, konstatierte Dr. Alexander Nuyken, Partner/Head of Life Sciences Strategy & Transactions in EMEIA, EY gleich zu Beginn seines Vortrags. „Die Corona-Pandemie hat Biotech-Unternehmen aus Deutschland und ihre Lösungen für Impfstoffe schlagartig in den Fokus gerückt. Die Finanzierungszahlen explodieren geradezu. Dieses Momentum gilt es zu nutzen, um den Biotech-Standort nachhaltig zu stärken und zu zeigen, dass die Branche nicht nur aus Impfstoffherstellern besteht, sondern auch innovative Lösungsansätze für Umwelt-, Energie- oder Ernährungsthemen bereithält. Leider muss man jedoch auch sagen, dass sich die Rahmenbedingungen 2020 nicht verbessert haben. Teilweise haben sie sich sogar noch verschärft.“

Der diesjährige EY Biotech Report trägt den Titel „Good Translational Practice“ - Welche Hebel reduzieren das Risiko im Innovationsprozess?“ und beleuchtet den Status Quo der deutschen Biotech-Szene, wenn es um Themen wie Ideenreichtum und Gründungsdynamik, aber auch die Risikoeinschätzung für die Branche und Kapitalverfügbarkeit geht.

Rekordfinanzierung (nicht nur) aufgrund von Covid 19

Die Finanzierung der Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland hat laut Biotech Report im Jahr des Covid-19-Ausbruchs einen neuen Rekordwert erreicht: Über Venture Capital, Börsengänge, Folgefinanzierungen und Wandelanleihen nahmen die deutschen Biotechs insgesamt knapp 3,1 Milliarden Euro auf. Das entspricht einem Plus von 146 Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2018.

Allerdings wurde die Finanzierung auch 2020 – wie schon in den Vorjahren – in erster Linie durch Einzelereignisse bestimmt. Biontech und Curevac, die beide mit der Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid 19 auch in der breiten Öffentlichkeit schlagartig bekannt geworden sind, trugen mit 1,55 Milliarden Euro mehr als die Hälfte zur gesamten Risikokapital-Aufnahme bei. „Der Gesetzgeber muss die Rahmenbedingungen so verbessern, dass die Finanzierung mehr in die Breite getragen werden kann“, sagte Nuyken und betonte zudem„hinsichtlich der Rekordwerte bei der Kapitalaufnahme hat Covid-19 eine Rolle gespielt, aber es ist zu kurz gesprungen, diese Entwicklungen alleine darauf zurückzuführen. Neben Covid stehen nach wie vor insbesondere auch Krebstherapien im Fokus.“

Zuwächse bei den börsennotierten Biotech-Unternehmen

Wie schon 2019 haben sich auch 2020 gleich zwei Biotechnologie-Unternehmen aus Deutschland aufs Börsenparkett begeben – wenn auch nicht in Europa, sondern im amerikanischen Nasdaq: Curevac und Immatics nahmen auf diesem Weg 215 bzw. 224 Millionen Euro ein, insgesamt also 439 Millionen Euro.

Die beiden Börsenneuzugänge waren mit dafür verantwortlich, dass die 23 börsennotierten Unternehmen insgesamt einen deutlichen Zuwachs bei allen Kennzahlen verzeichnen konnten. So stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 43 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Die Zahl der Beschäftigten legte um 18 Prozent auf 13.995 zu. Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung können die börsennotierten Biotechs sogar ein Wachstum um zwei Drittel auf 1,4 Milliarden Euro vermelden.

Venture Capital steigt insgesamt deutlich – Großbritannien europäischer Spitzenreiter

Bei der Aufnahme von Risikokapital sticht Curevac hervor, das insgesamt 560 Millionen Euro erhielt, darunter eine Staatsbeteiligung durch die KfW über 300 Millionen Euro für die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid 19. Damit vereinte das Tübinger Unternehmen weit mehr als die Hälfte des insgesamt eingesammelten Venture Capitals auf sich – zusammen erhielten die deutschen Biotech-Unternehmen 882 Millionen Euro und damit 84 Prozent mehr als im Vorjahr.

Damit hat Deutschland im europäischen Vergleich Frankreich weit hinter sich gelassen. 2019 lagen beide Länder noch gleichauf mit einem Risikokapital in Höhe von 479 Millionen Euro. 2020 konnten französische Biotechnologie-Unternehmen nur noch 386 Millionen Euro einsammeln. Dafür rückte die Schweiz hinter Deutschland an die dritte Position mit 402 Millionen Euro Venture Capital. Europäischer Spitzenreiter bleibt das Vereinigte Königreich, wo sich das Volumen auf knapp 1,1 Milliarden Euro verdoppelt hat. Allerdings muss man auch festhalten: Ohne die Venture-Capital-Runden für CureVac wäre Deutschland Schlusslicht im Vergleich dieser vier Länder.

„Ein positives Signal für die Risikokapitallandschaft in Deutschland ist: Die Größe der Finanzierungsrunden ist gestiegen – selbst wenn man die KfW-Mittel für die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen abzieht“, sagte Nuyken. In dem Fall betrage das Durchschnittsvolumen pro Runde immer noch knapp 31 Millionen Euro, während es sich 2019 insgesamt auf knapp 24 Millionen Euro belief.

„Hervorzuheben ist ebenfalls, dass unter den insgesamt 20 Finanzierungsrunden acht sehr junge Unternehmen in ihrer Seed-Phase oder bei der Erstrundenfinanzierung Venture Capital erhielten. Das alles zeigt, dass Investoren die Aussichten des hiesigen Biotech-Standortes positiv beurteilen und bereit sind, stärker ins Risiko zu gehen, um Innovationen zu fördern. Es muss sich zeigen, ob dies ein nachhaltiger Trend ist. Denn im internationalen Vergleich war es in Deutschland bislang verhältnismäßig schwierig, an Risikokapital zu kommen – u.a weil sich lange Zeit kein funktionierendes Ökosystem aufgebaut hat, aber auch weil der Risikobegriff hierzulande weitaus negativer besetzt ist als im englischsprachigen Raum. Allerdings stehen hierzulande oft auch regulatorische Hürden im Weg: So stellt sich gerade die Neuregelung der Außenwirtschaftsverordnung im vergangenen Jahr als Investitionshemmnis heraus.“

Weniger Allianzen, dafür höheres Volumen

Die deutschen Biotechnologie-Unternehmen gingen im vergangenen Jahr zwar weniger Allianzen ein – nur noch 33, was einem Rückgang um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dafür stieg das Allianzvolumen aber um 57 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro. Vor allem vier Mega-Deals zwischen einer Milliarde und 1,8 Milliarden Euro waren für den deutlichen Wertanstieg verantwortlich.

„Allianzen verringern das Risiko für die einzelnen Unternehmen bei Sackgassen auf hohen Forschungs- und Entwicklungskosten sitzen zu bleiben“, erläutert Nuyken. „Big-Pharma-Unternehmen suchen die Zusammenarbeit mit Biotechs unter anderem auch wegen ihrer Technologieplattformen. Aber auch Kooperationen mit Start-ups außerhalb der Branche werden immer sinnvoller, um sich Innovationen an Bord zu holen. Wir werden deswegen auch in Zukunft einen starken Trend zur Zusammenarbeit sehen.“

Mehr Gründungsdynamik, mehr Anwendungen

Auch die aktuellen Branchenumfrage des deutschen Biotechnologie-Branchenverbandes BIO Deutschland e. V. ergab ein starkes Plus bei Umsatz und FuE-Investitionen sowie eine insgesamt gute Stimmung in der Branche. Gleichwohl die überwiegende Mehrzahl der Befragten, die ihre Geschäftslage als gut einschätze, angab, dass hierfür nicht die Coronavirus-Pandemie maßgeblich sei. Dr. Oliver Schacht., Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland e. V. sagte anlässlich seines Vortrags: „Die positive Wahrnehmung der Biotechnologie in der derzeitigen Pandemie muss dauerhaft werden. Dazu brauchen wir die Unterstützung der Politik. Dies ist auch verbunden mit dem dringenden Appell, die Branche als systemrelevant anzusehen.“ Darüber hinaus forderte Schacht , dass „die Gründungsdynamik in Deutschland erhöht werden muss.“

„Neben Impfstoffen, Diagnostika und Therapien, also dem medizinische Bereich hat die Branche aber natürlich auch großes Potenzial in anderen Anwendungsbereichen wie der Industriellen Biotechnologie oder der Agrarbiotechnologie. Auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz in der Biotechnologie sehr ich große Chancen.“

Mühsame Kapitalsuche – ein Beispiel

Dr. Rainer Lichtenberger CEO, Atriva Therapeutics GmbH und Mitgründer der Initiative BEAT-COV wurde in seinem Vortrag ganz konkret und stellte die Perspektiven eines deutschen Biotechnologieunternehmens am Beispiel vor. Atriva Therapeutics konzentriert sich auf pandemische Infektionserkrankungen – Covid 19, Influenza, Dengue und mehr – jedoch ist der Ansatz die Entwicklung neuer Therapeutika.

Das Produkt ATR-002 des Unternehmens – ein sog. small molecule – reduziert die Virusaktivität von SarsCoV-2 und moduliert die Aktivität des Immunsystems, um so den gefürchteten Zytokinsturm bei einem schweren Covid-19-Verlauf zu vermeiden. Die Entwicklung habe das Potenzial, eine Vielzahl von Atemwegsviren zu bekämpfen und sei für einen Ansatz zur frühen Bekämpfung von Pandemien besonders geeignet, so Lichtenberger.

Doch so aussichtsreich das Produkt, so mühsam war die Kapitalsuche: Nur 13 Mio. Euro konnte das junge Unternehmen seit der Gründung 2016 bis zum Start der klinischen Phase 2020 einwerben. Die Covid-19-Aktivitäten des Unternehmens starteten demnach ohne jegliche Kapitalreserven.Gründe dafür sieht Lichtenberger v.a. darin, dass Infektionskrankheiten bei Investoren nicht sonderlich beliebt seien und in Deutschland eine generelle Zurückhaltung gegenüber neuen Technologien herrsche. Ein Problem nicht nur für sein Unternehmen.

Doch es gibt auch Hoffnung: Die öffentliche Hand beginne sich endlich zu regen, um Therapeutika zu fördern. Für Atriva Therapeutics hieß das:

  • Dezember 2020: 24 Mio. Euro hochverzinstes Risikokapitaldarlehen der Europäischen Investitionsbank
  • April 2021: Fördermittel des Bundes (BMBF) ab Mai 2021 (50 Mio. € gesamt, 8 Firmen)
  • April 2021: Weitere Fördermodule von EU und Deutschland angekündigt

Dennoch bleibt Lichtenberger bei seinem Fazit, das nach seiner Aussage sicherlich nicht nur für Atriva gelte: Die Finanzierung biotechnologischer Entwicklungen in Deutschland erfolge „zu spät – zu zaghaft – zu wenig und zu bürokratisch“.

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