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„Killerkeime“ in Deutschland und Europa Antibiotikaresistenzen – Zahlen, Daten und Fakten

Autor: Dr. Ilka Ottleben

Corona beherrscht die derzeitige Nachrichtenlage wenn es um akute Bedrohungen für unsere Gesundheit geht. Andere Gesundheitsgefahren geraten ein wenig aus dem Fokus – beispielsweise die zunehmende Antibiotikaresistenz vieler Bakterien.

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Abb.1:  Antibiotikaresistente Bakterien wie der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) fordern weltweit Gesundheitssysteme heraus.
Abb.1:  Antibiotikaresistente Bakterien wie der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) fordern weltweit Gesundheitssysteme heraus.
(Bild: ©royaltystockphoto - stock.adobe.com_[M]-VCG)

Halsschmerzen, die einem die Tränen in die Augen treiben und denen gängige Betäubungsmittel halbwegs egal zu sein scheinen. Nicht minder schmerzhafte Harnwegsinfekte, die nicht auf die üblichen Hausmittel ansprechen. Die Bronchitis, die mit einem Mal das Atmen zum Problem werden lässt. Ein Arzt, ein Rezept, ein Antibiotikum und nahezu vergessen ist häufig alle Pein.

Richtig angewandt sind Antibiotika ein Segen. Schwerwiegende bakterielle Infektionen, die ansonsten schnell Leib und mitunter auch Leben bedrohen, wurden mit ihrer Entdeckung durch Nobelpreisträger Alexander Fleming im Jahr 1928 relativ leicht behandelbar. Unzählige Leben wurden und werden so gerettet.

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Doch kampflos geschlagen, geben sich die Pathogene nicht: Jahrzehntelanger übermäßiger und unsachgemäßer Gebrauch in Human- und Tiermedizin haben dazu geführt, dass die Medizin von heute verstärkt mit solchen Erregern zu kämpfen hat, die gegen

  • einzelne Antibiotika (Resistenz)
  • oder aber gleich mehrere (Multiresistenz),
  • schlimmstenfalls alle verfügbaren antibiotischen Wirkstoffe (Panresistenz)

unempfindlich geworden sind. Vermittelt werden solche Resistenzen durch so genannte Resistenzgene (s. Ergänzendes zum Thema). Vermeintlich harmlose Infektionen lassen sich dann nur schwer oder aber gar nicht mehr behandeln. Komplizierte Verläufe von Infektionen sind häufiger. Treffen kann dies im Prinzip jeden von uns, besonders gefährdet sind allerdings kranke und immungeschwächte Menschen.

Ergänzendes zum Thema
LP-Info: Was sind Resitenzgene?

Resistenzgene sind die Träger von Erbinformation, die ein Protein, z.B. ein bestimmtes Enzym codieren, das dafür sorgt, dass ein Bakterium gegenüber einem Antibiotikum unempfindlich wird. Ein Beispiel ist die Extended Spectrumβ-Lactamase, kurz ESBL. Bakterien, die ein Resistenzgen besitzen, das ESBL bilden kann, sind geschützt vor Angriffen durch so genannte Beta-Lactam-Antibiotika wie Penicilline oder Cephalosporine. Diese Antibiotika wirken, indem sie die bakterielle Zellwandsynthese durch Bindung an Penicillin-bindende Proteine (PBP) hemmen.

Bakterien besitzen die Fähigkeit, untereinander direkt Erbmaterial austauschen – sogar über Artgrenzen hinweg. Das nennt man horizontalen Gentransfer. Auf diese Weise konnten und können sich auch Resistenzgene unter den Bakterien ausbreiten. Im „Kampf ums Überleben“ verschaffen sie den Bakterien häufig einen Selektionsvorteil und bleiben daher erhalten.

Von Resistenzen und Krankenhausinfektionen

Zum Problem werden solche Keime oft in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, zum einen weil dort besonders viele Antibiotika eingesetzt werden, zum anderen weil Patienten und Bewohner hier ohnehin häufig krank oder geschwächt sind. Der Begriff „Krankenhauskeime“ wird daher umgangssprachlich mitunter synonym für antibiotikaresistente Bakterien verwendet. Dies ist jedoch ungenau und kann zu Missverständnissen führen, denn eine „Krankenhausinfektion“ oder „nosokomiale Infektion“ ist zunächst einmal jede Infektion, die sich ein Mensch während eines Aufenthalts in einem Krankenhaus oder bei einer ambulant durchgeführten medizinischen Behandlung zugezogen hat – egal, ob mit einem antibiotikaresistenten oder einem nicht-resistenten Erreger.

Wie viele Menschen sterben jährlich resitenten Keimen oder nosokomialen Infektionen?

Einer 2018 veröffentlichten Studie des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zur Krankheitslast durch Multiresistente Erreger (MRE) zufolge sterben

  • allein in Deutschland ca. 2400 Menschen pro Jahr an einer Infektion durch Multiresistente Erreger (MRE).
  • In Europa sind es insgesamt jedes Jahr ca. 33.000.

An einer nosokomialen Infektion erkranken laut einer Berechnung, die das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und der Berliner Charité (NRZ für Surveillance von nosokomialen Infektionen) im Jahr 2019 veröffentlicht hat, in Deutschland jedes Jahr geschätzt 400.000 bis 600.000 Menschen und etwa 10.000 bis 20.000 Menschen sterben daran.

Zahlen, Daten, Fakten zu Multiresistenten Erregern in Deutschland

Anhand der Daten der Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) des RKI und der Prävalenzerhebung von 2011 lässt sich nach RKI-Angaben schätzen, dass im Jahr 2013 circa 6% der Krankenhausinfektionen durch multiresistente Erreger bedingt waren.

Bei einem Mittelwert von 500.000 nosokomialen Infektionen pro Jahr in Deutschland bedeute das (Stand November 2018): „11.000 Infektionen würden durch Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA), 4000 Infektionen durch Vancomycin-resistente Enterokokken (Enterococcus faecalis und Enterococcus faecium), 8000 Infektionen durch multiresistente Escherichia coli, 2000 Infektionen durch multiresistente Kebsiella pneumoniae und etwa 4000 Infektionen durch multiresistente Pseudomonas aeruginosa verursacht.“ Bei diesen Keimen handelt es sich um die fünf wichtigsten multiresistenten Erreger. Sie führten damit zu etwa 29.000 nosokomialen Infektionen. Werden zusätzlich weitere Erregerarten berücksichtigt, kommt das RKI auf 30.000 bis 35.000 nosokomiale Infektionen mit MRE pro Jahr in Deutschland. Auf die besonders gefährlichen multiresistenten Erreger, die gegen fast alle Antibiotikaklassen resistent sind, gehen nach RKI-Angaben jährlich 1500 Fälle bzw. 0,3% aller nosokomialen Infektionen in Deutschland zurück [5, 6].

Um diese Zahlen richtig einzuordnen: „Es sterben mehr Menschen an nicht oder kaum resistenten Erregern als an resistenten Erregern. Daran ist zu erkennen, dass das Antibiotikum allein nicht die Heilung bringt. Auch die körpereigenen Kräfte – das Immunsystem – tragen sehr viel zur Gesundung bei“, sagte der Leiter der Abteilung für Antibiotikaresistenzen am Robert-Koch-Institut in Berlin Tim Eckmanns in einem Interview mit dem ZDF.

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