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Neues Modell simuliert weltweites Gletscher-Abschmelzen Der Untergang der Gletscher – eine Gradwanderung

Quelle: Pressemitteilung Uni Innsbruck

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Je weiter die Erderwärmung voranschreitet, desto schneller schmelzen die Gletscher. Ein Team aus Klimaforschern zeigt nun in einem Modell, wie die Gletscher weltweit auf vier verschiedene Temperaturszenarien reagieren. Das Ergebnis verdeutlicht: Jedes zehntel Grad zählt.

Gletscher werden bereits jetzt massiv durch die Folgen der Klimakrise in Mitleidenschaft gezogen. Im Bild: Kalbende Gletscherfront in Svalbard, Spitzbergen, Norwegen.
Gletscher werden bereits jetzt massiv durch die Folgen der Klimakrise in Mitleidenschaft gezogen. Im Bild: Kalbende Gletscherfront in Svalbard, Spitzbergen, Norwegen.
(Bild: Fabien Maussion)

Mehr als 215.000 Gletscher gibt es weltweit ... noch. Denn deren Eis ist zwar massiv, aber auch massiv betroffen von den Folgen der Erderwärmung aufgrund der Klimakrise. Schmelzraten führen verstärkt nicht nur zu einer Zunahme von Naturgefahren in den entsprechenden Gebieten, sondern auch zu einem Anstieg des Meeresspiegels und zu einer Gefährdung der Wasserversorgung von etwa zwei Milliarden Menschen weltweit.

Im jüngsten Bericht des Weltklimarates IPCC haben tausende Forscher auf die dramatischen Folgen der Erderwärmung hingewiesen – besonders für Gletscher bereits jetzt und in naher Zukunft. „Wir sind aufgrund des aktuellen Niveaus der Emissionen leider auf dem Weg in Richtung einer Temperaturzunahme von +2,7 °C. Das hätte ein Verschwinden von zwei Drittel aller Gletscher weltweit bis 2100 zur Folge“, erklärt Fabien Maussion vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck.

Weltweites Modell zur Gletscherschmelze

Wie genau sich das Schmelzen der Gletscher in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen wird und was noch zu retten ist, hat ein Team aus Klimaforschern unter Leitung von David Rounce von der Carnegie Mellon University in Pennsylvania nun neu berechnet und dabei die Methodik im Vergleich zu bisherigen Studien deutlich verbessert. Der Glaziologe und Studien-Coautor Maussion steuerte Projektionen der potenziellen Veränderungen der Gebirgsgletscher bei, basierend auf dem an der Universität Innsbruck mitentwickelten GletscherentwicklungsmodellOpen Global Glacier Model OGGM.

Dabei handelt es sich um das erste offen zugängliche globale Modell zur Simulation der Entwicklung aller Gletscher weltweit. Für diese Studie wurde es mit einem Modell der Carnegie Mellon University kombiniert. „Wir haben in dieser Studie die Methodik prinzipiell verbessert, da wir Satelliten-Beobachtungen und Modelle miteinander kombiniert haben und somit auch regionale Besonderheiten und die dynamische Entwicklung genau berücksichtigen können“, sagt Maussion.

Im besten Fall verlieren wir die Hälfte aller Gletscher

Da auf gesellschaftspolitischer Entscheidungsebene wie etwa kürzlich bei der UN-Klimakonferenz COP27 häufig mit Temperaturszenarien gearbeitet wird, haben sich die Klimaforscher dazu entschieden, die Folgen für die Gletscherentwicklung anhand von vier Annahmen zu berechnen. Die Projektionen zeigen die Reaktion auf globalen Temperaturänderungen von +1,5, +2, +3 und +4 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 im Vergleich zum vorindustriellen Niveau für jeden einzelnen Gletscher der Welt.

Die Ergebnisse zeigen einen dramatischen Verlust, aber auch große Schwankungsbreiten im Ausmaß: Zwischen 26 und 41 Prozent der Gesamtmasse der Gletscher wird bis Ende des Jahrhunderts verloren sein. Im „Best-Case-Szenario“ von +1,5 °C würde ein Viertel der Gesamtmasse und damit 50 Prozent der Gletscher komplett abschmelzen.

Ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von +2,7°C, von dem angesichts der aktuellen Übereinkünfte zur Emissionsreduktion ausgegangen werden muss, hätte laut der Studie eine fast vollständige Entgletscherung ganzer Regionen in den mittleren Breitengraden mit Mitteleuropa, Westkanada, USA sowie Neuseeland zur Folge. Bei +3 °C würde laut Modell 75 Prozent der Gletscher bis 2100 verloren gehen. Das würde einen höheren Anstieg des Meeresspiegels zur Folge haben als bisher angenommen. „Für sehr viele Gletscher ist es leider schon zu spät, aber das heißt nicht, dass wir nichts mehr tun können. Jede Reduktion der Treibhausgasemissionen und damit die Abkehr von fossilen Brennstoffen trägt dazu bei, noch bestehende Eismassen zu retten und den Anstieg des Meeresspiegels einzugrenzen“, fasst Maussion zusammen. (clu)

Originalpublikation: David R. Rounce, Regine Hock, Fabien Maussion, Romain Hugonnet, William Kochtitzky, Matthias Huss, Etienne Berthier, Douglas Brinkerhoff, Loris Compagno, Luke Copland, Daniel Farinotti, Brian Menounos, Robert W. McNabb: Global glacier change in the 21st century: Every increase in temperature matters, Science, 6 January 2023 Vol 379, Issue 6627, pp. 78-83; DOI: 10.1126/science.abo132

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