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Klimaforschung Studie zeigt: Treibhausgas-Anstieg höher als jemals zuvor

Redakteur: Dipl.-Chem. Marc Platthaus

Der Anteil des Kohlendioxids (CO2) in der Atmosphäre steigt stetig. Eiskerne geben Berner Wissenschaftlern nun weitere Auskünfte über die Kohlendioxid-Konzentration in den vergangenen 450.000 Jahren. Und die Experten schlagen Alarm: Der Konzentrations-Anstieg des Treibhausgases erfolgt in rasantem Tempo.

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Ein Berner Forscher inspiziert ein Segment eines Eiskerns im Tiefkühl-Labor der Universität Bern.
Ein Berner Forscher inspiziert ein Segment eines Eiskerns im Tiefkühl-Labor der Universität Bern.
(Bild: Universität Bern, Manu Friederich)

Bern/Schweiz – Eine an der Universität Bern entwickelte neue Messtechnologie ermöglicht einen detaillierten Einblick in die Klimavergangenheit. Dank hochauflösenden Messungen konnten die vergangenen CO₂-Konzentrationen in der Atmosphäre mithilfe von Eisbohrkernen aus der Antarktis so genau rekonstruiert werden wie nie zuvor. Entscheidend für die neuen Einblicke in die atmosphärische Zusammensetzung vor rund 330.000 bis 450.000 Jahren war nicht zuletzt die große Erfahrung der Berner Forschenden mit der Analyse dieses einzigartigen Klimaarchivs, heißt es in einer Pressemitteilung.

Abschmelzende Eismassen störten die Ozeanzirkulation

Aufschlussreich erwies sich die Rekonstruktion des vergangenen Klimas der acht Eis- und Warmzeiten, die während den vergangenen 800.000 Jahren aufeinander folgten. Dass die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre während dieser Zeitspanne durchgehend deutlich tiefer lag als heute, konnten die Berner Eiskernspezialisten schon 2008 aufzeigen. Doch bisher war nicht klar, wie hoch die maximale Geschwindigkeit von natürlichen CO₂-Anstiegen sein kann und wie häufig solche Ereignisse überhaupt vorkommen. Die aktuelle Berner Studie zeigt nun, dass schnelle CO₂-Anstiege ein weit verbreitetes Merkmal unseres Klimasystems sind – und dass diese sogar während Warmzeiten stattfinden können. „Bisher hatte man angenommen, dass das Klima während natürlichen Warmzeiten sehr stabil ist und es zu keinen schnellen CO₂-Änderungen in der Atmosphäre kam“, erklärt Christoph Nehrbass-Ahles, der Erstautor der Studie, der an der Universität Bern promovierte und seit kurzem an der Universität Cambridge forscht.

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Die sprunghaften Anstiege, so Nehrbass-Ahles, zeigten sich immer dann, wenn schmelzende Eismassen in Grönland oder der Antarktis die Ozeanzirkulation erheblich störten. Schnellte das CO₂ in der Atmosphäre in die Höhe, ließen sich auch gleichzeitige Änderungen in der Zirkulation des Atlantiks feststellen.

CO₂-Anstieg verlief zehnmal langsamer als heute

Dass sich schnelle CO₂-Sprünge nicht nur während den Eiszeiten, sondern auch während zweier vergangener Warmzeiten nachweisen ließen, überraschte die Forschenden. „Wir haben diese Ereignisse im Eis mehrmals nachgemessen und sind immer zum gleichen Schluss gekommen“, erklärt Nehrbass-Ahles. Warum die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre in vergangen Warmzeiten sprunghaft hochgeschnellt ist, können die Forschenden nicht schlüssig sagen. „Wir wissen noch nicht, aus welchen Gründen dies geschah“, erklärt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker, Mitautor der Studie: „Hier stellen sich neue Forschungsfragen.“

Die CO₂-Sprünge der vergangenen Warmzeiten werden von der aktuellen Entwicklung jedoch weit übertroffen: „Diese natürlichen Sprünge der CO₂-Konzentration der Atmosphäre geschahen fast zehnmal langsamer als der menschgemachte Anstieg über das letzte Jahrzehnt“, betont Nehrbass-Ahles.

Damaliger Sprung entspricht gegenwärtigem CO₂-Ausstoß von sechs Jahren

Interessant ist auch, wie groß die rekonstruierten Erhöhungen im Vergleich mit dem aktuellen, menschgemachten Anstieg der CO₂-Konzentration waren. Der größte Anstieg in der Vergangenheit, so Stocker, habe rund 15 ppm betragen (parts per million ist die Masseinheit für die atmosphärische CO₂-Konzentration). Das entspricht etwa dem Anstieg, den die Menschheit gegenwärtig im Zeitraum von sechs Jahren verursacht. „Das mag auf den ersten Blick als nicht sehr bedeutend erscheinen“, sagt Stocker, „mit Blick auf die Mengen von CO₂, die wir noch ausstoßen dürfen, um das in Paris beschlossene 1,5 Grad-Klimaziel nicht zu verlieren, sind solche Erhöhungen aber durchaus relevant.“ Denn die Experten betonen: Ein durch die Klimaerwärmung ausgelöster zusätzlicher Anstieg des Treibhausgases CO₂, wie er in der Vergangenheit auftrat, könnte die Menschheit beim Klimaschutz noch stärker unter Zugzwang bringen.

Originalpublikation: Christoph Nehrbass-Ahles, Jinhwa Shin, Jochen Schmitt, Bernhard Bereiter, Fortunat Joos, Adrian Schilt, Loïc Schmidely, Lucas Silva, Gregory Teste, Roberto Grilli, Jérôme Chappellaz, David Hodell, Hubertus Fischer, and Thomas F. Stocker: Abrupt CO2 release to the atmosphere under glacial and early interglacial climate conditions. Science, 21. August 2020, doi:10.1126/science.aay8178

(ID:46823632)