Große Städte, große Probleme? Wissenschaftler haben untersucht, wie sich die Industrialisierung auf unser Darmmikrobiom auswirkt. In zwei Studien zeigten sie, dass die Vielfalt im Darmmikrobiom von Großstadtmenschen verarmt, während Entzündungswerte zunehmen. Die Effekte könnte relevant für die Entstehung verschiedener Krankheiten sein und sollen weiter untersucht werden.
Ein internationales Forscherteam hat über 10.000 Bakterienstämme aus mehr als 450 Artengruppen kultiviert und sequenziert.
(Bild: Alessandro Cinque/GMbC)
Die Gesamtheit der Bakterien, Viren und Pilze, die in und auf einem vielzelligen Organismus existieren, bildet sein natürliches Mikrobiom. Die darin ablaufenden Interaktionen von Körper und Mikroorganismen üben einen bedeutenden Einfluss auf die Funktionen und die Gesundheit des Wirtslebewesens aus. Unter anderem gehen Forschende davon aus, dass das Mikrobiom eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern übernimmt. Auf der anderen Seite vermuten sie, dass Störungen der Mikrobiomzusammensetzung so genannte Umwelterkrankungen wie chronischen Entzündungen begünstigt.
Bei der Mikrobiomforschung stehen jedoch noch zentrale Fragen im Raum, die wissenschaftlich bisher nicht ausreichend beantwortet sind: etwa, wie ein gesundes Mikrobiom überhaupt zusammengesetzt ist, welche inneren und äußeren Faktoren es verändern können und wie es sich zwischen Menschen insbesondere verschiedener Lebensstile und räumlicher Herkunft unterscheidet.
An diesen Herausforderungen forschen an der medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, Professorin Mathilde Poyet vom Institut für Experimentelle Medizin (IEM) und Professor Mathieu Groussin vom Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) gemeinsam mit ihren Forschungsgruppen. Basierend auf der Hypothese, dass sich Mikrobiome je nach Herkunft einer Bevölkerungsgruppe unterscheiden, widmen sie sich speziell der Frage, wie sich Geografie, Lebensstil und Grad der Industrialisierung auf die mikrobielle Besiedlung des menschlichen Darms auswirken.
In zwei aktuellen Studien haben die Wissenschaftler nun sie zentrale Einflüsse wie Geografie, Lebensstil, Ernährung und Genetik als kumulative zivilisatorische Effekte auf das menschliche Darmmikrobiom und dessen individuelle Bakterienarten systematisch analysiert.
Für die neuen Forschungsarbeiten konnten sie auf die von ihnen geleitete Global Microbiome Conservancy zurückgreifen, die sich anhand der weltweiten Sammlung von mikrobiellen Proben für die Erforschung und Konservierung der gesamten Vielfalt des menschlichen Darmmikrobioms einsetzt.
(Bild: Victor Buu/GMbC)
Weiterhin demonstrierten die Forschenden, dass sich neben den auf der Ebene der mikrobiellen Gemeinschaften beobachteten Veränderungen auch die einzelnen mikrobiellen Genome als Reaktion auf den Industrialisierungsgrad des Wirts verändern. So führt beispielsweise ein stark industriell geprägter Lebensstil aufgrund des verstärkten Genaustauschs unter den Mikroben zu einer Vergrößerung der bakteriellen Genome.
Wie verändert Industrialisierung das Mikrobiom?
Die mikrobielle Besiedlung des menschlichen Darms unterliegt zahlreichen endogenen und exogenen Einflussfaktoren. Einige davon sind nur indirekt und langfristig veränderlich, etwa die Genetik des Wirtes, während andere stark von den Lebensumständen des Individuums abhängen. Für die nun vorgelegten Studien haben die Kieler Forschenden Daten aus der Probensammlung der Global Microbiome Conservancy (GMbC) hinsichtlich ihres Industrialisierungsgrades analysiert und zusätzlich die Faktoren Lebensstil, mikrobielle Genetik und Ernährung als direkt auf die Mikrobiomzusammensetzung einwirkende Größen in Betracht gezogen. All diese Einflüsse, beeinflussen sich stark laut den Forschenden gegenseitig und tragen auch als einzelne Faktoren zur Variation des Darmmikrobioms bei.
Die zentrale Erkenntnis unserer Analysen ist, dass ein industrialisierter Lebensstil zu homogeneren und artenärmeren mikrobiellen Gemeinschaften in unserem Darm führt.
Professor Mathieu Groussin vom Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB)
Ein wichtiges Ergebnis der Studien: Die Industrialisierung und die damit verbundene Veränderung des Lebensstils führt zu einer drastischen Verarmung und starken Vereinheitlichung der Biodiversität des Mikrobioms. „Das bedeutet, dass Menschen aus Kiel in Deutschland und aus Kuala Lumpur in Malaysia eine sehr ähnliche Zusammensetzung an Bakterienarten aufweisen, obwohl sie in weit voneinander entfernten Regionen leben und sich in Bezug auf Ernährung, genetischen Hintergrund und Kultur stark unterscheiden“, erläutert Molekularbiologie Groussin.
Industrialisierte Mikrobiome sind empfindlicher für Störungen und Entzündungen
In einem nächsten Schritt untersuchten die Wissenschaftler, ob durch die Industrialisierung bedingte Veränderungen der mikrobiellen Artenvielfalt und Zusammensetzung auch zu Veränderungen im Zusammenleben und den Wechselwirkungen der Bakterien untereinander führen können. Sie stellten fest, dass sich in diesem Fall gemeinsam interagierende bakterielle Netzwerke verstärkt auf eine geringere Anzahl von Bakterien beschränken und dadurch weniger funktionale Ausweichmöglichkeiten aufweisen. „Letztendlich bedeutet dies: Wenn das bakterielle Ökosystem gestört wird und bestimmte Schlüsselarten verloren gehen, kann möglicherweise nicht auf andere Arten ausgewichen werden, um wichtige Funktionen des Mikrobioms aufrechtzuerhalten“, erklärt Mikrobiologin Poyet. „Dadurch kann zum Beispiel die Stoffwechselproduktivität oder die Stabilität des gesamten mikrobiellen Ökosystems im Darm beeinträchtigt werden.“
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Zusätzlich konnten die Forschenden in den Proben von Menschen mit einem hohen Industrialisierungsgrad gesteigerte Werte so genannter Entzündungsmarker nachweisen - also bestimmte molekulare Signaturen, die mit Stressreaktionen im Darm in Verbindung stehen. Dazu gehört zum Beispiel eine erhöhte Immunreaktion, insbesondere an den Schleimhäuten des Darms, die die Forschenden als Reaktion auf eine veränderte Zusammensetzung des Mikrobioms interpretieren. „Das Vorhandensein sowohl erhöhter Entzündungsmarker als auch bestimmter charakteristischer Muster in der Immunantwort lässt vermuten, dass ein durch industrialisierte Lebensstile verändertes Mikrobiom einen starken Einfluss auf die Physiologie des Wirts ausüben kann – und somit möglicherweise zur Entstehung von Krankheiten beiträgt“, unterstreicht Professor Philip Rosenstiel, Direktor am IKMB und Mitautor der ersten Studie.
Durch welche konkreten Veränderungen das industriell geprägte Mikrobiom anfälliger für Störungen sein könnte, die zur Krankheitsentstehung oder höheren Anfälligkeit für Infektionen führen, wollen die Forschenden in Zukunft im Detail untersuchen. Dazu bietet ihnen die GMbC-Biobank mit den konservierten Mikrobiomen aus aller Welt eine wichtige Ressource, die solche vertieften mechanistischen Untersuchungen im geografischen Vergleich erlaubt.
Zehn Jahre Global Microbiome Conservancy
2016 gründeten Professorin Mathilde Poyet und Professor Mathieu Groussin von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) die Global Microbiome Conservancy (GMbC), damals noch als wissenschaftliche Mitarbeitende am Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Die GMbC ist seitdem stetig gewachsen und als globale Initiative tätig, die in verschiedenen Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen an der Sammlung von Mikrobiomproben von unterrepräsentierten und nicht-industrialisierten Bevölkerungsgruppen arbeitet. In Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen in rund 30 Ländern tragen die GMbC-Mitglieder damit umfangreich zur Konservierung der gesamten Vielfalt des menschlichen Darmmikrobioms bei.
Die umfangreiche GMbC-Biobank in Kiel enthält Isolate und vollständige Mikrobiomproben, die als Grundlage für eine umfangreiche Erforschung der Zusammenhänge von Mikrobiomzusammensetzung und Gesundheit dienen.
(Bild: Solvin Zankl/GMbC)
Einfluss des Lebensstils auf das Genom von Darmbakterien
In der zweiten Studie haben die Forschenden zehn ausgewählte Bakterienarten aus den Mikrobiomen von ursprünglicheren und industrialisierten Bevölkerungsgruppen verglichen und auf genetische Veränderungen hin untersucht, die mit dem Lebensstil zusammenhängen könnten. „Bei allen untersuchten Mikroorganismen haben wir festgestellt, dass ein industrialisierter Lebensstil zu einer zunehmenden Größe des Genoms und einer höheren genomischen Plastizität führt. Das bedeutet, dass das Genom mehr Veränderungen durchläuft, beispielsweise durch eine erhöhte Häufigkeit des Genaustauschs mittels horizontalem Gentransfer. Dies kann Bakterien dabei helfen, schnell neue Funktionen zu erwerben, zum Beispiel um sich an Störungen anzupassen“, sagt Dr. Malte Rühlemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Groussins Arbeitsgruppe.
„Über diesen Gentransfer hinaus haben wir zudem eine große Vielfalt an genomischen Mutationen festgestellt, die mit der Industrialisierung in Zusammenhang stehen“, ergänzt Poyet. „Dazu zählen einzelne DNA-Mutationen, die die Sequenz und Funktion von Proteinen verändern, die an der Stressreaktion und der Stoffwechselanpassung an die Umwelt beteiligt sind“, fährt die Mikrobiologin fort.
Ausblick
Insgesamt konnten die Forschenden mit der neuen Doppelpublikation erstmals eine umfassende Studie dazu vorlegen, wie sich ein industrialisierter Lebensstil auf verschiedenen Organisationsebenen – von den mikrobiellen Gemeinschaften bis hin zu den individuellen Genomen der Mikroben – tiefgreifend auf das komplexe System des Darmmikrobioms auswirkt.
In Zukunft wollen sie weitere Probensammlungen im Rahmen der GMbC unternehmen und diese dabei auf zusätzliche Länder in verschiedenen Regionen der Welt ausdehnen. Dadurch wollen die Kieler Wissenschaftler die industrialisierungsbedingten Mechanismen weiter untersuchen, die den Veränderungen des Mikrobioms zugrunde liegen und möglicherweise eine Ursache für den weltweit beobachteten Anstieg chronischer Erkrankungen sein könnten.