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Genetische Weichen zur Fettleibigkeit – gestellt vor über 12,5 Millionen Jahren Hatten schon unsere Vorfahren einen „süßen Zahn“?

Autor / Redakteur: Janna Eberhardt * / Christian Lüttmann

Unsere Lust auf Süßes ist vielleicht älter als gedacht. So fanden Forscher aus Tübingen und Dresden Karies an 12,5 Millionen Jahre alten Zähnen eines Menschenaffen. Ihre Forschung zeigt nun, dass unserem frühen Vorfahren vermutlich viel zuckerhaltige Nahrung zur Verfügung stand. Eine Mutation sorgte wohl dafür, dass dieser Zucker vor allem als Körperfett gespeichert wurde. Was damals ein Überlebensvorteil war, macht heute manchem Menschen das Leben wortwörtlich schwer.

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Potenzielle zuckerhaltige Nahrungspflanzen des 12,5 Millionen Jahre alten Dryopithecus carinthiacus: Der Erdbeerbaum (Bild), aber auch Maulbeere, Wein, Vogel-Kirsche, Schlehe, Hickorynuss, Esskastanie, Zitrus und Ölweide.
Potenzielle zuckerhaltige Nahrungspflanzen des 12,5 Millionen Jahre alten Dryopithecus carinthiacus: Der Erdbeerbaum (Bild), aber auch Maulbeere, Wein, Vogel-Kirsche, Schlehe, Hickorynuss, Esskastanie, Zitrus und Ölweide.
(Bild: Pixabay/lilianecaliste, gemeinfrei / CC0 )

Dresden, Tübingen – Diabetes, Bluthochdruck, Fettleibigkeit und Gicht sind Krankheiten, welche nicht nur jährlich laut der Weltgesundheitsorganisation WHO Millionen von Menschenleben fordern, sondern auch bei unseren nächsten lebenden Verwandten Orang-Utan, Gorilla und Schimpansen auftreten. Seit etwa zehn Jahren vermuten Wissenschaftler, dass die menschliche Veranlagung für diese Zivilisationskrankheiten in der gemeinsamen Evolutionsgeschichte von Mensch und Menschenaffen begründet sei.

Fehlendes Enzym führt zu Fettanreicherung

Die Wurzel heutiger Zivilisationskrankheiten liegt möglicherweise in einer genetischen Mutation bei unseren Vorfahren vor etlichen Millionen von Jahren, verbunden mit hohem Zuckerkonsum und der Anlage größerer Fettreserven. Denn im Gegensatz zu anderen Affen fehlt unseren Verwandten und uns Menschen das Enzym Uricase im Stoffwechsel. Dadurch kommt es zur Anreicherung von Harnsäure im Blut und in der Folge auch zur Anreicherung von Körperfett.

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Fruchtzucker (Fruktose) ist, im Gegensatz zum Traubenzucker (Glukose), in der Lage, diese Effekte zusätzlich zu verstärken. Gemäß der Uricase-Theorie trat die genetische Mutation, die zum Verlust der Uricase führte, bei den letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Menschen vor 15 Millionen Jahren in Europa auf.

12,5 Millionen Jahre alte Karies

Tübinger und Dresdener Forscher haben nun erstmals einen paläontologischen Beleg für diese Theorie entdeckt. An 12,5 Millionen Jahre alten Zähnen des Dryopithecus carinthiacus, des ältesten Vertreters der afrikanischen Menschenaffen und des Menschen, fand das Forscherteam Zahnkaries im fortgeschrittenen Stadium. „Dieser Befund war für uns sehr überraschend, da das Entstehen des Krankheitsbildes Karies bisher stets mit der Erfindung des Ackerbaus – der Neolithischen Revolution – vor etwa zehntausend Jahren in Zusammenhang gebracht wurde. Seit dieser Zeit wurde mehr gekochte Stärke verzehrt“, erklärt Prof. Madelaine Böhme von der Universität Tübingen, die Leiterin der Studie.

Eine umfangreiche vergleichende Untersuchung des Zahnstatus von 365 Schimpansen aus der freien Wildbahn von Liberia in Westafrika erbrachte, dass nur 0,17 Prozent von deren Zähnen kariös waren. „Die beobachtete Karies bei den Schimpansen ist zudem deutlich schwächer ausgeprägt als beim fossilen Menschenaffen“, ergänzt Böhmes Mitarbeiter Jochen Fuß.

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