English China

Fortpflanzungsstrategie bei Pflanzen Makabere Täuschung: Pflanze lockt mit Duft toter Käfer

Redakteur: Christian Lüttmann

Sargfliegen lieben den Geruch toter Insekten, denn dort legen sie ihre Eier ab. Diese Schwäche nutzt eine Pflanzenart aus, und lockt die Fliegen mit einer speziell komponierten Duftnote. Statt des ersehnten Brutplatzes finden diese aber nur ein Gefängnis vor. Für ihre Freilassung müssen sie zunächst eine Aufgabe erfüllen…

Firmen zum Thema

Die Sargfliege Megaselia wird vom Duft toter Käfer angelockt (Symbolbild)
Die Sargfliege Megaselia wird vom Duft toter Käfer angelockt (Symbolbild)
(Bild: Megaselia sp mauritiu / Collage: Russell Cox, Prettysleepy (Pixabay) / CC BY-SA 2.0)

Dresden – Pflanzen nutzen ausgeklügelte Mechanismen für ihre Bestäubung: Sie kleben ihre Pollenpakete auf Bienen und Hummeln, geben Pollen ins Seewasser ab oder lassen den Wind die Arbeit übernehmen. Nun haben Botaniker ein besonders ausgeklügeltes System unter Pflanzen der so genannten Pfeifenwinden entdeckt, welches auf Lug und Trug basiert. Die Blüten der in Griechenland vorkommenden Aristolochia microstoma verströmen einen faulig-muffigen Geruch, der den Geruch von verwesenden Insekten zu imitieren scheint. Dieser zieht so genannte Sargfliegen der Gattung Megaselia wie magisch an, die ihre Eier in Insektenleichen ablegen.

Die Pfeifenwinden-Art A. microstoma hat unauffällige bräunliche Blüten, die horizontal, teilweise vergraben oder nahe am Boden unter Laubstreu oder Steinen liegen. Die Blüten verströmen einen unangenehmen, aasähnlichen Geruch, um Bestäuber anzulocken und gefangen zu halten.
Die Pfeifenwinden-Art A. microstoma hat unauffällige bräunliche Blüten, die horizontal, teilweise vergraben oder nahe am Boden unter Laubstreu oder Steinen liegen. Die Blüten verströmen einen unangenehmen, aasähnlichen Geruch, um Bestäuber anzulocken und gefangen zu halten.
(Bild: Thomas Rupp et al.)

Wenn eine Sargfliege aber in die Blüte der Pfeifenwinde eindringt, wird sie von Haaren nach unten zu einer kleinen Kammer geleitet, in der sich die Geschlechtsorgane der Pflanze befinden. Dort gefangen, deponieren die Fliegen mitgebrachten Pollen auf den weiblichen Organen. Erst wenn die Haare, die den Eingang zur Kammer blockieren, verwelken, können die Bestäuber entkommen – und ein neuer Zyklus kann beginnen.

Trügerische Bestäubungsstrategie

Dass manche Kesselpflanzen ihre bestäubenden Insekten so lange einsperren, bis diese ihre Arbeit erledigt haben, ist in der Botanik ein bekanntes Phänomen. Aber die Pfeifenwinde ist ein besonderer Fall, wie ein internationales Team unter Beteiligung des Instituts für Botanik der Technischen Universität Dresden nun nachgewiesen hat. „Hier zeigen wir, dass die Blüten von A. microstoma eine ungewöhnliche Mischung von flüchtigen Stoffen emittieren, die Alkylpyrazine enthält. Das ist eine Substanzklasse, die sonst nur selten von blühenden Pflanzen produziert wird,“ erklärt Prof. Stefan Dötterl, Leiter der Arbeitsgruppe Pflanzenökologie und des Botanischen Gartens an der Paris-Lodron-Universität im österreichischen Salzburg. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass dies der erste bekannte Fall einer Blume ist, die Bestäuber austrickst, indem sie eher nach toten und verrottenden Insekten als nach Wirbeltier-Aas riecht.“

„Toter Käfer“ statt „Verwesendes Fleisch“ – die etwas andere Duftnote

Etwa vier bis sechs Prozent der blühenden Pflanzen vermehren sich auf diese trickreiche Art: Sie nutzen Geruch, Farbe und Berührung, um Bestäubern eine Belohnung vorzutäuschen, z. B. Nektar, Pollen oder Paarungs- und Brutplätze. Diese Täuschung funktioniert aber nur, wenn die Bestäuber kaum zwischen echter Belohnung und Nachahmung unterscheiden können. Im Laufe der Evolution haben einige Pflanzen ihr falsches Spiel also bis zur Perfektion optimiert. Täuschende Bestäubung ist typisch für viele Orchideen, hat sich aber auch unabhängig davon in anderen Pflanzen wie eben den Pfeifenwinden der Gattung Aristolochia entwickelt.

„Von vielen Aristolochia-Arten ist bekannt, dass sie Fliegen mit Blütendüften anlocken, indem sie zum Beispiel den Geruch von Aas oder Fäkalien von Säugetieren, verrottenden Pflanzen oder Pilzen imitieren“, sagt Erstautor Thomas Rupp, Doktorand an der Uni Salzburg. „Aber unsere Neugierde wurde durch A. microstoma geweckt, eine Art, die nur aus Griechenland bekannt ist: Im Gegensatz zu anderen Aristolochia-Arten mit ihren auffälligen Blüten hat A. microstoma unauffällige bräunliche Blüten, die horizontal, teilweise vergraben oder nahe am Boden unter Laubstreu oder Steinen liegen.“ Auffällig ist hingegen der Geruch, den die Blüten verströmen. Die Forscher wiesen in der Duftmischung das Molekül 2,5-Dimethylpyrazin nach. Das komme weder in Wirbeltierkadavern noch in Fäkalien vor, wohl aber in toten Käfern. Damit ist es ideal, um gezielt die Sargfliegen zur Bestäubung anzulocken. Auch Menschen riechen den eigens für die Sargfliegen zusammengestellten, aasähnlichen Geruch – wobei sie davon wohl eher abgeschreckt als angezogen werden.

Originalpublikation: Rupp Thomas, Oelschlägel Birgit, Rabitsch Katharina, Mahfoud Hafez, Wenke Torsten, Disney R. Henry L., Neinhuis Christoph, Wanke Stefan, Dötterl Stefan: Flowers of Deceptive Aristolochia microstoma Are Pollinated by Phorid Flies and Emit Volatiles Known From Invertebrate Carrion, Front. Ecol. Evol., 21 May 2021; DOI: 10.3389/fevo.2021.658441

(ID:47461668)