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Rehabilitation nach einer Operation Unsere biologische Uhr entscheidet mit, wie wirksam Medikamente sind

| Redakteur: Dipl.-Chem. Marc Platthaus

„Zwei Stunden vor dem Essen einnehmen“ – viele Packungsbeilagen geben detaillierte Hinweise, wie Medikamente einzunehmen sind. Eine aktuelle kanadische Studie zeigt jetzt auch, dass die Tageszeit Auswirkungen auf die Wirksamkeit eines Präparates haben kann.

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Wann Medikamente eingenommen werden sollen, hängt laut einer aktuellen Studie auch von unserer biologischen Uhr ab.
Wann Medikamente eingenommen werden sollen, hängt laut einer aktuellen Studie auch von unserer biologischen Uhr ab.
(Bild: © Rido)

Montreal/Kanada – Patienten, die gerade eine Knie-, Schulter- oder Hüftoperation hinter sich haben, sollten morgens oder mittags Entzündungshemmer einnehmen, aber nicht nachts. Eine von der McGill University in Montreal durchgeführte Studie zeigt erstmals, dass unsere biologische Uhr an der Heilung nach einer Operation beteiligt ist. Tatsächlich haben die Forscher herausgefunden, dass entzündungshemmende Medikamente die postoperative Heilung und Erholung am wirksamsten fördern, wenn sie während der aktiven Zeit unserer biologischen Uhr eingenommen werden.

Zirkadiane Uhren-Gene helfen bei der Heilung nach einer Operation

Die Studie, deutet auch darauf hin, dass entzündungshemmende Medikamente die Heilung und den Knochenaufbau nach der Operation stark behindern können – nämlich dann, wenn sie entweder nachmittags oder nachts während der Ruhephasen des zirkadianen Rhythmus eingenommen werden. Das liegt daran, dass in diesen Zeiträumen bestimmte Zellen, die so genannten Osteoblasten, den Knochen wieder aufbauen.

Obwohl frühere Forschungen gezeigt haben, dass die Gene der zirkadianen Uhr bei Krankheiten wie Krebs, Alzheimer, Arthritis und Parkinson eine Rolle spielen, konnten die Forscher in dieser Studie erstmals beweisen, dass der zirkadiane Rhythmus bei jeder Art von Operation oder Verletzung eine Auswirkung haben kann.

Positive Entzündungen

Entzündungen nach einer Operation sind für die Heilung von entscheidender Bedeutung. Denn während dieses Prozesses werden u.a. Bakterien zerstört, die sich in dem Gebiet befinden könnten, sowie Signale gesendet, die Zellen zum Wiederaufbau des Gewebes anziehen. Doch der Prozess ist keine Konstante.

„Es gibt Entzündungsperioden, die eigentlich sehr destruktiv sind, und es gibt Perioden, die konstruktiv und wichtig für die Heilung sind“, sagt Faleh Tamimi. Viele Pharmaunternehmen hätten bereits versucht, Medikamente zu entwickeln, die die destruktiven Prozesse während der Entzündung hemmen, aber nicht die nützlichen beeinträchtigen, so der Forscher weiter.

Er fügt hinzu: „Unsere Idee war, die zirkadianen Variationen der Entzündung zu unserem Vorteil zu nutzen. Die destruktive Komponente des zirkadianen Rhythmus, die mit der Knochenheilung zusammenhängt, tritt tagsüber auf, wenn Zellen, die als Osteoklasten bekannt sind, Knochen abbauen. Die aufbauenden Zellen, die Osteoblasten, sind nachts aktiv.“ Indem man Entzündungshemmer nur am Morgen bzw. Schmerzmittel nach Möglichkeit nur über Nacht verabreicht, könnten wir bessere Ergebnisse bei der Knochenheilung erzielen, als wenn Entzündungshemmer über den Tag verteilt verabreicht werden.“

Signifikante Unterschiede in der Heilungsrate und in den Genen

Die Forscher verglichen Schmerzen und Knochenheilung bei zwei verschiedenen Gruppen von Mäusen mit gebrochenem Schienbein. Eine Gruppe erhielt über einen Zeitraum von 24 Stunden konstante Dosen von Entzündungshemmern, während die anderen nur morgens – während der aktiven Phasen des zirkadianen Rhythmus – Entzündungshemmer und nachts Analgetika erhielten. Die Forscher stellten fest, dass sich die zweite Gruppe von den Schmerzen der Verletzung erholte und die Knochen schneller und vollständiger wieder kräftig wurden. Überraschenderweise stellten sie auch Unterschiede zwischen den Gruppen bei der Expression von über 500 Genen fest, die spezifisch mit den Knochenheilungsprozessen zusammenhängen. „Es ist fast so, als ob Morgen-Entzündungshemmer und Abend-Entzündungshemmer zwei verschiedene Medikamente wären“, fügt Tamimi hinzu.

Der Rhythmus der körpereigenen Heilung

Im nächsten Schritt sammeln die Forscher vorläufige Daten aus einer klinischen Studie, die Schmerzen und Heilung im Zusammenhang mit der Extraktion von Weisheitszähnen überwacht, wobei zwei verschiedene medikamentöse Behandlungen eingesetzt werden - eine, die ausschließlich entzündungshemmende Mittel beinhaltet, und eine andere, bei der nur morgens und mittags entzündungshemmende Medikamente sowie nachmittags und abends Analgetika verabreicht werden. Die vorläufigen Ergebnisse sind nach Aussage der Wissenschaftler vielversprechend.

Originalpublikation: H. Al-Waeli, B. Nicolau, L. Stone, L. Abu Nada, Q. Gao, MN. Abdallah, E. Abdulkader, M. Suzuki, A. Mansour, A. Al Subaie, F. Tamimi; Chronotherapy of Non-Steroidal Anti-Inflammatory Drugs May Enhance Postoperative Recovery; Scientific Reports volume 10, Article number: 468 (2020)

(ID:46326026)