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Ältester Hinweis auf aufrechten Gang

Das Allgäu, die Wiege der Menschheit?

| Autor/ Redakteur: Dr. Karl Guido Rijkhoek, Antje Karbe* / Christian Lüttmann

Vor Millionen von Jahren lernten die Vorfahren der ersten Menschen den aufrechten Gang. Doch nicht in Afrika, sondern in Europa, wie neuste Funde vermuten lassen. So deuten Fossilien aus dem Allgäu darauf, dass schon vor zwölf Millionen Jahren eine bisher unbekannte Primatenart den aufrechten Gang beherrschte.

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Aus den Fossilien rekonstruierte das Team den Aufbau weiterer Knochen.
Aus den Fossilien rekonstruierte das Team den Aufbau weiterer Knochen.
(Bild: Christoph Jäckle)

Tübingen – Der aufrechte Gang und die gemeinsamen Vorfahren des Menschen und der Menschenaffen haben sich möglicherweise nicht in Afrika, sondern in Europa entwickelt. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forscherteam um Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen. Böhme hat in Süddeutschland Fossilien einer bislang unbekannten Primatenart entdeckt: Die versteinerten Überreste des Danuvius guggenmosi, der vor 11,62 Millionen Jahren lebte, lassen der aktuellen Studie zufolge den Schluss zu, dass er sich sowohl auf zwei Beinen als auch kletternd fortbewegen konnte. Die Fähigkeit, aufrecht zu gehen, gilt als zentrales Merkmal von Menschen.

Für die Wissenschaftler deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Menschenaffen bereits vor rund zwölf Millionen Jahren über die Fähigkeit verfügten, auf zwei Beinen zu gehen. Das wäre doppelt so alt wie bisher vermutet: Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia. „Die Funde aus Süddeutschland sind ein Meilenstein der Paläoanthropologie, denn sie stellen unsere bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage“, sagt Böhme.

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Der erste Zweibeiner

Seit Darwin wird die frühe Evolution des Menschen und seiner Cousins, der großen Menschenaffen, intensiv diskutiert. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Fähigkeit, sich auf zwei Beinen fortzubewegen. Entwickelte sich diese aus einer vierbeinigen Fortbewegung ähnlich der Meerkatzen oder bei Affen, die sich hangelnd fortbewegten wie Orang-Utans, oder ging sie aus dem so genannten Knöchelgang der Schimpansen und Gorillas hervor? Theorien sind in den vergangenen 150 Jahren zahlreiche aufgestellt worden, doch oft fehlten fossile Beweise.

Mit den zwischen 2015 und 2018 entdeckten Fossilien von Danuvius guggenmosi liegen nun Überreste vor, die den Forschern neue Einblicke in die Ursprünge der Menschheitsgeschichte gewähren. Böhme und ihr Team bargen aus der Tongrube „Hammerschmiede“ im Landkreis Ostallgäu mehr als 15.000 fossile Wirbeltierknochen.

Mehr Mensch als Menschenaffe

Der Lebensraum von Danuvius waren feuchte und bewaldete Ökosysteme, die vor etwa 12 Millionen Jahren in Süddeutschland vorherrschten. Die Fossilfunde ordnete das Team mindestens vier Individuen zu. Das am besten erhaltene Skelett eines männlichen Danuvius verfügt über Proportionen, die einem Bonobo ähneln.

Dank vollständig erhaltener Arm- und Beinknochen, Wirbel, Finger- und Zehenknochen ließ sich rekonstruieren, wie sich Danuvius zu Lebzeiten fortbewegte. „Zum ersten Mal konnten wir mehrere funktionell wichtige Gelenke ‒ darunter Ellbogen, Hüfte, Knie und Sprunggelenk ‒ in einem einzigen fossilen Skelett dieses Alters untersuchen“, sagt Böhme. „Zu unserem Erstaunen ähnelten einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschenaffen.“

Die Entwicklung der Zweibeinigkeit

Nach den Ergebnissen der Forscher konnte Danuvius auf zwei Beinen gehen, aber auch klettern wie ein Menschenaffe. „Danuvius kombinierte die von den hinteren Gliedmaßen dominierte Zweibeinigkeit mit dem von den vorderen Gliedmaßen dominierten Klettern“, erklärt Professor David Begun von der amerikanischen University of Toronto. Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass sich der aufrechte Gang des Menschen in Bäumen und vor über 12 Millionen Jahren entwickelte. Die Knochen lassen den Forschern zufolge auf mehrere Schlüsselmerkmale menschlicher Zweibeinigkeit schließen, wie zum Beispiel eine X-Stellung der Beine.

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So könnte der „Urmensch“ Danuvius guggenmosi ausgesehen haben

Die Fossilien zeigen, dass Danuvius etwa einen Meter groß war. Den Rumpf hielt er durch eine S-förmig gebogene Wirbelsäule aufrecht. Körperbau, Körperhaltung und Fortbewegungsweise seien für einen Primaten bislang einzigartig. Die Weibchen dürften nur rund 18 Kilogramm gewogen haben, weniger als die heutigen Menschenaffen. Das Männchen bewegte sich mit geschätzten 31 Kilogramm am unteren Ende des Gewichts heutiger Menschenaffen. Der Brustkorb war flach und breit und die Lendenwirbelsäule verlängert, wodurch Danuvius effektiv seinen Körperschwerpunkt über der gestreckten Hüfte und Knien halten konnte.

Gestützt werden diese Ergebnisse durch eine weitere Studie zu einem zehn Millionen Jahre alten Beckenknochen aus Ungarn. „Auch dieses Fossil deutet darauf hin, dass sich die europäischen Vorfahren der afrikanischen Menschenaffen und des Menschen von den heute lebenden Gorillas und Schimpansen unterschieden“, sagt Begun, der auch an der Erforschung des ungarischen Fossils beteiligt war. „Die Vorfahren, die wir mit den heute in Afrika lebenden Menschenaffen teilen, waren so einzigartig wie wir es heute sind.“ Ihr Körperbau gebe wichtige Hinweise darauf, von welchem Ausgangspunkt sich afrikanische Menschenaffen und Mensch auseinander entwickelten, so die Überzeugung der Forscher.

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Der Fundort – Ausgrabungen in der Grube „Hammerschmiede“

In der ehemaligen Ziegelei „Hammerschmiede“ entdeckte der (inzwischen verstorbene) Hobbyarchäologe Sigulf Guggenmos 1972 die ersten Fossilien – ihm zu Ehren trägt die neue Menschenaffenart den Namen Danuvius guggenmosi. Wissenschaftliche Grabungen führen die Universität Tübingen und das Senckenberg Center für Menschliche Evolution und Paläoumwelt unter Leitung von Prof. Dr. Madelaine Böhme seit 2011 durch. Seit 2017 werden die Grabungen im Rahmen eines Citizen Science Projekts von Ehrenamtlichen unterstützt. Rund 15.000 Fossilien von bisher 115 Wirbeltier-Arten konnten geborgen werden, darunter Fische, Riesensalamander, Schildkröten, Vögel, Elefanten und die weltweit ältesten Pandas. Vor fast 12 Millionen Jahren lebten sie hier in offenen Waldlandschaften, Flüssen und Tümpeln in einem warm-subtropischen Klima.

Originalpublikationen:

Madelaine Böhme, Nikolai Spassov, Jochen Fuss, Adrian Tröscher, Andrew S. Deane, Jérôme Prieto, Uwe Kirscher, Thomas Lechner & David R. Begun: A new Miocene ape and locomotion in the ancestor of great apes and humans, Nature 2019, DOI: https://doi.org/10.1038/s41586-019-1731-0

Carol V. Ward, Ashley S. Hammond, J. Michael Plavcan, David R. Begun: A late Miocene hominid partial pelvis from Hungary, Journal of Human Evolution. Volume 136, November 2019; DOI: 10.1016/j.jhevol.2019.102645

* Dr. K. G. Rijkhoek, A. Karbe, Eberhard Karls Universität Tübingen, 72074 Tübingen

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