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Empathie, neurowissenschaftlich geprüft Schmerzerfüllt oder vorgespielt? So erkennt das Gehirn Simulanten

Autor / Redakteur: Pia Gärtner* / Christian Lüttmann

Zusammengekniffene Augen, glasiger Blick, verzerrter Mund – bei Schmerzen spielt unser Gesicht ein großes Repertoire an Signalen aus. Doch ist das authentisch, oder am Ende nur ein eingeübtes Schauspiel unseres Gegenübers? Den Unterschied zwischen echtem und vorgetäuschtem Schmerz erkennt unser Gehirn offenbar unbewusst, wie eine aktuelle Studie von Wiener Forschern zeigt.

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Laut einer Studie von Neurowissenschftlern der Uni Wien macht die neuronale Vernetzung zwischen Hirnregionen Empathie erst möglich (Symbolbild).
Laut einer Studie von Neurowissenschftlern der Uni Wien macht die neuronale Vernetzung zwischen Hirnregionen Empathie erst möglich (Symbolbild).
(Bild: gemeinfrei, geralt / Pixabay )

Wien/Österreich – Das Gehirn ist ein hochkomplexes Organ. Obwohl es sich durch Vernetzung und Interaktion der Milliarden von Nervenzellen auszeichnet, lassen sich doch einzelne Bereiche unterscheiden, die für bestimmte Aufgaben zuständig sind. So gab es in der Fachliteratur bereits etliche Hinweise, dass Hirnaktivierungen in der vorderen Inselrinde (vorderer insulärer Kortex) es uns ermöglichen, Empathie für den Schmerz einer anderen Person zu empfinden. Dieses Gehirnareal wird jedoch auch in einer eher bereichsübergreifenden Weise aktiviert, z. B. bei der Wahrnehmung von besonders auffälligen oder bedeutsamen Reizen.

Echte Schmerzen oder lediglich Schauspiel? Das Gehirn kann den Unterschied bei anderen normalerweise erkennen (Symbolbild).
Echte Schmerzen oder lediglich Schauspiel? Das Gehirn kann den Unterschied bei anderen normalerweise erkennen (Symbolbild).
(Bild: gemeinfrei, Sammy-Williams / Pixabay )

Ein Forscherteam der Uni Wien hat deshalb untersucht, wie sich diese Hirnaktivitäten unterscheiden lassen. „Unser Ziel war es herauszufinden, was genau die Aktivierungen in diesem Bereich des Gehirns während der Empathie auslöst – ist es wirklich das Nachempfinden des Schmerzes? Oder lediglich die Reaktion unseres Gehirns auf ein besonders auffälliges Ereignis, wie eben ein schmerzverzerrtes Gesicht?“, erklärt der Neurowissenschaftler Dr. Claus Lamm.

Schmerzgesichter und Reaktionen im Hirn

Um das herauszufinden, spielten Lamm und sein Team Versuchsteilnehmern Videoclips von anderen Personen vor, die über ihren Gesichtsausdruck echten bzw. lediglich vorgetäuschten Schmerz zeigten. Dabei maßen die Forscher mittels Magnetresonanztomographie, welche Bereiche im Gehirn der Teilnehmer wie stark aktiv waren. „Die Ergebnisse zeigten, dass vorgetäuschte Schmerzen tatsächlich den vorderen insulären Kortex aktivierten“, sagt Erstautorin und Doktoratsstudentin Yili Zhao. Der Ort der Hirnaktivierung ist also beim Ansehen von echtem und simuliertem Schmerz gleich. „Entscheidend war aber, dass diese Gehirnregion durch die tatsächlichen Schmerzen wesentlich stärker aktiviert wurde, und somit zweifelsfrei auch mit dem Nachempfinden von echten Schmerzen in Zusammenhang steht“, erklärt Zhao.

Konnektivität macht den Unterschied

Wie unterscheidet unser Gehirn aber zwischen echten und lediglich vorgetäuschten Schmerzen? Dies klärten die Forscher durch spezifische Analysen der so genannten effektiven Konnektivität, also der Interaktion zwischen Gehirnarealen. Wie sich zeigte, interagiert die vordere Insel systematisch mit einem Bereich des Gehirns, der mit Selbst-Anderer-Unterscheidung in Verbindung gebracht wird – also auch mit der Unterscheidung zwischen eigenen und fremden Gefühlen. Um empathisch angemessen reagieren zu können, genügt es nicht, nur auf die angezeigten Gefühle anderer einzugehen. Es braucht auch die Fähigkeit, zwischen adäquaten und in-adäquaten Gefühlsreaktionen unterscheiden zu können.

Die Ergebnisse liefern ein verfeinertes Modell der Empathie und ihrer neuronalen Grundlagen. Das ist nicht nur für die Gesellschaft als Ganzes von Bedeutung, sondern auch für die klinische Diagnostik von Schmerz und anderen körperlichen Symptomen. So ist den Forschern zufolge denkbar, dass systematische Unterschiede in der Verschreibung von Medikamenten (z.B. verschiedene Medikationen für Männer und Frauen sowie Menschen mit anderer Hautfarbe) auf Unterschiede in den in dieser Studie aufgezeigten Gehirnfunktionen zurückzuführen sind.

Originalpublikation: Zhao, Y., Zhang, L., Rütgen, M., Sladky, R., Lamm, C.: Neural dynamics between anterior insular cortex and right supramarginal gyrus dissociate genuine affect sharing from perceptual saliency of pretended pain. eLife 2021; DOI: 10.7554/eLife.69994

* P. Gärtner, Universität Wien,1010 Wien/Österreich

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