English China

Coronaviren auf Scheinen und Münzen Die Infektion aus der Supermarkt-Kasse – wie ansteckend ist Bargeld?

Redakteur: Christian Lüttmann

Geld haben will jeder – doch nach Möglichkeit nicht anfassen. Manch einer hat Bedenken, sich über das Bargeld leichter mit Corona zu infizieren. Doch gibt es überhaupt ein nennenswertes Ansteckungsrisiko beim Geldwechsel an der Supermarkt-Kasse? Das haben Forscher der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag der Europäischen Zentralbank untersucht.

Firmen zum Thema

Welche Infektionsgefahr für SARS-CoV-2 geht von Bargeld aus? RUB-Forscher haben das im Experiment untersucht.
Welche Infektionsgefahr für SARS-CoV-2 geht von Bargeld aus? RUB-Forscher haben das im Experiment untersucht.
(Bild: RUB, Marquard)

Bochum – „Bitte nach Möglichkeit bargeldlos zahlen.“ Diese Aufforderung findet sich seit Beginn der Corona-Pandemie vermehrt an den Kassen im Supermarkt oder im Restaurant. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: das kontaktlose Bezahlen per „Karte auflegen“ soll die Ausbreitung des Coronavirus erschweren. Doch ist diese Maßnahme überhaupt nötig? Experten der Europäischen Zentralbank haben in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Medizinische und Molekulare Virologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in einer Studie geklärt, welches Infektionsrisiko tatsächlich von Bargeld ausgeht.

So lange bleiben Viren auf Scheinen und Münzen

Um herauszufinden, wie lange sich das Coronavirus auf Münzen und Banknoten hält, behandelten die Forscher verschiedene Euromünzen und -scheine mit unterschiedlich hoch konzentrierten Viruslösungen und beobachteten über mehrere Tage, wie lange noch infektiöse Viren nachweisbar waren. Als Vergleich diente jeweils eine Edelstahloberfläche.

Die Ergebnisse sprechen für ein vergleichsweise geringes Ansteckungsrisiko: Während auf der Edelstahloberfläche – wie sie bei vielen Türklinken vorliegt – noch nach sieben Tagen infektiöse Viren vorhanden waren, waren sie vom 10-Cent-Stück nach sechs Stunden komplett verschwunden; vom 5-Cent-Stück sogar schon nach nur einer Stunde. „Dass es beim 5-Cent-Stück schneller geht, liegt daran, dass es aus Kupfer besteht, worauf Viren bekanntermaßen weniger stabil sind“, erklärt Dr. Daniel Todt, einer der Studienleiter von der RUB. Auf anderen Geldstücken dauerte es allerdings doch länger, bis die infektiösen Viren vollständig verschwunden waren: drei Tage auf 10-Euro-Scheinen und zwei Tage auf der 1-Euro-Münze. Doch die Verbleibdauer allein sagt noch nichts über die Infektionsgefahr aus. Dazu muss geprüft werden, ob die Viren überhaupt von der Münze auf die Finger des Menschen übergehen, wenn dieser sein Wechselgeld entgegennimmt.

Wie hoch ist das Infektionsrisiko über Bargeld wirklich?

Das Forschungsteam entwickelte deshalb eine eigene Methode, um zu untersuchen, wie gut das Virus von einer Oberfläche auf die Fingerspitze übertragen wird. Sie benetzten die Geldscheine, Münzen sowie kredtikartenähnliche PVC-Platten mit ungefährlichen Coronaviren, aber auch unter Hochsicherheitsbedingungen mit dem seit Ende 2019 bekannten SARS-CoV-2. Diese Oberflächen wurden dann – noch feucht oder bereits getrocknet – von Probanden mit den Fingerspitzen berührt. Im Fall der mit SARS-CoV-2 behandelten Geldstücke nutzten die Forscher stattdessen künstliche Haut anstelle eines Probanden. Danach wurden Zellkulturen mit den an den Fingerspitzen haftenden Viren angeimpft. Diese und die künstliche Haut untersuchten die Forscher darauf, wie viele infektiöse Viruspartikel übertragen worden waren.

„Wir haben gesehen, dass schon nachdem die Flüssigkeit angetrocknet war, praktisch keine Übertragung infektiöser Viren mehr stattfindet“, fasst Todt zusammen. „Unter realistischen Bedingungen ist eine Ansteckung mit SARS-CoV-2 an Bargeld sehr unwahrscheinlich.“

Die meisten stecken sich über Aerosole oder Tröpfchen an

Die Beobachtung der RUB-Forscher deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien, wonach die Ansteckung in den allermeisten Fällen über Aerosole oder Tröpfchen erfolgt. Schmierinfektionen über Oberflächen kommen so gut wie nicht vor.

Die aktuelle Studie wurde neben der Wildtyp-Variante auch mit der Alpha-Variante von SARS-CoV-2 durchgeführt. „Wir gehen davon aus, dass sich auch andere Varianten wie die zurzeit vorherrschende Delta-Variante ähnlich verhalten“, sagt der RUB-Professor Dr. Eike Steinmann, der mit Todt die Studie geleitet hat. Die Haltbarkeit der bisher untersuchten Virusvarianten habe sich zumindest nicht von der des ursprünglichen Virus unterschieden.

Originalpublikation: Daniel Todt et al.: A realistic touch-transfer method reveals low risk of transmission of SARS-CoV-2 by contaminated euro coins and banknotes, iScience, 2021, DOI: 10.1016/j.isci.2021.102908

(ID:47547040)