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Paläogenomik Mensch und Hund – eine nicht ganz unzertrennliche Geschichte

Redakteur: Christian Lüttmann

Hunde sind seit tausenden von Jahren an der Seite des Menschen. Trotzdem haben sie populationsgeschichtlich manchmal eigene Wege bestritten. So haben Forscher nun mithilfe genetischer Analysen festgestellt, dass sich die Migrationsmuster von Mensch und Hund nicht unbedingt spiegeln. Diese und weitere Einsichten zur Geschichte des Hundes stellen die Wissenschaftler in einer aktuellen Studie vor.

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Hunde begleiten den Menschen seit über 15.000 Jahren
Hunde begleiten den Menschen seit über 15.000 Jahren
(Bild: gemeinfrei, Matt Nelson / Unsplash)

München – Hunde waren die ersten Tiere, die vom Menschen domestiziert wurden, und begleiten uns seit mindestens 15.000 Jahren. Trotz dieser langen gemeinsamen Zeit ist bis heute nur wenig darüber bekannt, wie sich verschiedene Hunde-Populationen über den Globus verbreiteten – und ob und in welchem Ausmaß dies mit der Besiedlungsgeschichte des Menschen zusammenhängt.

In einer groß angelegten internationalen Kooperation ist Wissenschaftlern nun ein entscheidender Fortschritt gelungen. „Wir konnten mithilfe genetischer und statistischer Analysen die Populationsgeschichte prähistorischer Hunde rekonstruieren und ihre Verknüpfung mit derjenigen des Menschen untersuchen“, sagt Laurent Frantz, Professor für Paläogenomik der Haustiere an der LMU und einer der Hauptautoren der Studie. „Dabei haben wir festgestellt, dass sich die Migrationsmuster von Mensch und Hund nicht unbedingt spiegeln.“

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Weniger Wolf als gedacht

Insgesamt sequenzierten die Forscher 27 bis zu 10.900 Jahre alte Hundegenome aus Europa, dem Nahen Osten und Sibirien. Ihre Ergebnisse zeigen, dass es schon vor 11.000 Jahren größere Populationen gegeben haben muss, die bereits in verschiedene Abstammungslinien diversifiziert waren: die arktische, die amerikanische, die nahöstlich/afrikanische sowie die asiatische und die europäische Linie. Die europäische Linie, zu der die meisten der heute weltweit beliebtesten Rassen gehören, ist eine Hybride der arktischen und der nahöstlich/afrikanischen Linie.

„Eine der größten Überraschungen für mich war, dass wir nur einen geringen Genfluss von Wölfen zu Hunden gefunden haben“, erzählt Frantz. „Anders als bei vielen anderen Haustieren haben die wilden Vorfahren der Hunde nach der ersten Domestikation demnach kaum noch Spuren in deren Erbgut hinterlassen.“ Frantz spekuliert, dass möglicherweise der Mensch dabei eine Rolle gespielt hat, indem er gezielt – eventuell aggressivere – Wolfsmischlinge bei der Zucht ausgeschlossen hat.

Eine Hunderasse als Ursprung aller

Um Zusammenhänge zwischen der Populationsgeschichte des Hundes und derjenigen des Menschen zu untersuchen, verglichen die Forscher die Hundegenome mit menschlichen genetischen Datensätzen, die bezüglich Alter, geographischer Herkunft und kulturellem Kontext denjenigen der prähistorischen Hunde ähnlich waren. Dabei fanden sie, dass bestimmte Aspekte der Populationsgeschichte des Hundes mit derjenigen des Menschen übereinstimmen.

So wurden etwa die ersten Bauern, die während der neolithischen Expansion von der östlichen Mittelmeerregion (Levante) nach Europa und Afrika wanderten, wohl von ihren Hunden begleitet. Vor Ort mischten diese sich mit den Hunden der dort lebenden Jäger- und Sammler-Kulturen. Allerdings hat die daraus resultierende große Abstammungsvielfalt der prähistorischen Hunde im Erbgut ihrer modernen europäischen Nachfahren kaum Spuren hinterlassen: „Unter noch unbekannten Umständen ist es später zu einer Homogenisierung gekommen“, sagt Frantz. „Wir haben gefunden, dass ein einzelner Hund, der vor etwa 5000 Jahren in Südschweden lebte, die Abstammung praktisch aller modernen europäischen Hunde erklärt. Dies bedeutet, dass eine einzelne Population mit einer Abstammung, die diesem Individuum ähnlich ist, andere Populationen ersetzte.“

Wo Mensch und Hund unterschiedliche Wege gingen

In anderen Fällen dagegen passen die Migrationsmuster von Mensch und Hund nicht unbedingt zusammen: Die Einwanderung von Steppenvölkern aus dem Osten während der Bronzezeit etwa brachte nicht nur einen dramatischen kulturellen Umschwung, sie hat auch in den Genen der bronzezeitlichen Europäer deutliche Spuren hinterlassen – nicht aber in denen ihrer Hunde. Die Ankunft der Steppenvölker hat also nicht zu anhaltenden, großräumigen Verschiebungen in der Abstammung der europäischen Hunde geführt. Mögliche Gründe für Diskrepanzen in den Populationsgeschichten sehen die Forscher etwa in Handel, Präferenzen für bestimmte Hundearten, unterschiedlichen Anfälligkeiten für Infektionskrankheiten oder dem Wechsel der Hunde von einer menschlichen Gruppe zu einer anderen.

Wann, wo und wie oft der Wolf vom Menschen domestiziert wurde, ist immer noch umstritten. Dass es bereits vor 11.000 Jahren eine Diversifizierung in verschiedene Linien gab, belegt eine lange genetische Geschichte der Hunde während des Paläolithikums. „Unsere Daten unterstützen die These, dass Hunde nur einmal domestiziert wurden und sich dann gemeinsam mit den Menschen ausbreiteten“, sagt Frantz. An welchem Ort die erste Domestikation erfolgte, ist nach Ansicht der Forscher eine nach wie vor ungelöste Frage und erfordert noch weitere Untersuchungen.

Originalpublikation: A. Bergström et al.: Origins and genetic legacy of prehistoric dogs, Science, 30 Oct 2020: Vol. 370, Issue 6516, pp. 557-564; DOI: 10.1126/science.aba9572

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