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Lebensmitteldaten als Handelsware

Digitales Geschäft mit unserem Essen?

| Redakteur: Christian Lüttmann

Die Lebensmittelindustrie versorgt uns nicht nur mit Tonnen von Köstlichkeiten – sie produziert dabei auch gewaltige Datenmengen. Von der Qualität der Rohware, über die saisonale Verfügbarkeit der Zutaten bis zur aktuellen Marktnachfrage. Ein Projekt mehrerer Forschungsinstitute und Industriepartner will nun aus diesen Datenströmen eine zusätzliche Einnahmequelle für Erzeuger und Hersteller schaffen.

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Professor Wolfgang Maaß von der Universität Saarland will dazu beitragen, dass Bauern und Lebensmittelhersteller besten Nutzen aus ihren Produktionsdaten ziehen.
Professor Wolfgang Maaß von der Universität Saarland will dazu beitragen, dass Bauern und Lebensmittelhersteller besten Nutzen aus ihren Produktionsdaten ziehen.
(Bild: Oliver Dietze)

Saarbrücken – Wie viele Kakaobohnen ernten Bauern wann und wo? Wie steht es um die Qualität der Bohnen? Und welche Sorten ergaben besonders gute Schokolade? In der Lebensmittel-Produktion fallen massenhaft Daten an. Auf dem Feld, beim Transport und in den Fabrikhallen zählen, messen und sammeln Maschinen und Anlagen alle möglichen Werte. Analysen liefern eine Fülle von Informationen, Codes aus Zahlen und Buchstaben geben Auskunft über Rohstoff, Herkunft, Zuliefererketten, Qualitätskontrolle und Nachfrage. Diese für sich betrachtet wenig spektakulären Daten nutzen bisher nur der Bauer, der Lieferant und der Fabrikant vor Ort: jeder allein für sich, um jeweils seinen kleinen Teil der Kette im Auge zu behalten.

Aber auch für andere sind solche Daten aufschlussreich, erst recht, wenn die Informationen verknüpft werden. Weiß z.B. der Hersteller edler Schokolade früh über Qualität und Umfang der Kakao-Ernte Bescheid, kann er seinen Einkauf besser planen – etwa wenn Bohnen bestimmter Güte absehbar knapp werden. Auch Finanzfachleute würden profitieren und könnten früh und fundierter Preisentwicklungen für Rohstoffe voraussagen. Solches Wissen ist bare Münze wert.

Den Wert der Lebensmitteldaten nutzen

„Auf den internationalen Waren- und Rohstoffmärkten werden täglich Milliarden bewegt. Entsprechend hoch ist der Wert solcher Insider-Informationen“, sagt Wolfgang Maaß, Wirtschaftsinformatik-Professor der Universität des Saarlandes und wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Gemeinsam mit Partnern aus Forschung und Industrie will er aus ohnehin vorhandenen digitalen Daten mehr machen als nur Mittel zum technischen Zweck. „Landwirtschaft und Weiterverarbeitung sind heute stark technisiert und digitalisiert. Bauern und Hersteller ziehen aber keinen Nutzen aus ihren Daten. Wir wollen den Lebensmittel-Daten zu einem eigenständigen Wert verhelfen, sie zu einem handelbaren Wirtschaftsgut machen“, führt Maaß aus. „Wenn wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie als Datenprodukte gehandelt werden können, werden sie zu einer zusätzlichen Erlösquelle für diejenigen, die ihre Daten zur Verfügung stellen.“

Und das soll sich für alle Seiten lohnen. „Solche Daten machen exakte geographische, ökologische und ökonomische Analysen möglich, etwa zu Qualitäten und Produktionsparametern. Auf diese Weise können zum Beispiel der Ausschuss verringert, der Rohstoff-Einsatz optimiert und Ressourcen geschont werden“, erläutert Sabine Janzen, Forscherin aus dem Team von Maaß. Es werde so auch möglich, Marktpotenziale genauer zu ergründen und Markthemmnisse und -barrieren früh sichtbar zu machen.

Ergänzendes zum Thema
Das Projekt Everest: Förderer und Mitwirkende

Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt das Evarest-Projekt über das Technologieprogramm „Smarte Datenwirtschaft“ mit insgesamt rund 2,3 Millionen Euro; rund eine Million Euro davon fließt ins Saarland.

Bei dem Projekt arbeiten das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DFKI und die Universität des Saarlandes zusammen mit der Software AG, dem Cispa-Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit, dem Forschungsinstitut für Rationalisierung an der RWTH Aachen, der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft AMI sowie dem Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli AG. Als assoziierter Partner unterstützt die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) die Verbreitung der Projektergebnisse.

Weitere Information zum Projekt finden Sie auf: www.evarest.de.

Der Lebensmittelhersteller behält die Datenhoheit

Die Forscher arbeiten jetzt an einer Plattform, auf der alle Daten zusammenlaufen. Mithilfe Künstlicher Intelligenz, Methoden maschinellen Lernens und Informations- und Kommunikations-Technologien sollen die Daten automatisiert so verarbeitet und aufbereitet werden, dass sie effektiv vielfältige Einblicke ermöglichen. Die Wissenschaftler entwickeln Datenprodukte, die auf der Plattform zum Kauf angeboten werden sollen. „Die Plattform wird technisch so gebaut, dass der Lebensmittelhersteller die Hoheit über seine Daten in der Hand behält und völlig frei entscheiden kann, welche Daten er über die globale Plattform Dritten zum Kauf anbietet und welche er nicht herausgibt“, sagt Janzen.

Die Forscher analysieren auch, welche Preise angemessen sind und stellen sicher, dass die Angebote und ihre Übermittlung rechtssicher und verlässlich sind. Hieran beteiligt ist IT-Sicherheitsexperte Professor Christoph Sorge, Inhaber der juris-Stiftungsprofessur für Rechtsinformatik der Universität des Saarlandes und Forscher am CISPA-Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit.

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