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Zeitumstellung Sommerzeit für immer – ein Alptraum für Chronobiologen

Autor: Christian Lüttmann

Eine Stunde vor, eine Stunde zurück. Die Zeitumstellung geht vielen auf die Nerven – und einigen sogar aufs Gemüt, etwa in Form von Schlafproblemen. Sollte sie wirklich abgeschafft werden, droht aber die nächste Gefahr: Die von vielen favorisierte dauerhafte Sommerzeit. Chronobiologen halten das für eine schlechte Idee, und plädieren stattdessen für eine Rückkehr zur Winterzeit. Aber warum?

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Sommerzeit für immer? Was sich gut anhört, könnte tatsächlich vielen Menschen zu schaffen machen. (Symbolbild)
Sommerzeit für immer? Was sich gut anhört, könnte tatsächlich vielen Menschen zu schaffen machen. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei, PIRO4D; Hintegrund: Unsplash/James Day / Pixabay )

Würzburg – Am letzten Märzwochenende ist es wieder so weit, Deutschland stellt die Zeitfrage: vor oder zurück? Seit 1980 gibt es zweimal im Jahr den „Zeitsprung“ von einer Stunde. Was uns in der Märznacht „geklaut“ wird, bekommen wir dafür im Oktober wieder zurück. Die Folgen sind halbjährliche Verwirrung sowie ein Aufhänger für Streitgespräche am Frühstückstisch: Wozu der ganze Aufwand? Ist dieses hin und her wechseln nicht sogar schlecht für uns? Warum ist die Zeitumstellung nicht längst abgeschafft?

Ende der Zeitumstellung bleibt strittig

Tatsächlich hatte sich 2018 etwas getan. Das EU-Parlament hatte eine europaweite Umfrage gestartet, bei der die deutliche Mehrheit für ein Ende der Zeitumstellung stimmte [1]. 80 Prozent der viereinhalb Millionen Teilnehmer waren sich einig, dass die Zeit der Umstellung vorbei sein müsse, und der damalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker versprach, diesem Signal zu folgen und die Zeitumstellung bis Ende 2021 abzuschaffen.

Doch die Chancen, dass Europa in diesem Jahr wirklich das letzte Mal an der Uhr dreht, scheinen gering. Unter anderem, weil ein Streitpunkt noch immer nicht geklärt: Welche Zeit wird bleiben?

Ewige Sommerzeit – alles andere als ein „Gute Laune“-Garant

In stichprobenartigen Umfragen wünschen sich die meisten Deutschen die ewige Sommerzeit. Viele Wissenschaftler sehen das allerdings kritisch und warnen vor negativen Folgen für die Gesundheit.

Die Tabelle zeigt die frühesten und spätesten Sonnenauf- und -untergänge im Westen (Aachen) und Osten (Görlitz) von Deutschland. Hervorgehoben ist die Situation mit Zeitumstellung. Bei dauerhafter Winterzeit würden die jeweils oberen Zeiten in blau gelten, bei dauerhafter Sommerzeit die jeweils unteren Zeiten in gelb. 
​ (Hinweis: Die angegeben Zeiten von Sonnenauf- und -untergang im Juni beziehen sich nicht auf denselben Tag. Gleiches gilt für den Dezember.)
Die Tabelle zeigt die frühesten und spätesten Sonnenauf- und -untergänge im Westen (Aachen) und Osten (Görlitz) von Deutschland. Hervorgehoben ist die Situation mit Zeitumstellung. Bei dauerhafter Winterzeit würden die jeweils oberen Zeiten in blau gelten, bei dauerhafter Sommerzeit die jeweils unteren Zeiten in gelb. 
​ (Hinweis: Die angegeben Zeiten von Sonnenauf- und -untergang im Juni beziehen sich nicht auf denselben Tag. Gleiches gilt für den Dezember.)
(Bild: LABORPRAXIS)

Doch was soll so schlimm sein, wenn die Sommerzeit die neue Standardzeit wäre? Das Problem ist der Unterschied zwischen der offiziellen Uhrzeit und der natürlichen Tageszeit. Schon in der Winterzeit hinkt der Sonnenhöchststand unserer Zeit hinterher: Die Sonne steht erst rund 30 Minuten nach 12 am Zenit. In der Sommerzeit kommt noch eine Stunde „Verspätung“ dazu. Dann läuft unser Alltag sozusagen eineinhalb Stunden am tatsächlichen Tagesverlauf vorbei. Das kann auf Dauer die innere Uhr durcheinanderbringen, die Stimmung trüben und sogar krank machen.

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Die innere Uhr

Während wir unser Leben nach Arbeitsterminen und der Zeitanzeige der Uhren ausrichten, stellt sich unser Körper immer noch nach den Lichtverhältnissen der Umwelt ein. Dieser zirkadiane Rhythmus – auch als innere Uhr bezeichnet – gerät immer stärker durch künstliches Licht aus dem Gleichgewicht. So legen etwa Studien nahe, dass noch in der Antike wahrscheinlich die Menstruation von Frauen im Einklang mit der Mondphase bzw. dem Vollmondlicht war. Heute ist dies allenfalls noch eingeschränkt der Fall. Auch der Schlafrhythmus hat sich durch künstliche Beleuchtung verändert. Ohne elektrisches Licht lag die Schlafmitte bei etwa 1 Uhr nachts, heute bei etwa vier Uhr [2].

Dass unser Körper in vielerlei Hinsicht auf die Tageszeit bzw. Lichteinflüsse reagiert, zeigen mittlerweile zahlreiche Studien aus dem Bereich der Chronobiologie. So kann etwa die Behandlung von Allergien verbessert werden, wenn man die Therapie an die Innere Uhr des Patienten anpasst [7]. Auch die Wirksamkeit von Impfungen oder die Wundheilung sind tageszeitabhängig [8-9]. Mittlerweile gibt es sogar die Möglichkeit, den Chronotyp eines Menschen per Bluttest zu bestimmen, also ob jemand eher Frühaufsteher oder Langschläfer ist. Das kann dabei helfen, Medikationen noch besser auf den Patienten und dessen Innenzeit abzustimmen.

Sozialer Jetlag als Dauerzustand

Wie sich Tag-Nacht-Rhythmen und Störeffekte wie Zeitverschiebung oder auch Lichtverschmutzung auf den zirkadianen Rhythmus unseres Körpers auswirken, untersuchen Chronobiologen wie Prof. Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er ist einer der Experten, die vor der „ewigen Sommerzeit“ warnen. Denn diese würde zu einem dauerhaften „sozialen Jetlag“ führen, also zu eben jener größeren Diskrepanz zwischen innerer Uhr und offizieller Tageszeit. Schon innerhalb einer Zeitzone seien gesundheitliche Auswirkungen dieses Phänomens nachweisbar, wie Roenneberg in einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt [2]. So nimmt etwa das Krebsrisiko von Ost nach West zu, weil im Westen die „Verspätung“ des Sonnenhöchststandes etwas größer ist als im Osten [3-5].

Und auch Schlafstörungen, Depressionen und Stoffwechselstörungen wie Fettleibigkeit und Diabetes treten vermehrt auf. Mit jeder Stunde sozialem Jetlag verdreifache sich das Risiko, an Stoffwechselsyndromen zu erkranken, schätzt der Chronobiologe. Die Abweichung zwischen äußerer und innerer Zeit seien auch ein Grund, warum fielen Menschen das Aufstehen morgens besonders schwerfalle. „Sobald Sie einen Wecker zum Aufstehen brauchen, wissen Sie, dass die Körperuhr nicht mehr mit der sozialen Uhr übereinstimmt. Sie leben dann im sozialen Jetlag“, sagt Roenneberg im Tagesspiegel-Interview.

Zeitumstellung – Belastungsprobe für die innere Uhr
Bildergalerie mit 14 Bildern

Das Sommerzeit-Experiment in Russland

In Russland hat man die negativen Folgen einer ganzjährigen Sommerzeit bereits erlebt. Fast vier Jahre lang ließ man dort die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. In manchen Regionen ging die Sonne damit erst gegen 10 Uhr vormittags auf, die Menschen klagten vermehrt über Schlafstörungen und Unwohlsein [6].

Ähnliches befürchtet Roenneberg auch für Deutschland, wenn hier die Sommerzeit ganzjährig eingeführt würde. Damit würde am kürzesten Tag des Jahres der Sonnenaufgang ganz im Westen, etwa in Aachen, erst gegen 9:30 Uhr beginnen. Wenn tatsächlich die dauerhafte Sommerzeit in Deutschland eingeführt wird, wären wir wohl Teil eines großen chronobiologischen Experiments. Der Ausgang ist für Roenneberg allerdings schon klar: Spätestens nach ein paar Jahren würde jeder merken, dass die Sommerzeit auf Dauer nicht funktioniert.

Ende offen

Russland hat diesen Selbstversuch 2014 beendet, und ist zurück zur dauerhaften Standardzeit (also der Winterzeit) gewechselt. Ob das aber die Lösung ist, bleibt abzuwarten. Denn nun macht einigen Menschen das andere Extrem zu schaffen: der frühe Sonnenaufgang im Sommer, teilweise schon um vier Uhr.

Vielleicht ist der Zeitenwechsel zwischen Sommer und Winterzeit am Ende also doch das kleinere Übel? Zwar wird die Zeitumstellung mit Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten und sogar erhöhtem Herzinfarktrisiko in Verbindung gebracht (s. Bildergalerie), doch sind diese Effekte nach einigen Tagen oder spätestens Wochen größtenteils verschwunden. Die dauerhafte Sommerzeit würde den Körper hingegen auf eine langfristige Belastungsprobe stellen, ist sich Chronobiologe Roenneberg sicher. Momentan sieht es aber ohnehin so aus, als würde die versprochene Abschaffung der Zeitumstellung noch auf sich warten lassen. Denn die Streitfrage, welche Zeit dann die neue Standardzeit bleiben soll, bleibt aus politischer Sicht noch unbeantwortet. Immerhin hat man dann weiterhin zweimal im Jahr ein kontroverses Gesprächsthema am Frühstückstisch.

Zumindest eine Frage lässt sich aber leicht beantworten – besonders, wenn bald die Außengastronomie wieder ihre Arbeit aufnehmen kann. Wenn es heißt „Uhr vor- oder zurückstellen?“, hilft nämlich folgende Eselsbrücke: Die Uhr wird so gestellt, wie die Stühle im Biergarten: Im Sommer vor (das Restaurant) und im Winter zurück (ins Lager).

Quellen:

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