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Gefahrstoffmanagement

Gefahrstoff-Experte Dr. Hans-Albert Beul im Interview

| Redakteur: Matthias Back

Dr. Hans-Albert Beul ist Gründer der Prosisoft GmbH und ein Experte auf dem Gebiet der integrierten Softwarelösungen auf Basis von Microsoft Dynamics NAV. In ein Interview erklärt Beul warum sich Unternehmen beim Gefahrstoffmanagement nicht auf Stift und Papier verlassen sollten, warum der Gesetzgeber die „Kommunikation in der Lieferkette“ verlangt und warum manchmal sogar rote und schwarze Karotten mit einem ERP-System verwaltet werden.

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Gefahrstoffexperte Dr. Hans-Albert Beul über die Vorteile von ERP-System orientierten Lösungen beim Gefahrstoffmanagement.
Gefahrstoffexperte Dr. Hans-Albert Beul über die Vorteile von ERP-System orientierten Lösungen beim Gefahrstoffmanagement.
(Bild: Tectura)

Im ersten Teil des Interviews erläutet Dr. Hans-Albert Beul die Unterschiede zwischen dem Gefahrstoffmanagement damals und heute.

PROCESS: Herr Dr. Beul, warum braucht man ein „System für das Gefahrstoffmanagement“?

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Dr. Hans-Albert Beul: So Ende 80er Jahre hat man begonnen über Möglichkeiten nachzudenken, Stoffe, Rohstoffe, Zwischenfabrikate und Produkte so zu beschreiben, dass in einer strukturierten Form die Informationen dargestellt werden und möglichst rasch dem Leser einen Eindruck geben sollten, was mit dem Stoff los ist. Aus diesen Überlegungen entstand dann das EU-Sicherheitsdatenblatt, das in 16 Kapiteln zu unterschiedlichen Bereichen Auskunft über den Stoff geben soll. Somit war das SDB ein Kommunikationsmedium, das es einem Lieferanten ermöglichte, seinen Kunden folgende Informationen mitzuteilen: Wie gefährlich ist das Produkt? Was muss ich beim Umgang beachten? Wie muss oder darf ich es lagern? Wie ist das Produkt gegebenenfalls zu entsorgen? Wie muss ich einen Transport kennzeichnen, damit im Falle eines Problems – beispielsweise bei einem Unfall – die Helfer rasch wissen, auf was sie zu achten haben?

PROCESS: Dann könnte es doch ausreichen, das auf ein Blatt Papier zu schreiben und mitzuschicken?

Beul: Das würde natürlich auch gehen. Und in der Tat, es gibt nicht wenige Firmen, die ihre SDBs noch auf diese Art und Weise erstellen, zwar in der vorgegebenen Form, also in 16 Kapitel, vielleicht noch die üblichen Daten wie Symbole, R-Sätze und Sicherheitsratschläge, mittlerweile auch die entsprechenden GHS-Kennzeichnungselemente, in der veröffentlichten Diktion schreiben, sich ansonsten aber Texte ausdenken. Erschwerend hinzu käme dann noch der Aufwand, jedes Dokument je nach Land, in das ein Produkt geliefert wird, in die entsprechende Amtssprache zu übersetzen. Außerdem müssen gegebenenfalls noch regionale inhaltliche Besonderheiten berücksichtigt werden, z.B. nationale Arbeitsplatzgrenzwerte. Bei einer größeren Zahl von Produkten, insbesondere wenn es sich um Gemische handelt, gerät diese Methode schnell an ihre Grenzen.

PROCESS: Welche Möglichkeiten, dies anders oder gar besser zu machen, gibt es?

Beul: Nachdem Ende der 80er die ersten Systeme auf den Markt kamen, musste natürlich darüber nachgedacht werden, neben dem Erfassen von Messwerten, Grenzwerten etc. auch Textaussagen zu vereinheitlichen, auch vor dem Hintergrund der raschen Wiedererkennbarkeit und Vereinheitlichung der Aussagen. So wurden erste Phrasenkataloge entwickelt, als Sammlungen von Textbausteinen, die den Erfassungsfeldern hinterlegt werden und mittels der Softwaresysteme zugeordnet werden können. Sind diese Textbausteine mit einem eindeutigen Schlüssel versehen, ist bei Vorhandensein der Übersetzungen ein Sprachwechsel leicht möglich. So sind in diesen Anfangsjahren in zwei großen international agierenden Chemiefirmen parallel zwei Kataloge entstanden. Parallel dazu hatte der BDI begonnen, durch entsprechende Vorgaben eine Ordnung und Systematik in die Kataloge zu bekommen. Durch Zuordnung des sog. BDI-Schlüssels sollte dann jeder Software-Entwickler oder auch die Firmen selbst in der Lage sein, richtige Zuordnungen zu treffen. Das hatte auch einige Jahre einigermaßen funktioniert.

PROCESS: Ich entnehme Ihren Worten, dass das heutzutage wohl nicht mehr so optimal funktioniert?

Beul: Ihr Eindruck ist richtig, oder besser stimmt mit meiner Erfahrung überein. Durch die Verbreitung der Phrasen bei Kunden und in Softwaresystemen gab es eine Menge individueller Weiterentwicklungen, sodass die Bestände auseinanderdrifteten und eine ordnende Institution sich nicht konsequent genug durchsetzen konnte. Aber aktuell wird dieser Weg wieder aufgenommen. Es gibt eine Arbeitsgruppe beim BDI bzw. dem europäischen Dachverband Business Europe, die einen einheitlichen Phrasenbestand mit einheitlichen allgemeingültigen Schlüsseln veröffentlicht und weiterpflegt, den Europäischen Phrasenkatalog, kurz: EuPhraC. Seit kurzem gibt es dazu auch ein Schwarzes Brett (Bulletin board) über das Verbesserungen und neue Vorschläge eingereicht und diskutiert werden können, natürlich auch von Softwareanbietern.

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