English China

Diagnostik Pupillenreaktion: Depression im Auge erkennbar

Autor / Redakteur: Anke Schlee* / Dr. Ilka Ottleben

Unsere Pupille reagiert auf veränderte Lichtverhältnisse. Doch nicht nur das. Auch psychologische Effekte sind in unserem Auge erkennbar. So lässt uns beispielsweise schon die Aussicht auf eine Belohnung „große Augen machen“ – unseren Pupillen weiten sich leicht. Nun haben Forscher diese Pupillenreaktion genutzt und untersucht, ob sich damit Depressionen sowie deren Schwere gewissermaßen von den Augen der Patienten ablesen lassen.

Firmen zum Thema

Die Pupille in unserem Auge reagiert auf mehr als nur auf veränderte Lichtverhältnisse. (Symbolbild)
Die Pupille in unserem Auge reagiert auf mehr als nur auf veränderte Lichtverhältnisse. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

München – Können Menschen etwas gewinnen oder verlieren, so erweitert sich ihre Pupille leicht. Forscher haben herausgefunden, dass diese Erweiterung bei akut depressiven Patienten geringer ausfällt als bei Gesunden. Je schwerer die Patienten erkrankt waren, desto weniger weitete sich sogar das Augeninnere. Diese Erkenntnis könnte langfristig zu einer fundierteren Diagnose führen, die nicht nur auf den Aussagen der Patienten basiert, sondern biologisch begründet ist. Daraus abgeleitet könnte auch die Therapie mit Medikamenten individueller angepasst werden.

Kommen Belohnungen bei depressiven Menschen nicht an?

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler herauszufinden, ob depressive Patienten Belohnungen weniger wertschätzen als nicht-depressive Probanden. Studienteilnehmer im Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) absolvierten jetzt im Magnetresonanztomographen (MRT) ein einfaches Spiel, bei dem sie einen kleinen Geldbetrag gewinnen konnten. Ein klarer Anreiz, der bei Gesunden zur Erweiterung der Pupille führt. Dabei haben die Forscher die Pupillen ihrer Studienteilnehmer extrem genau und mit extrem hohem Tempo vermessen: Mit einem speziellen Versuchsaufbau konnten sie 250 Bilder pro Sekunde aufnehmen – zum Vergleich, wir blinzeln überhaupt nur alle vier bis sechs Sekunden.

Schweregrad der Depression korreliert mit Pupillenreaktion

Das Ergebnis: die MPI-Wissenschaftler konnten erstmals die Verbindung zwischen einer Pupillen-Erweiterung als Reaktion auf eine zu erwartende Belohnung und dem Schweregrad der Depression der jeweiligen Testperson nachweisen. Je schwerer die Symptome waren, desto weniger weit öffneten sich die Pupillen.

Die Studie zeigt, dass die Aussicht auf eine Belohnung bei schwer depressiven Patienten nicht zur gleichen Verhaltensaktivierung führt wie bei Gesunden. Ihr Nervensystem kann sich selbst bei so einer positiven Erwartung weniger stark aktivieren. „Wir vermuten, dass dahinter ein physiologisches System steht, das die oft berichtete Antriebsstörung bei Patienten teilweise erklären kann“, sagt Studienleiter Victor Spoormaker.

Psychiatrische Erkrankungen anders aufteilen?

Die Forscher am MPI gehen davon aus, dass psychiatrische Erkrankungen anders aufgeteilt werden sollten als in die bisherigen Diagnose-Gruppen. Maßgebend wären biologische Faktoren wie die Pupillenerweiterung, die klar messbar sind. Depressive Patienten, die mit ihren Pupillen weniger stark reagieren, würden eine eigene Untergruppe bilden. „Dann könnten wir diese Patienten medikamentös auch zielgerichteter behandeln“, so die Einschätzung von Spoormaker. Um diesen Ansatz zu verfeinern, bedarf es noch weiterer Forschung.

Originalpublikation: Max Schneider, Immanuel G. Elbau, Teachawidd Nantawisarakul, Dorothee Pöhlchen, Tanja Brückl, BeCOME Working Group, Michael Czisch, Philipp G. Saemann, Michael D. Lee, Elisabeth B. Binder and Victor I. Spoormaker: Pupil Dilation during Reward Anticipation Is Correlated to Depressive Symptom Load in Patients with Major Depressive Disorder ; Brain Sci. 2020, 10(12), 906; https://doi.org/10.3390/brainsci10120906

* A. Schlee: Max-Planck-Institut für Psychiatrie, 80804 München

(ID:47014190)