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Liquid Biopsy

Bluttest auf Brustkrebs: Was ist dran an der „Weltsensation“?

| Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

Ein neuer, auf dem molekularbiologischen Verfahren der Liquid Biopsy basierender Bluttest soll Brustkrebs mit einer Trefferquote von 75 Prozent diagnostizieren. Damit sind die beteiligten Forscher vom Uniklinikum Heidelberg kürzlich medienwirksam an die Öffentlichkeit gegangen. Doch was genau sagt eine solche Trefferrate überhaupt über die Genauigkeit des Tests aus?

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Mit rund 69.000 Neuerkrankungen jährlich ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. (Symbolbild)
Mit rund 69.000 Neuerkrankungen jährlich ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. (Symbolbild)
(Bild: ©Ivan - stock.adobe.com)

Essen – Es ist nicht lang her, da titelte die BILD-Zeitung „Neuer Bluttest erkennt zuverlässig Brustkrebs - Warum dieser Test eine Weltsensation ist“. Forscher des Universitätsklinikums Heidelberg hatten dem Medium zuvor ein Exklusiv-Interview zu ihrer neuen Entwicklung gegeben. Als „Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“ und „revolutionär“ bezeichnete die Klinik das neue Liquid Biopsy-Verfahren indes in einer Pressemitteilung. Im Blut von an Brustkrebs erkrankten Frauen habe der neue Bluttest 15 verschiedene Biomarker identifizieren können, mit deren Hilfe auch kleine Tumore nachweisbar seien. „Marktfähig“ sei dieser Bluttest für Brustkrebs, der eine Trefferrate (Sensitivität) von 75 Prozent hat.

Eine Brustkrebs-Diagnostik per einfacher Blutabnahme also, Jahre bevor der Krebs durch übliche Diagnoseverfahren wie Mammografie, Ultraschall oder MRT nachweisbar ist? Das weckt Hoffnungen auf deutlich verbesserte Heilungschancen.

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Die DNA abgestorbener Zellen von Tumoren gelangt als zellfreie DNA (cfDNA) in das Blutsystem. Diese cfDNA kann über eine Blutprobe gewonnen und als Flüssigprobe im Labor speziell untersucht werden (liquid biopsy = Flüssigbiopsie). Für die Diagnostik und Therapieplanung von bestimmten Krebserkrankungen gewinnt die liquid biopsy an Bedeutung. Im Vergleich zur invasiven Gewebeentnahme (Biopsie) ist die Blutentnahme schonend für den Patienten, die Ergebnisse sind sehr genau und ermöglichen häufig bereits eine personalisierte Therapie.

Das Abbild des Tumorgeschehens im Blut mittels dieses modernen Analyseverfahrens gelingt heute bereits gut beim Lungenkarzinom. Lungenkrebs ist eine der häufigsten Tumorerkrankungen, das bei etwa 80% der Lungenkrebspatienten beispielsweise als Adenokarzinom auftritt.

15% der Adenokarzinome weisen genetische Veränderungen im epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor-(EGFR)-Gen auf, die zu einer Tumorprogression führen. Sind diese Mutationen bekannt, kann der Tumor mit modernen Medikamenten (Tyrosinkinase-Inhibitoren, TKIs) zielgerichtet therapiert werden. Allerdings tritt bei ca. 60% der Patienten nach einiger Zeit aufgrund einer weiteren Mutation im EGFR-Gen eine Resistenz (p.T790M) gegenüber einiger TKIs auf. Dies bewirkt, dass sich ein Rezidiv oder Metastasen entwickeln können, welche nicht operabel und kaum für eine Biopsie zugänglich sind.

Quelle: Oncoscreen Gesellschaft zur Nutzung molekularbiologischer Technologien, Zweigniederlassung der Synlab MVZ Weiden GmbH

Doch die Reaktionen auf den frühen Gang in die Medien rief in Wissenschaftler-Kreisen kontroverse Reaktionen hervor. Zu Recht wie es scheint, denn die Informationen darüber, was der Test im Rahmen der Brustkrebsdiagnostik tatsächlich zu leisten imstande ist – und was nicht – sind lückenhaft. Werden hier einmal mehr verfrühte oder falsche Hoffnungen geweckt?

Das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e.V. in Essen kürte die Pressemitteilung der Universitätsklinik Heidelberg nun zur „Unstatistik des Monats Februar“. Mit dieser „Unstatistik“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Warum sie jetzt den als „Weltsensation“ propagierten neuen Bluttest auf Brustkrebs ausgewählt haben und was genau sie kritisieren, erläutern die Wissenschaftler hier:

„Nach üblichen wissenschaftlichen Standards veröffentlichen Forscher zuerst eine Studie in einer Fachzeitschrift, die dort begutachtet wird, und gehen erst dann an die Presse. Beim Bluttest wurde dieser Standard nicht eingehalten. Die Heidelberger Forscher sind zuerst medienwirksam zur BILD-Zeitung gegangen. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung liegt nicht vor.

Was bedeutet eine Trefferrate von 75 Prozent? Laut Pressemitteilung wurde der Bluttest an über 900 Frauen erprobt, von denen über 500 Brustkrebspatientinnen waren. Bei 75 Prozent der Frauen mit Brustkrebs war der Test positiv (Verdacht auf Brustkrebs) und bei 25 Prozent dieser Frauen wurde der Krebs übersehen.

Erst die Falsch-Alarm-Rate macht die Trefferrate aussagekräftig

Ist 75 Prozent nun gut oder schlecht? Diese Frage kann niemand beantworten, da die Pressemitteilung die dazu notwendige Information unerwähnt gelassen hat: die Falsch-Alarm Rate des Bluttests. Denn jeder Test dieser Art macht zweierlei Fehler: erstens, einen Krebs zu übersehen (wie gesagt, der Bluttest übersieht dies bei 25 Prozent der Frauen), und zweitens, bei Frauen ohne Krebs fälschlicherweise Krebs zu diagnostizieren. Die Falsch-Alarm Rate gibt an, wie oft dieser zweite Fehler passiert. Gerade bei einem Bluttest sollten Frauen diese Information ehrlich und verständlich erhalten, da sie mit einem verdächtigen Befund noch bis zu fünf Jahre leben müssen – erst dann sind Tumore in der Regel so groß, dass man mit bildgebenden Verfahren wie Mammographie prüfen kann, ob es wirklich einen Tumor gibt oder es sich um einen falschen Alarm handelt. Und je höher die Falsch-Alarm Rate ist, desto mehr gesunde Frauen müssen mit Verdacht auf einen Krebs leben, den sie gar nicht haben. Man muss sich ernsthaft fragen, warum die Pressemitteilung diese wichtige Information der Öffentlichkeit vorenthalten hat.

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht, warum die Trefferrate allein nicht zeigt, wie gut ein Test ist. Nehmen wir eine Gruppe von Frauen, 10 mit Krebs und 100 ohne Krebs. Man kann eine Trefferrate von 100 Prozent erreichen, wenn man einfach bei jeder Frau Verdacht auf Krebs feststellt. Diese Methode „erkennt“ alle Frauen mit Brustkrebs, aber alle 100 Frauen ohne Krebs erhalten fälschlicherweise einen verdächtigen Befund. Mit dieser Methode würde man keinen einzigen Krebs übersehen, aber eine Falsch-Alarm Rate von 100 Prozent haben. Eine Trefferrate von 100 Prozent wäre dagegen beeindruckend, wenn zugleich die Falsch-Positiv Rate bei 1 Prozent läge. Dieser Test erkennt alle Frauen mit Brustkrebs richtig, und nur eine der Frauen ohne Brustkrebs wird fälschlicherweise alarmiert. Eine Trefferrate kann man also nur bewerten, wenn man die Falsch-Alarm Rate kennt. Die Mammographie hat beispielsweise eine Trefferrate von etwa 80 Prozent und eine Falsch-Alarm Rate von fünf bis zehn Prozent.

Wissen, ohne zu wissen

Das Problem liegt hier nicht erst bei der BILD Zeitung, sondern bereits in der Pressemitteilung. Dank BILD wissen zwar jetzt viele Frauen von dem Test, ohne aber wissen zu können, wie gut er ist. Pressemitteilungen mancher Universitäten sind in den vergangenen Jahren zurecht kritisiert worden, weil sie Schlagzeilen oder Vermarktung statt dem Ziel verständlicher Information dienen. So saß bei der Pressekonferenz auch der Geschäftsführer der HeiScreen GmbH auf dem Podium, der den Bluttest auf den Markt bringen soll. Gerade bei so angstbesetzten Themen wie Krebs sollten Pressestellen jedoch dafür sorgen, dass die Standards guter wissenschaftlicher Information wieder eingehalten werden."

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