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Dickdarmentzündungen Darmflora verantwortlich für Säuglingserkrankung?

| Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

Bisher wurde eine allergische Reaktion auf Kuhmilch-Proteine als Ursache für eine spezielle Form von Dickdarmentzündungen bei Säuglingen vermutet. Nun mehren sich die Hinweise, dass eine Veränderung der Darmflora der wahre Grund für die Säuglingserkrankung Proktokolitis ist. Ein aktuelles Projekt des Wissenschaftsfonds FWF geht dieser These nun systematisch auf den Grund.

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Ein Projekt des FWF stellt das bisherige Erklärungsmodell für die Entstehung einer speziellen Form von Dickdarmentzündungen bei Säuglingen infrage.
Ein Projekt des FWF stellt das bisherige Erklärungsmodell für die Entstehung einer speziellen Form von Dickdarmentzündungen bei Säuglingen infrage.
(Bild: Dr. Harald Haidl )

Graz/Österreich – Die sogenannte distale Proktokolitis ist eine Entzündung des End- und Dickdarms, die selten bei Säuglingen auftritt. Ihre Begleitumstände (blutiger Stuhl) sind sowohl für Eltern als auch für Ärzte alarmierend, obwohl die betroffenen Säuglinge ansonsten gesund erscheinen. Als Ursache wird allgemein eine allergische Reaktion gegen Kuhmilch-Proteine angenommen – und tatsächlich verschwindet die Entzündung nach einer Umstellung der Säuglingsnahrung in den meisten Fällen. Doch Martin Hoffmann glaubt an eine andere Ursache – und wird seiner These nun mit einer systematisch angelegten Studie auf den Grund gehen.

Per Mikrobiom-Forschung die Darmflora von Säuglingen analysieren

„Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass eine Veränderung der Darmflora die wahre Ursache für die Säuglings-Proktokolitis ist“, sagt der Kinderarzt, der in ersten Studien bereits gute Belege für diese These fand. So konnten Voruntersuchungen in Säuglingen mit Proktokolitis das deutlich häufigere Vorkommen eines speziellen Bakteriums, Klebsiella oxytoca, nachweisen. Dieses ist zwar bekannt dafür, dass es im Rahmen einer Antibiotikatherapie eine Dickdarmentzündung auslösen kann, doch gleicht dieses Krankheitsbild nicht dem der Säuglings-Proktokolitis. Daher stellt Hoffmann die These auf, dass das Bakterium nicht die eigentliche Ursache ist: „Wahrscheinlich ist das häufigere Vorkommen von Klebsiella oxytoca eine Folgeerscheinung einer insgesamt veränderten Darmflora, einer sogenannten Dysbiose. Gerät die Darmflora aus ihrer normalen Balance, können schädliche Bakterien wie eben Klebsiella oxytoca überhand nehmen.“ Die Umstellung der Säuglingsernährung auf kuhmilchfreie Nahrung als aktuelles Therapiekonzept würde dann zur Normalisierung der Darmflora und nicht – wie bisher angenommen – zur Beendigung allergischer Reaktionen führen.

Verdichtete Hinweise auf veränderte Darmflora als Krankheitsursache

Hoffmanns Vermutung wird tatsächlich von internationalen Kolleginnen und Kollegen geteilt, die ebenfalls die Zusammensetzung der Darmflora von Säuglingen mit Proktokolitis untersuchten – und deutliche Veränderungen feststellen konnten. Zusätzliche Hinweise, dass das bisherige Erklärungsmodell einer allergischen Reaktion hinterfragt werden sollte, lieferten auch Studien, in denen nach konkreten Hinweisen auf allergische Reaktionen gesucht wurde – und keine gefunden werden konnten.

Zur eindeutigeren Klärung, ob die Darmflora von Säuglingen mit Proktokolitis umfassend verändert ist, wird in Graz nun eine umfangreiche Studie an Stuhlproben von bis zu 130 Säuglingen durchgeführt. Dabei werden Stuhlproben von Säuglingen mit und ohne Proktokolitis verglichen. Eine Herausforderung des Projekts ist dabei die Erfassung aller verschiedenen Arten von Bakterien. Das Mittel der Wahl ist eine genetische Methode, die sogenannte 16s-rRNA-Analyse. Bei dieser werden spezielle genetische Abschnitte untersucht, die eine Unterscheidung verschiedenster Bakterienarten erlauben.

Flexible Darmflora als Herausforderung

Eine weitere Anforderung an das Projekt erläutert Hoffmann so: „Tatsächlich verändert sich die Darmflora von Kindern im ersten Lebensjahr auf ganz natürlichem Weg. Vor diesem Hintergrund ist es schwer, zusätzliche Veränderungen durch ein Krankheitsbild zu erfassen. Wir analysieren daher für jedes Kind individuell, wie sich seine Darmflora innerhalb von acht Wochen verändert – und erwarten, dass wir unterschiedliche Muster in den beiden untersuchten Gruppen erkennen werden. Das wäre ein deutlicher Hinweis darauf, dass tatsächlich eine Dysbiose für die Säuglings-Proktokolitis verantwortlich ist.“ Die Bestätigung dieser Hypothese wäre dann für Hoffmann Grund genug, über einen Paradigmenwechsel im Erklärungsmodell – und auch in der Therapie – der Kuhmilchprotein-assoziierten Säuglings-Proktokolitis nachzudenken.

Martin Hoffmann ist in der Klinischen Abteilung für allgemeine Pädiatrie der Medizinischen Universität Graz tätig. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der frühkindlichen Darmentzündung. In den Jahren 2003 bis 2006 war er Visiting Fellow am National Institute of Health, NIDDK, DDB, Bethesda, Maryland, USA bevor er anschließend seine Ausbildung zum Facharzt in Kinder- und Jugendheilkunde in Graz abschloss.

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