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Konvergente Evolution Flügel, Flossen, Giftstacheln – Wiederkehrende Muster in der Evolution finden

Von Gunnar Bartsch*

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Kolibris und Fledermäuse haben Flügel, sind jedoch nicht miteinander verwandt. Dies ist nur eines von zahllosen Beispielen, wie die Evolution auf völlig unterschiedlichen Wegen zu einem sehr ähnlichen Ergebnis kam. Das Aufspüren solcher konvergenter Evolution soll nun dank einer neuen Methode erheblich leichter werden, die an der Uni Würzburg und der University of Colorado in den USA entwickelt wurde.

Beispiele für phänotypische Innovationen im gesamten eukaryotischen Lebensbaum, auf die ein neu entwickelter Ansatz zum Aufspüren konvergenter Evolution angewendet werden kann.
Beispiele für phänotypische Innovationen im gesamten eukaryotischen Lebensbaum, auf die ein neu entwickelter Ansatz zum Aufspüren konvergenter Evolution angewendet werden kann.
(Bild: Kenji Fukushima)

Mit seinen mächtigen Grabschaufeln kann sich der europäische Maulwurf problemlos durch das Erdreich wühlen. Gleiches gilt für den in Australien lebenden Beutelmull. Obwohl die beiden Tierarten weit voneinander entfernt leben, haben sie doch im Laufe der Evolution ähnliche Organe entwickelt – in ihrem Fall für das Graben im Erdboden ideal angepasste Extremitäten.

Von „konvergenter Evolution“ spricht die Wissenschaft in solchen Fällen, wenn Tier-, aber auch Pflanzenarten unabhängig voneinander Merkmale entwickeln, die die gleiche Gestalt und Funktion haben. Beispiele gibt es dafür viele: So besitzen Fische Flossen, genauso wie Wale, die allerdings zu den Säugetieren zählen. Vögel und Fledermäuse verfügen über Flügel, und wenn es darum geht, sich mithilfe giftiger Substanzen gegen Angreifer zu wehren, haben viele Lebewesen – von Quallen über Skorpione bis zu Insekten – alle das gleiche Instrument entwickelt: den Giftstachel.

Ansammlungen von neutralen Mutationen

Wissenschaftler weltweit interessieren sich dafür, welche Veränderungen im Erbgut der jeweiligen Arten dafür verantwortlich sind, dass sich bei ihnen identische Merkmale entwickeln konnten, obwohl unter ihnen keine verwandtschaftlichen Beziehungen bestehen. „Solche Merkmale – wir sprechen von Phänotypen – sind natürlich immer in Genomsequenzen kodiert“, sagt der Pflanzenphysiologe Dr. Kenji Fukushima von der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg. Mutationen – also Veränderungen im Erbgut – können die Auslöser für die Entwicklung neuer Merkmale sein.

Allerdings führen genetische Veränderungen selten zu einer phänotypischen Evolution, da die zugrunde liegenden Mutationen weitgehend zufällig und neutral sind. Somit sammeln sich in der extremen Zeitskala, in der sich evolutionäre Prozesse vollziehen, eine gewaltige Menge an Mutationen an, was die Entdeckung phänotypisch wichtiger Veränderungen äußerst schwierig macht.

Die entscheidende DNA-Veränderung erkennen

Jetzt ist es Fukushima gemeinsam mit seinem Kollegen David D. Pollock von der University of Colorado (USA) gelungen, eine Methode zu entwickeln, die bei der Suche nach den genetischen Grundlagen phänotypischer Merkmale deutlich bessere Ergebnisse erzielt als die bislang verwendeten Methoden. „Wir haben eine neuartige Metrik der molekularen Evolution entwickelt, mit der sich die Rate der konvergenten Evolution in proteinkodierenden DNA-Sequenzen genau darstellen lässt“, sagt Fukushima.

Diese neue Methode könne auf einer evolutionären Zeitskala von Hunderten von Millionen Jahren aufzeigen, welche genetischen Veränderungen mit den Phänotypen von Organismen verbunden sind. Damit biete sie die Möglichkeit, das Verständnis dafür zu erweitern, wie Veränderungen in der DNA zu phänotypischen Innovationen führen, die eine große Artenvielfalt hervorbringen.

Entscheidend für den Fortschritt in Fukushimas und Pollocks Arbeit war die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Genomsequenzen vieler Lebewesen quer durch die Artenvielfalt entschlüsselt und damit einer Analyse zugänglich gemacht wurden. „Damit wurde es möglich, auf einer makroevolutionären Ebene die Zusammenhänge von Geno- und Phänotypen in großem Maßstab zu untersuchen“, sagt der Pflanzenphysiologe.

Zusammenhänge über Millionen von Jahren

Da viele molekulare Veränderungen im Erbgut nahezu neutral seien und sich nicht auf irgendwelche Merkmale auswirken, bestehe bei der Interpretation der Daten laut den Forschern häufig die Gefahr einer „falsch-positiven Konvergenz“ – soll heißen: Das Ergebnis sagt einen Zusammenhang zwischen einer Mutation und einem bestimmten Merkmal voraus, der in Wirklichkeit jedoch nicht existiert. Darüber hinaus könnten auch methodische Verzerrungen für solche falsch-positiven Konvergenzen verantwortlich sein.

„Um dieses Problem zu überwinden, haben wir den Rahmen erweitert und eine neue Metrik entwickelt, die die fehlerbereinigte Konvergenzrate der Proteinevolution misst“, erklärt Fukushima. Damit sei es möglich, die natürliche Selektion von genetischem Rauschen und phylogenetischen Fehlern in Simulationen und realen Beispielen zu unterscheiden. Erweitert um einen heuristischen Algorithmus ermögliche dieser Ansatz die bidirektionale Suche nach Genotyp-Phänotyp-Assoziationen, selbst in Linien, die sich über Hunderte von Millionen Jahren auseinanderentwickelt haben.

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Wie gut die von ihnen entwickelte Metrik funktioniert, haben die beiden Wissenschaftler anhand von über 20 Millionen Zweigkombinationen bei Wirbeltiergenen untersucht. In einem nächsten Schritt wollen sie diese Methode auf fleischfressende Pflanzen anwenden. Ziel ist es, die genetischen Grundlagen zu entziffern, die dafür mitverantwortlich sind, dass diese Pflanzen Beute anlocken, fangen und verdauen können. (clu)

Originalpublikation: Kenji Fukushima & David D. Pollock: Detecting macroevolutionary genotype– phenotype associations using error- corrected rates of protein convergence., Nature Ecology & Evolution volume 7, pages 155–170 (2023); DOI: 10.1038/s41559-022-01932-7

* G. Bartsch, Julius-Maximilians- Universität Würzburg, 97070 Würzburg

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