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Interview Labordiagnostik: Modernes Perianalytiksystem für das 24h-Zentrallabor

Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

In der klinischen Labordiagnostik müssen möglichst schnell, zuverlässige Analysenergebnisse vorliegen, um Patienten angemessen behandeln zu können. Im Leipziger Uniklinikum wurde dazu nun der Prozess der Probenprozessierung nahezu vollständig automatisiert.

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Abb. 1: An der Universitätsklinik Leipzig wurde ein hoch­modernes Perianalytiksystem für die Labordiagnostik eingeführt.
Abb. 1: An der Universitätsklinik Leipzig wurde ein hoch­modernes Perianalytiksystem für die Labordiagnostik eingeführt.
(Bild: Stefan Straube)

LP: In einem Klinikum werden täglich sehr viele Proben entnommen, welche schnellstmöglich untersucht und ausgewertet werden müssen. Frau Prof. Ceglarek, wie lief ein solcher Analyse-Tag bisher ab, und welche Parameter können in welchem Zeitraum untersucht werden?

Prof. Dr. Uta Ceglarek: Das Institut für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik am Universitätsklinikum Leipzig bearbeitet pro Tag durchschnittlich 1500 Laboraufträge mit ca. 2800 Proben. Diese Proben stammen aus dem Universitätsklinikum Leipzig sowie Ambulanzen, medizinischen Versorgungszentren und Arztpraxen. Unser 24h-Zentrallabor arbeitet rund um die Uhr, d.h. an 7 Tagen 24 h und über den gesamten Zeitraum bieten wir auch Labordiagnostik an. Die Proben werden aus dem UKL über unser Rohrpostsystem eingesandt oder von den externen Einsendern mit dem Kurierdienst gebracht.

Alle Proben müssen zuerst aus den Rohposthülsen und Versandtüten ausgepackt werden. Dann mussten für die Probenprozessierung bisher viele manuelle Schritte durchgeführt werden. Dazu gehörte die Probe zur Zentrifuge bringen, danach zum Probenverteiler. Vom Probenverteiler wurden die Proben dann vom nächsten Mitarbeiter zum Analysengerät getragen und nach der Analytik zurückgebracht, um zum Schluss in ein großes begehbares Kühllager getragen zu werden. Der gesamte Prozess in unserem Labor beinhaltete bisher durchschnittlich elf manuelle Prozesse rund um die eigentliche Labordiagnostik.

Abb. 2: Frau Prof. Dr. rer. nat. Uta Ceglarek hat an Universitätsklinik Leipzig die Einführung eines hochmodernen Perianalytiksystems für die Labordiagnostik begleitet und berichtet darüber in unserem Gespräch.
Abb. 2: Frau Prof. Dr. rer. nat. Uta Ceglarek hat an Universitätsklinik Leipzig die Einführung eines hochmodernen Perianalytiksystems für die Labordiagnostik begleitet und berichtet darüber in unserem Gespräch.
(Bild: Stefan Straube)

Für die Erzeugung von täglich rund 13.000 qualitativen und quantitativen Ergebnissen stehen uns unterschiedliche Zeitfenster zur Verfügung. Die Untersuchungen, die als Notfalldiagnostik bei lebensbedrohlichen Fällen bei uns im Labor angefordert werden, werden mit höchster Priorität bearbeitet. Unser Ziel ist hier eine Befundrücklaufzeit nach Laboreingang von 45 Minuten. Eilproben sollten in max.1,5 Stunden und alle anderen Routineproben durchschnittlich 2-3 Stunden bearbeitet sein. Die Einhaltung der Probenbearbeitunsgszeiten ist für uns ein wichtiger Qualitätsindikator. Viele Therapieentscheidungen hängen auch vom Laborbefund ab und eine Verzögerung der Labordiagnostik bedeutet somit auch immer eine Verzögerung in der Behandlung des Patienten.

LP: Mitte August wurde am Institut für Laboratoriumsmedizin ein hochmodernes Perianalytiksystem in Betrieb genommen. Welche Analysen können nun zusätzlich vorgenommen werden? Wie verbessert sich hierdurch die Labordiagnostik und anschließende Befundung?

Prof. Dr. Ceglarek: Bei einem Probenaufkommen von über 2800 Untersuchungsgefäßen mit einer Vielzahl von Verteilungs- und Aliquotier­prozessen pro Tag war die Automatisierung des Probensortier-, Verteil- und Transportsystems für unser Labor dringend erforderlich. Insgesamt sieben Jahre dauerte der Prozess von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme unseres neuen Perianalytiksystems. Begleitet von umfangreichen Sanierungsmaßnahmen im Labor wurde über einen Zeitraum von insgesamt fünf Monaten das neue System passgenau in die Räumlichkeiten des Zentrallabors eingebaut. Manuell bleibt nur das Auspacken der Proben aus der Rohpost und das Bestücken der Laborautomation.

Nach der Identifizierung erfolgt automatisiert die Zentrifugation, Entdeckelung, Aliquotierung der Probe und Barcodierung der Sekundärgefäße, sowie die Sortierung und der Transport der Primär- und Sekundärgefäße zu den angeschlossenen Analysegeräten. Das führt zur erheblichen Minimierung von ursprünglich elf auf einen manuellen Arbeitsschritt mit einer Zeitersparnis bis zu 77 min für den gesamten prä- und postanalytischen Prozess. Das elektronisch gesteuerte Erzeugen von Aliquots und Sekundäretiketten mit dem beantragten System vermeidet bei gleichzeitiger Reduktion der Verteilmengen die Gefahr von Probenverwechslungen. Zusätzlich wird die Infektionsgefahr für die Mitarbeiter deutlich minimiert.

Durch die Integrierung des Probenarchivs in das Gesamtsystem wird das bisher durch Klinik und Labor manuell durchgeführte stufendiagnostische Nachmelde­verfahren komplett automatisiert. Dadurch ergibt sich eine weitere Zeitersparnis von 12 min pro personalbindendem Nachmeldevorgang. Mit der erstmaligen vollautomatisierten Einbindung eines Biobankmoduls für ein integriertes Bio­banking unterstützt unser Institut das Universitätsklinikum und die Medizinische Fakultät in der Durchführung Klinischer Studien. Mit der Installation eines innovativen Systems für die Direkteinbringung von Blutgefäßen aus der Zentralen Notaufnahme des UKL in das Probeneingangsmodul des Perianalytiksystem wurde der nächste Schritt in Richtung Vollautomation gegangen. Durch die direkte automatisierte Einzelprobenzuführung in die Laborautomation sinkt die Transportzeit für Notfallproben auf 60 s gegenüber der Rohrpost mit 5-10 min. Keine manuellen Arbeitsschritte sind mehr notwendig. Der Befund für ein „kleines Blutbild“ steht nun bereits nach nur acht Minuten dem anfordernden Arzt zur Verfügung.

LP: Welche neuen technischen Möglichkeiten ergeben sich durch die zeit- und kostenintensive Anschaffung des neuen Laborsystems für die Zukunft?

Prof. Dr. Ceglarek: Mit Inbetriebnahme des Perianalytiksystems können im ILM gleichzeitig Bearbeitungszeiten unabhängig von Tageszeit auch bei einer Steigerung des Probenaufkommens bis zu 40% verkürzt, die Qualitätssicherung im Bereich Präanalytik verbessert und das Infektionsrisiko für das Personal durch Minimierung des direkten Probenkontakts reduziert werden. Die hohe Flexibilität des Systems ermöglicht eine Leistungssteigerung ohne Beeinträchtigung der Qualitätsziele unseres Labors. Durch die Reduzierung von manuellen Prozessen entsteht eine zeitliche Entlastung der Mitarbeiter, die nun für die kontinuierliche Verbesserung und Weiterentwicklung der Labordiagnostik genutzt werden kann.

Wir sind als eines der modernsten universitären medizinischen Labore in Deutschland jetzt und in Zukunft in der Lage, technische Innovationen schnell zu integrieren und zukünftige Herausforderungen an die universitäre Labormedizin zu meistern. Mit den verbesserten Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter hoffen wir, wissenschaftlichen/ärztlichen und technischen Nachwuchs für unser Haus zu begeistern. Denn bei aller Automation und Hightech geht es auch in unserem Labor nicht ohne qualifizierte Mitarbeiter, die bereit sind im Drei-Schicht-System für die Patientenversorgung tätig zu sein.

Frau Prof. Dr. Ceglarek, vielen Dank für das Gespräch.

(ID:46875474)