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Übersichtsarbeit zu älteren Coronavirus-Stämmen Das Virus von der Türklinke – Lebensdauer von Coronaviren

| Autor / Redakteur: Meike Drießen* / Christian Lüttmann

Einmal unbedacht in die Hand geniest und an die Tür gepackt – schon ist die Klinke kontaminiert. Wie lange sich das neuartige Coronavirus auf Oberflächen hält, kann derzeit noch nicht mit Sicherheit gesagt werden. Aber Erkenntnisse zu anderen Viren der Corona-Familie erlauben eine Abschätzung. Dazu haben Forscher einen Übersichtsbeitrag mit 22 Studien zu länger bekannten Coronaviren zusammengestellt.

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Um zu testen, welche Flächendesinfektion wie gut gegen Coronaviren wirken, werden die Viren auf Stahlplättchen angetrocknet und dann behandelt.
Um zu testen, welche Flächendesinfektion wie gut gegen Coronaviren wirken, werden die Viren auf Stahlplättchen angetrocknet und dann behandelt.
(Bild: Toni Luise Meister und Stephanie Pfänder )

Bochum, Greifwald – Wie lange bleiben Coronaviren auf Oberflächen wie Türklinken oder Krankenhausnachttischen ansteckend? Und mit welchen Mitteln lassen sie sich wirksam abtöten? Für das neue SARS-CoV-2 fehlen der Wissenschaft noch Daten, um diese Fragen fundiert zu beantworten. Doch es gibt diverse Studien zu anderen Coronaviren wie dem SARS-assoziierten Coronavirus, das 2002/2003 eine Pandemie verursachte, oder dem MERS-CoV, welches 2012 entdeckt wurde.

Experten nehmen an, dass Ergebnisse aus den Untersuchungen über solche schon länger bekannten Coronavirus-Stämme auch auf das neuartige SARS CoV-2 übertragbar sind. „Es wurden unterschiedliche Coronaviren untersucht, und die Ergebnisse waren alle ähnlich“, sagt Prof. Dr. Eike Steinmann, Inhaber des Lehrstuhls für Molekulare und Medizinische Virologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB).

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Gemeinsam mit Prof. Dr. Günter Kampf vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Greifswald hatte Steinmann für ein geplantes Fachbuch bereits umfassende Erkenntnisse aus 22 Studien über Coronaviren und deren Inaktivierung zusammengestellt. „In der aktuellen Situation schien es uns das Beste, diese gesicherten wissenschaftlichen Fakten vorab zu veröffentlichen, um alle Informationen auf einen Blick zur Verfügung zu stellen“, sagt der Virologe.

So lange können Coronaviren auf der Türklinke aktiv bleiben

Das neuartige Coronavirus SARS CoV-2 verbreitet sich wie alle Tröpfcheninfektionen auch per Schmierinfektion über Hände und Oberflächen, die häufig angefasst werden. „Im Krankenhaus können das zum Beispiel Türklinken sein, aber auch Klingeln, Nachttische, Bettgestelle und andere Gegenstände im direkten Umfeld von Patienten, die oft aus Metall oder Kunststoff sind“, beschreibt Umweltmediziner Kampf. Wie lange sich Viren der Corona-Familie auf verschiedenen Oberflächen halten können, zeigen die Ergebnisse der zusammengetragenen Studien.

Demnach können MERS-Coronaviren bei Raumtemperatur 8 bis 48 Stunden auf Stahloberflächen infektiös bleiben. Für die Überlebensdauer von SARS-Coronaviren fanden die Wissenschaftler Werte von meist vier bis fünf Tagen, wenn Oberflächen aus Holz, Papier, Glas oder Plastik mit dem Virus kontaminiert waren. Die längste Überlebenszeit gab eine Studie für SARS-CoV auf Plastik an: Bis zu neun Tage überdauerten die Viren dort. Wie lange sich ein Virus im Einzelnen hält, hängt u.a. stark von den Witterungsverhältnissen ab. „Kälte und hohe Luftfeuchtigkeit steigern ihre Lebensdauer“, sagt Kampf.

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Wie schützt man sich vor einer Virusinfektion über Lebensmittel und importierte Produkte?

Obwohl eine Übertragung des Virus über kontaminierte Lebensmittel oder importierte Produkte unwahrscheinlich ist, sollten beim Umgang mit diesen die allgemeinen Regeln der Hygiene des Alltags wie regelmäßiges Händewaschen und die allgemeinen Hygieneregeln bei der Zubereitung von Lebensmitteln beachtet werden. Da die Viren hitzeempfindlich sind, kann das Infektionsrisiko durch das Erhitzen von Lebensmitteln zusätzlich weiter verringert werden.

Quelle: Bundesamt für Risikobewertung

Laut Bundesministerium für Gesundheit schätzen Experten bisher, dass das neuartige SARS-CoV-2 bis zu vier Stunden auf Kupferoberflächen, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu zwei oder drei Tage auf Edelstahl und Plastik ansteckend bleibt. Türklinken können damit zum Verbreitungspunkt für die Viren werden.

Wie effektiv Desinfektionsmittel wirken

Eine Ansteckung über kontaminierte Oberflächen bedeutet für das Virus einen größeren Umweg als bei einer Tröpfcheninfektion. Es muss vom Infizierten auf eine Oberfläche, von dort auf die Hand eines anderen Menschen und dann noch zu den Mund- oder Nasenschleimhäuten dieses Menschen gelangen, etwa wenn man sich an den entsprechenden Stellen ins Gesicht fasst. Dennoch kann es durch die so genannte Schmierinfektion passieren, dass man sich mit dem neuartigen Coronavirus ansteckt.

Um der Gefahr einer Schmierinfektion vorzubeugen, betonen Experten daher immer wieder, wie wichtig eine gründliche Handhygiene gerade jetzt ist. Denn wenn man die Viren mit reichlich Wasser und Seife von den Händen gewaschen hat, ehe man andere Oberflächen oder sein Gesicht berührt, verhindert man die Weiterverbreitung bzw. Infektion mit ihnen.

Auch Desinfektionsmittel können eine wirksame Maßnahme gegen die Coronaviren sein, etwa wenn regelmäßig Türgriffe damit behandelt werden. Laut Steinmann und Kampf sind besonders Mittel auf Basis von Ethanol, Wasserstoffperoxid oder Natriumhypochlorit gut wirksam gegen Coronaviren. So verringerte etwa eine 80%ige Ethanol-Lösung nach 30 Sekunden Anwendung die Viruskonzentration von MERS-CoV und anderen Coronaviren um den Faktor 10.000 – zum Beispiel von einer Million krankmachenden Partikeln auf nur noch 100.

Wenn Präparate auf anderer Wirkstoffbasis verwendet werden, sollte für das Produkt mindestens eine Wirksamkeit gegenüber behüllten Viren nachgewiesen sein („begrenzt viruzid“). „In der Regel genügt das, um die Gefahr einer Ansteckung deutlich zu reduzieren“, meint Umweltmediziner Kampf.

Den größten Erfolg verspricht aber das derzeit in Deutschland verordnete „Social Distancing“, also das Meiden von Nähe zu anderen Menschen. Und im Gegensatz zu vermehrtem Händewaschen und dem Einsatz von Desinfektionsmittel schont diese Maßnahme die natürlichen, nützlichen Biofilme unserer Haut.

Originalpublikation:

Günter Kampf, Daniel Todt, Stephanie Pfaender, Eike Steinmann:

Persistence of coronaviruses on inanimate surfaces and its inactivation with biocidal agents, Journal of Hospital Infection, Volume 104, Issue 3, March 2020, Pages 246-251, DOI: 10.1016/j.jhin.2020.01.022

* M. Drießen, Ruhr-Universität Bochum, 44801 Bochum

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