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Experteneinschätzung zum Coronavirus Corona – Forschung vs. Virus

| Autor / Redakteur: Elke Oleson / Christian Lüttmann

Das Coronavirus hat das öffentliche Leben in Deutschland weitgehend stillgelegt. Wie rasant diese Entwicklung vonstatten ging, verdeutlicht auch das LP-Interview mit Prof. Dr. Stephan Becker vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung. Er sprach zum Zeitpunkt des Interviews im März noch von über 1000 Infizierten in Deutschland – mittlerweile sind es über 178.000. Welche Herausforderungen die Corona-Pandemie mit sich bringt und wann nach Expertenmeinung mit einem Impfstoff zu rechnen ist, lesen Sie hier.

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Prof. Dr. Stephan Becker, Virologie an der Universität Marburg
Prof. Dr. Stephan Becker, Virologie an der Universität Marburg
(Bild: Rolf K. Wegst)

LP: Täglich liest man neue Schreckensmeldungen zum Coronavirus. Wie ist Ihre Einschätzung der Situation, auch im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten gesehen?

Prof. Dr. Stephan Becker: Wenn man sich die Lage anschaut und hier im Besonderen für Deutschland, haben wir inzwischen über 1000 Infizierte zu verzeichnen („Stand bei Durchführung des Interviews, Anmerkung der Redaktion“), was bezogen auf die Gesamtbevölkerung erst einmal nicht sehr viel ist. Im Vergleich hierzu infiziert das Grippevirus deutlich mehr Menschen pro Jahr. Aber daran haben wir uns gewöhnt und erleben und überleben die Grippe jedes Jahr aufs Neue. Der wesentliche Unterschied und Hauptgrund für die Angst in der Bevölkerung liegt in der unbekannten Natur eines neuen Virus, welches sich rasch vermehrt und jeden Tag neue zusätzliche Infektionen hervorruft.

LP: Wichtig ist zunächst eine schnelle und gute Diagnose von Infektionskrankheiten. Wie erfolgt diese bei Corona und wie kann das Virus von Influenza unterschieden werden?

Prof. Becker: Die momentan am häufigsten angewendete Diagnostik ist eine PCR-Analyse. Hierbei werden Patientenproben auf die Anwesenheit der Virus-Genome untersucht. Dabei arbeitet man mit hoch-spezifischen Primern, die nur das neue SARS-Coronavirus 2 erkennen und nicht die anderen Coronaviren, die ansonsten zirkulieren. Es gibt regelmäßig im Winter Coronavirus-Infektionen, die aber normalerweise nur relativ leichte obere Atemwegsinfektionen wie Husten und Schnupfen hervorrufen. Hiervon kann man mittels PCR-Methode das neue Coronavirus sehr sicher unterscheiden. Es werden hauptsächlich Abstriche und teilweise noch Sputum untersucht, da sich das neue Coronavirus in den oberen Atemwegen besonders gut repliziert.

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LP: Wie schützen sich Forscher bei der Arbeit mit dem Virus vor Ansteckung?

Becker: Die Patientenproben werden unter Biosafety Level 2 (BSL2) unter einer Sicherheitswerkbank bearbeitet, wobei die Untersuchenden einen Mund-Nase-Schutz mit Brille sowie einen Ganzkörper-Kittel tragen. Gezielte Untersuchungen – z.B. wenn das Virus vermehrt wird, um Fragen über seine Biologie zu bearbeiten – erfolgen unter BSL3-Bedingungen, da die Infektionsgefahr durch die erhöhte Virus-Menge deutlich höher ist als bei der Untersuchung von Patientenproben. Das bedeutet, dass man einen deutlich erschwerten Zugang zu diesen Laboren hat. Es herrscht Unterdruck in dem Labor, und die persönliche Schutzkleidung, die jeder trägt, ist entsprechend angepasst. Der gesamte Körper ist mit einem Anzug abgedeckt und der Kopf bedeckt. Die Wissenschaftler tragen eine FFP3-Maske für Mund-Nase-Schutz, eine Schutzbrille sowie zwei Paar Handschuhe.

LP: Wie ist Ihre Prognose, wie sich diese Pandemie weiter entwickelt?

Prof. Becker: Es ist noch nicht genau bekannt, wie gefährlich das neue Coronavirus eigentlich für den Menschen ist. Es gibt Hinweise darauf, dass es vielleicht gefährlicher ist als die Grippe. Andere vermuten, das es nicht so gefährlich ist. Die Unsicherheit ist hierbei zu groß, als dass man irgendwelche Risiken eingehen könnte. Man wird jetzt zunächst versuchen, so weit wie möglich die Ausbreitung des neuen Coronavirus zu verhindern. In China wurde uns gezeigt, dass das funktioniert, allerdings mit sehr drastischen Maßnahmen, die wahrscheinlich hier in Europa nicht durchzuführen und wahrscheinlich auch nicht nötig sind. Die Ausbreitung des Virus lässt sich sehr häufig nachvollziehen: Es gibt einen Index-Patienten, der als erkrankt identifiziert wird. Danach werden alle Kontaktpersonen identifiziert, und man überprüft in den darauffolgenden Tagen und Wochen, wer von denen sich ebenfalls an dem Indexpatienten infiziert hat. Man kann dann sehen, dass es einige wenige gibt, die sich infiziert haben. Die Neu-Infektionen lassen sich ganz oft auf solche Indexpatienten oder aber auch auf einen Aufenthalt in einem Risikogebiet zurückführen, sodass wir in Deutschland nicht die Situation haben, dass es überall kleine Infektionsherde gibt, von denen man überhaupt nicht weiß, woher sie kommen. Das schafft eine gute Ausgangsbasis, um das Virus einzudämmen, auf jeden Fall aber dessen Ausbreitung zu verlangsamen.

LP: Stimmt es, dass in ein paar Jahren bis zu 78 Prozent der Bevölkerung erkrankt sein werden?

Prof. Becker: Hierbei handelt es sich um Hochrechnungen bei der Vorstellung, dass wir das Virus tatsächlich nicht eindämmen können und dass es sich quasi in der gesamten Bevölkerung ausbreitet. Eine solche Ausbreitung ereignet sich in Wellen: Jahr für Jahr gibt es einen bestimmten Prozentsatz an Menschen, die erkrankt sind und dann wahrscheinlich nicht mehr neu infiziert werden können. Dadurch ist dem Virus eine natürliche Barriere gesetzt. Im nächsten Jahr werden wieder andere infiziert und so weiter, sodass man davon ausgehen kann, dass irgendwann vielleicht eine große Prozentzahl der Bevölkerung durchinfiziert ist. Ob das wirklich so kommt, finde ich momentan schwer zu sagen. Für mich ist das noch Spekulation und der Worst Case. Ich plädiere dafür, dass wir im Moment alles tun, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

LP: Wann kann mit dem ersten Impfstoff gerechnet werden?

Prof. Becker: Der Schritt von der Entwicklung bis zur Zulassung eines Impfstoffes für die breite Anwendung beim Menschen dauert einige Zeit. Es müssen sehr hohe Sicherheitshürden angelegt werden, da man mit Impfstoffen immer gesunde Menschen behandelt, wobei so wenig wie möglich Nebenwirkungen akzeptiert werden. Das erfordert einen gestuften Prozess. Nach der Entwicklung erfolgt zunächst die Testung in einem Tier, um zu schauen, ob der Impfstoff wirkt. Im nächsten Schritt würde man eine große Menge an Impfstoff produzieren, was unter sehr hohen Qualitätsansprüchen zu erfolgen hat und daher relativ lange dauert. Es schließt sich dann die erste klinische Phase, die sog. Phase 1 an, in der getestet wird, ob der Impfstoff für den Menschen verträglich und ob er immunogen ist. So hangelt man sich von einer klinischen Phase zur nächsten und untersucht eine immer größere Anzahl an Personen. Schließlich testet man dann den Impfstoff in einem Gebiet, wo gerade ein Ausbruch stattfindet und überprüft, ob eine bestimmte Menge an Menschen, die geimpft ist, besser geschützt ist als nicht geimpfte Menschen. Das wäre der Beweis, dass der Impfstoff wirkt. Die vielen Schritte der behördlichen Zulassungsverfahren dauern ihre Zeit. Normal sind 15 Jahre, aber im Fall von Coronavirus 2 wird man, selbst wenn es sehr schnell ablaufen würde, immer noch mindestens 1 bis 1,5 Jahre benötigen.

Ergänzendes zum Thema
Zur Person Prof. Dr. Stephan Becker

Nach seinem Postdoc am Institut für Virologie an der Philipps-Universität Marburg habilitierte Becker 2000 und war als Leiter der Hochsicherheits­labore tätig. Seit 2007 ist er zudem Direktor des Instituts für Virologie der Universität Marburg. 2010 erhielt er die Medaille „100 years of Virology“ der Russischen Akademie der Wissenschaften.

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