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Genvariante erhöht Muskelmasse beim modernen Menschen 270 Gramm mehr Muskeln durch Neandertaler-Gen

Quelle: Pressemitteilung Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie 3 min Lesedauer

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Wir tragen die Vergangenheit in uns – manchmal mit überraschendem Effekt. So weisen Träger einer Neandertal-Genvariante laut einer aktuellen Studie eine im Durchschnitt 270 Gramm größere Muskelmasse auf. Dieser Effekt beruht laut den Forschern auf erhöhter Rezeptoraktivität für ein Wachstumshormon.

Bei Erwachsenen hatten Träger der Neandertaler-Variante eines Wachstumshormonrezeptors im Durchschnitt rund 270 Gramm mehr Muskelmasse (Symbolbild).(Bild:  Adobe Stock by BigBlueStudio)
Bei Erwachsenen hatten Träger der Neandertaler-Variante eines Wachstumshormonrezeptors im Durchschnitt rund 270 Gramm mehr Muskelmasse (Symbolbild).
(Bild: Adobe Stock by BigBlueStudio)

Vor rund 40.000 Jahren starb der letzte Neandertaler. Doch ihre Spuren bleiben bis heute – nicht nur in archäologischen Funden, sondern auch in uns selbst. So tragen heutige Menschen bis zu zwei Prozent Neandertaler-DNA in sich. Auch unsere Muskeln sind noch von unseren frühen Verwandten beeinflusst – zumindest, wenn man ganz genau hinsieht, so wie es ein internationales Team unter der Leitung von Hugo Zeberg vom Karolinska Institutet und Philipp Kanis vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie gemacht hat.

Starke Verwandtschaft

Neandertaler waren im Allgemeinen kräftiger gebaut als die meisten heute lebenden Menschen. Ihre Knochen deuten auf eine ausgeprägte Muskulatur hin und sie besaßen charakteristische Merkmale wie deutliche Augenbrauenwülste und kurze Zahnwurzeln.

Ein wichtiger Beitrag zum Körperbau kommt von Wachstumshormonen, die das Wachstum von Muskeln und Knochen regulieren. Sie werden von der Hirnanhangsdrüse an der Basis des Gehirns ausgeschüttet und gelangen über den Blutkreislauf in den Körper. Um auf eine Zelle einzuwirken, muss das Hormon an einen Rezeptor auf deren Oberfläche binden. Dieser leitet das Signal ins Zellinnere weiter. Wie das Team um Zeberg und Kanis in ihrer Studie herausgefunden hat, weist die Neandertaler-Version dieses Rezeptors zwei Veränderungen auf, die in der beim modernen Menschen am häufigsten vorkommenden Version nicht vorhanden sind.

Neandertaler-Variante reagiert mehr auf Wachstumshormon

Die neu veröffentlichte Studie zeigt, dass im Labor gezüchtete Zellen mit dem Neandertaler-Rezeptor stärker auf Wachstumshormon reagieren: Sie wuchsen um 40 Prozent mehr als Zellen mit dem beim modernen Menschen häufigeren Rezeptor. Den Großteil dieser gesteigerten Reaktion führten die Forschenden auf eine der beiden Neandertaler-spezifischen Veränderungen zurück.

Der moderne Mensch hat diese Rezeptorvariante vor rund 47.000 Jahren durch Vermischung mit Neandertalern geerbt. Heute ist diese Neandertaler-Variante des Rezeptors vor allem in Süd- und Ostasien verbreitet. In manchen südasiatischen Bevölkerungsgruppen tragen bis zu 24 Prozent der Menschen diese Variante in sich, verglichen mit rund 0,5 Prozent der Europäer.

„Mich hat am meisten beeindruckt, dass zwei völlig unterschiedliche Arten von Belegen dieselbe Geschichte erzählen“, sagt Kanis, Erstautor der Studie und Postdoc am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Im Labor gezüchtete Zellen reagierten stärker auf Wachstumshormon, während Daten von mehr als einer Million Menschen Anzeichen desselben Effekts im Körper zeigten. Es ist selten, dass Labor- und Populationsdaten so eindeutig zusammenpassen.“

270 Gramm Neandertaler-Muskeln

Der Unterschied scheint sich erst nach der Kindheit zu zeigen: Die Forschenden untersuchten die Körpermaße von mehr als 6.000 Kindern und stellten bis zum Alter von elf Jahren keinen Zusammenhang zwischen der Neandertaler-Variante und dem Wachstum fest. Dies deutet darauf hin, dass sich ihre Wirkung möglicherweise erst später, etwa während der Pubertät, bemerkbar macht, wenn der Wachstumshormonspiegel deutlich ansteigt. Bei Erwachsenen hatten Träger der Neandertaler-Variante im Durchschnitt rund 270 Gramm mehr Muskelmasse.

„Als CrossFit-Athletin hat es mich sehr gefreut, Neandertaler-Genetik und Muskelmasse in derselben Studie vereint zu finden“, sagt Co-Autorin Miriam Berreiter. „Aber auch ein Neandertaler-Wachstumshormonrezeptor ist kein Ersatz fürs Training.“

Die Neandertaler-Variante wurde außerdem mit feinen Unterschieden am Schädel und an den Zähnen in Verbindung gebracht. Träger dieser Variante wiesen tendenziell einen etwas kürzeren hinteren Abschnitt des Unterkiefers sowie kürzere Zahnwurzeln auf, was dem typischen Erscheinungsbild der Neandertaler entspricht.

„Es ist faszinierend, dass eine von Neandertalern vererbte genetische Veränderung noch heute Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben kann“, sagt Zeberg, leitender Autor der Studie. „Doch dies ist nur einer von vielen genetischen Einflüssen auf Wachstum und Körperform. Sie kann den Körperbau der Neandertaler nicht allein erklären und bestimmt gewiss nicht das gesamte Erscheinungsbild eines Menschen.“

Originalpublikation: Philipp Kanis, Miriam Berreiter, Daniel Sieme, Olivia Wootton, Xiang-Chun Ju, Nicholas E. Holzwart, David Ziliang Hu, Shu Tadaka, Makiko Taira, Kengo Kinoshita, Richard Ågren, Johan G. Olsen, Tomislav Maricic, Hilary C. Martin, Birthe B. Kragelund, Svante Pääbo, Andrew J. Brooks, and Hugo Zeberg: Increased signaling of the Neanderthal growth hormone receptor, Current Biology, 5 August 2026; DOI: 10.1016/j.cub.2026.07.025 

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