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Ig-Nobelpreis für FSK per chemischer Analyse Altersfreigabe von Filmen erschnüffeln

| Aktualisiert am 15.09.2021Autor / Redakteur: Dr. Susanne Benner* / Christian Lüttmann

Lustiger Kinderfilm oder brutaler Psycho-Schocker? Nicht immer ist die Beurteilung der Altersfreigabe bei Filmen so eindeutig. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben 2018 eine objektive Methode zur Filmfreigabe untersucht: Sie analysierten die Luft im Kinosaal auf die Anspannung der Zuschauer. Jetzt erhielten sie den Ig-Nobelpreis, für wissenschaftliche Leistungen, die „Menschen zunächst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“.

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Anspannung in der Luft: Bei Nervosität geben Kinobesucher vermehrt Isopren ab – ein messbarer Hinweis darauf, wie belastend ein Film ist.
Anspannung in der Luft: Bei Nervosität geben Kinobesucher vermehrt Isopren ab – ein messbarer Hinweis darauf, wie belastend ein Film ist.
(Bild: Jonathan Williams, Max-Planck-Institut für Chemie)

Mainz – Ab welchem Alter Kinder einen Kinofilm gucken dürfen, beruht bislang auf subjektiven Urteilen. In Deutschland entscheidet darüber ein Gremium der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), nachdem es die Inhalte eines Films sorgfältig geprüft hat. Die Einstufung erfolgt in die Altersfreigaben 18, 16, 12 und 6 Jahre sowie Filme ohne Altersbeschränkung. Letztlich ist diese Empfehlung aber eher eine gefühlte Kategorisierung.

Kinoluft zur Altersfreigabe analysieren

Forscher des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben 2018 eine Methode entwickelt, mit der sich auch objektiv bewerten lässt, ab welchem Alter Kinder und Jugendliche einen Film ohne zu große psychische Belastung ansehen können. Dafür haben die Wissenschaftler bei 135 Filmvorführungen elf verschiedener Filme die Luftzusammensetzung im Kinosaal und dabei auch die Konzentration flüchtiger organischer Verbindungen (VOC, Volatile Organic Compounds) gemessen. Beteiligt waren dabei insgesamt über 13.000 Zuschauer.

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Ig-Nobelpreis – die Auszeichnung mit Augenzwinkern

Immer zwei Wochen vor den echten Nobelpreisen verleiht die US-Zeitschrift Annals of Improbable Research die Ig-Nobelpreise. In der Kategorie Chemie erhielt ihn in diesem Jahr das Team um Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut für Chemie (MPIC) und Stefan Kramer von der Johannes Gutenberg-Universität (JGU). Sie untersuchten mittels Massenspektrometrie den Zusammenhang zwischen der Isoprenkonzentration in der Luft von Kinosälen und der FSK-Altersfreigabe.

„Der Preis ist Beleg für unsere Kreativität als Wissenschaftler und unsere Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wir machen gerne Experimente, die zunächst eigenwillig erscheinen mögen, am Ende aber neue Phänomene aufdecken“, freut sich Williams über die satirische Auszeichnung. Für den gebürtigen Engländer gehört Selbstironie zum gepflegten Umgangston. „Unsere Arbeit zur messbaren Angst in der Kinoluft hat bereits viele neue Studien in Gang gesetzt.“

Das Ergebnis: Menschen geben offenbar unterschiedliche Mengen Isopren ab, je nervöser und angespannter sie sind. Die Isopren-Werte spiegelten daher für eine Vielzahl von Filmgenres und Altersgruppen zuverlässig wider, für welches Alter ein Film von der FSK freigegeben ist, berichten die Forscher. „Isopren scheint ein gutes Maß für die Anspannung einer Gruppe sein“, sagt Prof. Dr. Jonathan Williams, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemie. „Unser Ansatz kann also objektive Hinweise geben, wie Filme klassifiziert werden sollten.“

Isopren – der Stoff der Anspannung

Isopren entsteht beim Stoffwechsel und wird im Muskelgewebe gespeichert. Wenn wir uns bewegen, wird es über den Blutkreislauf und die Atmung, aber auch über die Haut freigesetzt. „Offenbar rutschen wir im Kinosessel unwillkürlich hin und her oder spannen Muskeln an, wenn wir nervös und aufgeregt sind“, vermutet Williams. Wie angespannt das Publikum einen Film verfolgt, liefere wiederum ein gutes Indiz dafür, wie belastend der Streifen auf Kinder und Jugendliche wirkt.

Wenn die neue Methode bei einem repräsentativ zusammengesetzten Publikum angewendet würde, könnte sie in umstrittenen Fällen helfen zu entscheiden, ab welchem Alter ein Film freigegeben werden sollte. Zudem können die Messungen auch Aufschluss darüber geben, wie sich die Reaktionen der Zuschauer und die Maßstäbe für die Altersfreigabe im Laufe der Zeit verändern.

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Um die chemischen Hinweise für die Altersfreigabe aufzuspüren, haben die Wissenschaftler ein Massenspektrometer an die Belüftungsanlage des Kinosaals angeschlossen. Damit maßen sie während einer Filmvorführung alle 30 Sekunden, wie sich die Zusammensetzung der Kinoluft ändert. So analysierte das Team die Konzentration von 60 Verbindungen. Auf Basis der Messungen haben die Wissenschaftler anschließend ein Modell erstellt: Dies setzt die Altersklassifikation in Relation zu den Daten, wie häufig und in welchen Mengen die Zuschauer die Substanzen abgeben.

Gefühlsanalyse mit dem Massenspektrometer?

Der Zusammenhang, den die Forscher zwischen der Isoprenkonzentration in der Luft und der Anspannung im Kinosaal fanden, hat Williams nun auf eine neue Idee gebracht: Er möchte untersuchen, ob auch andere Gefühlslagen durch die Abgabe flüchtiger organischer Verbindungen aus der Analyse der Umgebungsluft erkennbar sind.

Während der Kinofilme konnte sein Team dies noch nicht eindeutig klären, weil dabei Szenen, die sehr unterschiedliche Emotionen hervorrufen, sehr schnell aufeinanderfolgen und ihre möglichen chemischen Spuren in der Luft so verwischen. Eine Fortsetzung der Kino-Studie ist aber in Planung. Künftig möchte Williams untersuchen, ob Menschen nicht nur einen chemischen Fingerabdruck ihrer Anspannung, sondern auch anderer Gefühlslagen in der Luft hinterlassen.

Originalpublikation: C. Stönner, A. Edtbauer, B. Derstroff, E. Bourtsoukidis, T. Klüpfel, J. Wicker, J. Williams: Proof of concept study: Testing human volatile organic compounds as tools for age classification of films, PLoS ONE 13(10), Published October 11, 2018; DOI: 10.1371/journal.pone.0203044

* Dr. S. Benner, Max-Planck-Institut für Chemie, 55128 Mainz

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